Nora wollte um sechs Uhr los.
Eva bestand auf halb acht, nachdem Jana die Route und den Treffpunkt bestätigt hatte. Das Café öffnete erst am Nachmittag; vorher gab es keinen Grund, stundenlang in Wismar nach Daniel zu suchen.
„Wir könnten den Hafen abgehen“, sagte Nora.
„Wir könnten auch genau das tun, was er erwartet.“
Nora legte den Autoschlüssel auf den Küchentisch. „Ich fahre trotzdem.“
„Nicht allein.“
Der Satz traf einen alten Reflex. Nora hatte sechs Jahre lang geglaubt, allein schneller an Daniel heranzukommen. Allein hatte er ihr jedes Dokument erklären, jeden Zweifel als Misstrauen und jede Lücke als Schutz verkaufen können.
Jetzt war allein kein Beweis für Stärke.
Sie informierten Tobias schriftlich über Abfahrt, geplante Rückkehr und das konkrete Ziel. Jana erhielt Kennzeichen und Telefonnummern. Keine Live-Überwachung, nur ein vereinbarter Kontakt, falls der Ort wechselte oder Daniel erschien.
Nora überprüfte den Kofferraum. Kein Werkzeug, keine Tasche für unbekannte Akten. Sie nahm ihr Notizbuch, eine Powerbank und die Kopie der Postkarte.
Eva setzte sich auf den Beifahrersitz.
„Wenn Daniel nur mit Ihnen spricht?“, fragte Nora.
„Dann spreche ich nicht ohne Sie.“
„Wenn er wegläuft?“
„Dann laufen wir nicht in irgendeine Seitengasse.“
„Sie haben auf alles eine langweilige Antwort.“
„Das ist der Plan.“
Auf der Autobahn sprach Nora über ihre Mutter, nicht über Daniel. Die Unfallakte hatte bestätigt, dass Marlene nicht ermordet worden war. Trotzdem blieb die Aktentasche zwei Tage später bei Rolf.
„Ich habe fast gehofft, der Unfall sei mehr“, sagte Nora.
Eva sah nicht erschrocken aus. „Weil es das spätere Unrecht erklären würde.“
„Weil ein Täter leichter zu hassen ist als zwanzig Jahre Schweigen.“
Sie ließ den Satz im Auto stehen.
In Wismar parkten sie in einem öffentlichen Parkhaus und fotografierten nur die Stellplatznummer für sich. Sie liefen gemeinsam zum Hafen. Das Café lag offen an der Promenade, mit großen Fenstern und mehreren Ausgängen.
Nora entdeckte zuerst einen Mann in Daniels Alter.
Er drehte sich um.
Nicht Daniel.
Ihr Körper reagierte trotzdem mit derselben Mischung aus Hoffnung und Wut. Sie ärgerte sich darüber, als gehöre selbst der Reflex ihm.
Eva wählte einen Tisch, von dem beide die Tür sehen konnten. Sie bestellten Kaffee und Kuchen. Nora nahm den Kuchen mit der Zitronenglasur, obwohl Daniel früher behauptet hatte, sie möge nur Schokolade.
Um 16.20 Uhr kam niemand.
Um 16.28 Uhr wollte Nora aufstehen.
„Fünf Minuten“, sagte Eva.
„Warum?“
„Damit wir später nicht behaupten, wir seien genau zur Uhrzeit gegangen.“
Um 16.33 Uhr bat Eva um die Rechnung.
Eine Bedienung sah die Postkarte auf dem Tisch. „Die haben wir seit Jahren nicht mehr“, sagte sie.
Nora hielt inne. „Kennen Sie das Motiv?“
„Das ist unsere alte Serie. Der Besitzer hat sie drucken lassen.“
Sie zeigte auf die Markierung am Hafenbild. Dort stand in winziger Schrift die frühere Adresse des Cafés. Vor acht Jahren war es zwei Häuser weitergezogen.
„War gestern oder vorgestern jemand hier, der nach der alten Karte gefragt hat?“, fragte Nora.
Die Bedienung erinnerte sich an keinen solchen Gast. Sie bot an, den Besitzer zu rufen.
Nora informierte Jana per Nachricht, bevor sie das Gespräch fortsetzte. Der Besitzer kam aus der Küche und betrachtete die Karte.
„Ein Mann hatte letzte Woche fünf Stück davon“, sagte er. „Nicht bei uns gekauft. Er wollte wissen, ob Ernst noch hierherkommt.“
„Ernst Bader?“
Der Besitzer hob die Schultern. „Er sagte nur Ernst, früher Steuerberater.“
Daniel war nicht zum Treffen erschienen.
Aber seine Frage verband die Postkarte mit dem Namen aus der Banknotiz.
Der Besitzer erinnerte sich, dass der Mann nicht allein am Tisch gesessen hatte. Ein älterer Herr war später dazugekommen. Sie hatten eine dünne graue Mappe ausgetauscht.
Nora fragte nicht nach privaten Gästedaten oder verlangte Kamerabilder. Das Café bewahrte Aufnahmen nur wenige Tage; die betreffende Zeit war bereits überschrieben.
Sie gab ihre Kontaktdaten für Jana an, nicht für eine private Vernehmung.
Auf dem Rückweg zum Auto sagte Eva: „Gut, dass wir nicht morgens den Hafen abgesucht haben.“
„Sie dürfen einmal recht haben.“
„Nur einmal?“
Nora lächelte zum ersten Mal an diesem Tag.
Daniel hatte sie nach Wismar gelockt und war nicht erschienen.
Trotzdem hatten sie keinen leeren Tisch mit einem Geheimnis verwechselt.
Sie hatten einen Zeugen für ein Treffen und einen Namen, der unabhängig in einer Banknotiz stand.
Und Nora war keinen Kilometer allein gefahren.
