Kapitel 59: Der alte Versicherungsfall

Der Antrag auf Akteneinsicht umfasste nicht Marlenes ganzes Leben.

Nora hatte als nahe Angehörige und mögliche Rechtsnachfolgerin um die Unterlagen gebeten, die zum damaligen Unfall, zum Fahrzeug und zu den nicht zurückgegebenen Gegenständen freigegeben werden durften. Die Versicherung schwärzte Daten anderer Beteiligter und medizinische Details, die für ihre Frage nicht erforderlich waren.

Der Umschlag kam per Einschreiben.

Nora öffnete ihn in Tobias’ Kanzlei. Sie wollte keine Zeile übersehen, aber auch nicht aus jedem schwarzen Balken ein Geheimnis machen.

Der Unfallbericht war nüchtern. Marlene war an einem regnerischen Oktobermorgen auf einer Landstraße von der Fahrbahn abgekommen. Ein technischer Defekt war geprüft und nicht festgestellt worden. Zeugenaussagen und Spurenlage hatten keinen Hinweis auf ein zweites beteiligtes Fahrzeug ergeben.

Die damalige Versicherung hatte den Vorgang als Verkehrsunfall reguliert.

Kein Verdacht auf Fremdeinwirkung.

Keine offene Tötungsermittlung.

Nora las die Seite zweimal. Ein Teil von ihr hatte sich in den vergangenen Tagen gegen diese Klarheit gewehrt. Wenn Helene Unterlagen verschwinden ließ, Daniel auf Nora angesetzt hatte und Rolf Geldbewegungen kannte, konnte auch der Unfall plötzlich in dieselbe dunkle Geschichte rutschen.

Die Akte tat das nicht.

„Meine Mutter wurde nicht wegen der Anteile getötet“, sagte Nora.

Tobias antwortete vorsichtig. „Diese freigegebenen Unterlagen bestätigen die damalige Bewertung als Unfall. Für eine andere Behauptung gibt es hier keinen Anhaltspunkt.“

„Dann bleibt es ein Unfall.“

Eva saß neben ihr. „Ja.“

Nora schloss den Bericht. Helene hatte genug getan. Nora musste ihr keinen Mord hinzufügen, um die späteren Entscheidungen gefährlich zu finden.

In der Sachschadenliste standen Marlenes Mantel, eine Armbanduhr, persönliche Papiere und eine dunkelgrüne Aktentasche. Bei den ersten drei Positionen war die Rückgabe an Peter Brandt vermerkt.

Neben der Aktentasche stand:

Übergabe an bevollmächtigten Firmenvertreter – Nachweis separat.

Kein Name.

Nora setzte den Finger auf die Zeile. „Das ist die grüne Mappe.“

„Es ist eine dunkelgrüne Aktentasche“, sagte Eva. „Wir wissen nicht, was darin lag.“

Die Inventarliste beschrieb den Inhalt nur allgemein: Bauzeichnungen, Firmenkorrespondenz, ein versiegelter Dokumentenumschlag. Die Tasche selbst war Eigentum der Firma gewesen, die privaten und gesellschaftsrechtlichen Rechte an den Unterlagen waren nicht geprüft worden.

Ein späterer Vermerk erklärte, der Empfangsnachweis sei nicht zur Versicherungsakte zurückgelangt.

„Also hat jemand sie abgeholt und die Quittung fehlt“, sagte Nora.

„Der Nachweis liegt vielleicht in einer getrennten Akte“, sagte Tobias. Er beantragte gezielt die Empfangsbestätigung und die damalige Vollmacht, soweit sie archiviert waren.

Die Versicherung fand außerdem eine interne Korrespondenz. Ein Mitarbeiter hatte drei Wochen nach dem Unfall nach der Tasche gefragt. Die Antwort lautete, sie sei am zweiten Werktag nach der Bergung an einen Vertreter von Keller & Brandt Wohnbau übergeben worden.

Zwei Tage nach Marlenes Tod.

Vor der notariellen Besprechung.

Vor der Zahlung an Peter.

Nora dachte an Peters Brief: Eines lag bei der Urkunde, eines bei Marlene.

Wenn Marlenes Exemplar in der Aktentasche gewesen war, konnte es schon vor der Treuhandbesprechung wieder in den Einflussbereich der Firma gelangt sein.

Das war keine Gewissheit. Nur eine überprüfbare Möglichkeit.

Sie fragte nach Fotos vom Fahrzeug. Die freigegebenen Aufnahmen zeigten eine geschlossene Beifahrertür und persönliche Gegenstände in beschrifteten Beuteln. Nora betrachtete sie nicht länger als nötig.

Sie suchte keine Wunde.

Sie suchte eine Tasche.

Auf einem Übersichtsbild war der grüne Griff zu sehen. An ihm hing ein weißes Etikett mit einer Nummer. Tobias verglich sie mit der Inventarliste.

Gleiche Nummer.

Damit war bestätigt, dass die Tasche am Unfallort vorhanden und in die geregelte Verwahrung gelangt war. Wer sie später erhielt, blieb offen.

Nora bat um eine beglaubigte Kopie der relevanten Seiten. Die medizinischen Anlagen ließ sie geschlossen.

„Sie wollen die nicht sehen?“, fragte Tobias.

„Sie beantworten meine Frage nicht.“

Auf dem Flur atmete Nora tief. Die Akte hatte ihr keine neue Katastrophe gegeben. Sie hatte etwas Schwierigeres getan: Sie hatte eine Grenze gesetzt.

Marlene war durch einen Unfall gestorben.

Was danach mit ihrer Aktentasche, ihrem Nachtrag und ihrer Tochter geschah, waren Entscheidungen der Lebenden.

Die fehlende Empfangsbestätigung führte nicht zu einem Mörder.

Sie führte zu einem Firmenvertreter.

Und zu einer Übergabe zwei Tage nach dem Tod.