Eva las Peters Brief nicht allein.
Hilde brachte ihn am nächsten Morgen in Tobias’ Kanzlei. Das Papier lag in einer transparenten Hülle, auf deren Rand Peter mit Kugelschreiber „Nicht abgeschickt“ notiert hatte. Hilde erklärte, sie habe den Brief nach seinem Tod zwischen Versicherungsunterlagen gefunden.
Nora saß Eva gegenüber. Sie berührte die Hülle nicht.
Tobias dokumentierte Vorderseite, Rückseite und Zustand. Dann las er den Text laut, damit niemand später behaupten konnte, eine besonders passende Zeile sei aus dem Zusammenhang genommen worden.
Peter schrieb an Helene, die Zahlung vom November sei keine Gegenleistung für Marlenes Beteiligung gewesen. Er verlangte, dass sie den „Treuhandnachtrag“ anerkenne und Nora bei Volljährigkeit informiere.
Weiter unten stand:
Es gab zwei Originale. Eines lag bei der Urkunde, eines bei Marlene. Du kannst nicht so tun, als sei keines je unterschrieben worden.
Eva markierte den Satz nicht. Sie notierte nur die Begriffe: zwei Originale, Urkunde, Marlene, Information bei Volljährigkeit.
„Warum hat er ihn nicht abgeschickt?“, fragte Nora.
Hilde wusste es nicht. Auf der letzten Seite hatte Peter drei unterschiedliche Schlussformulierungen begonnen und wieder gestrichen. In einer verlangte er weitere Zahlungen. In einer drohte er mit einem Anwalt. In der dritten bat er um ein Gespräch ohne Protokoll.
Der Brief war keine klare Heldentat. Er war der Entwurf eines Mannes, der widersprechen wollte und den Widerspruch nicht abschickte.
„Vielleicht hat er persönlich mit ihr gesprochen“, sagte Nora.
„Vielleicht“, sagte Eva. „Der Brief beweist nur, was er zu diesem Zeitpunkt schreiben wollte.“
Nora sah sie kurz an. Eva kannte diesen Blick inzwischen. Er bedeutete nicht Zustimmung, sondern die Entscheidung, eine unbequeme Grenze stehen zu lassen.
Tobias verglich das Datum mit den Kontoauszügen. Der Entwurf stammte aus dem folgenden Frühjahr, kurz bevor die monatlichen Hilfen endeten. Der zeitliche Zusammenhang war sichtbar, die Ursache nicht.
Ein zweiter Brief in der Dose war an eine inzwischen geschlossene Hamburger Notariatskanzlei adressiert. Peter bat um eine Kopie „der Ergänzung zugunsten meiner minderjährigen Tochter“. Auf der Rückseite stand keine Versandmarke. Auch dieser Brief konnte nie abgeschickt worden sein.
„Er wusste also, dass Nora genannt war“, sagte Eva.
„Er behauptete es jedenfalls schriftlich“, sagte Tobias.
Hilde zog eine kleine Quittung aus der Hülle. Sie stammte von einem Schreibwarenladen. Zwei Einschreiben waren bezahlt worden, drei Tage nach dem Datum des Notarbriefs.
„Das beweist nicht, welche Briefe verschickt wurden“, sagte Eva.
„Aber es gibt einen Prüfweg“, sagte Tobias. Er würde im erhaltenen Posteingang der Nachfolgeinstitution nach Peters Namen und dem konkreten Aktenzeichen fragen.
Eva betrachtete die Handschrift. Daniel hatte Jahre später nach demselben Nachtrag gesucht. Helene hatte Eva gefragt, ob sie das Original besaß. Zwischen Peters ungeklärtem Brief und Daniels Suche lag kein Beweis für eine lückenlose Kette. Aber beide sprachen von mehr als einer vagen Familiengeschichte.
Nora fragte Hilde, ob Peter je das Original in der Hand gehabt habe.
„Nicht vor mir. Er sagte, Marlenes Exemplar sei in der grünen Mappe gewesen.“
Der Holzkoffer.
Die Mappe, die Daniel bereits im dritten Monat der Beziehung gesehen und später bei der Restaurierung abgeholt hatte.
„Und das andere Original?“, fragte Nora.
„Bei der Urkunde, sagte er.“
Eva dachte an die halbe Terminkarte vom 8. November 1999 und an die fehlenden Seiten der Besprechungsniederschrift. Wenn Peters Erinnerung stimmte, mussten in einer formalen Akte zumindest Spuren des Nachtrags geblieben sein, selbst wenn das Blatt fehlte.
Tobias formulierte eine begrenzte Anfrage. Keine Forderung nach sämtlichen Nachlassakten, sondern nach Registereinträgen, Anlagenverzeichnissen und Korrespondenz zu einem Nachtrag zugunsten Nora Brandts.
„Ich möchte nicht, dass Helene vorher davon erfährt“, sagte Nora.
„Eine zuständige Stelle entscheidet über Benachrichtigungen“, sagte Tobias. „Wir können kein geheimes Verfahren verlangen. Wir können aber den Sicherungsgrund erklären.“
Nora nickte.
Eva legte ihre Notizen in den blauen Ordner. Peters Brief erhielt keinen Titel wie „Beweis des Verkaufs“ oder „Beweis der Treuhand“. Sie schrieb:
Entwurf: Vater bestreitet Verkauf; nennt zwei Originale.
Auf dem Heimweg dachte sie an Daniels rote Akte. Er hatte möglicherweise eine Spur aus einem Brief verfolgt, den Nora nie gekannt hatte. Vielleicht hatte er den Brief selbst gesehen. Vielleicht hatte Helene ihm nur die Suche beschrieben.
Eva würde die Lücke nicht mit Daniels Motiv füllen.
Der Vater hatte nicht bewiesen, dass Nora heute fünfunddreißig Prozent gehörten.
Aber er hatte vor siebenundzwanzig Jahren aufgeschrieben, dass die Zahlung keinen Verkauf ersetzte und ein Treuhandnachtrag existierte.
Ein ungesendeter Brief war keine verlorene Wahrheit.
Er war eine Frage mit Datum, Handschrift und zwei behaupteten Originalen.
Diesmal würde die Frage tatsächlich bei der zuständigen Stelle ankommen.
