Das Hotelzimmer roch nach Reinigungsmittel und kaltem Rauch.
Daniel war seit vier Tagen weg. Das Bett war neu bezogen, der Papierkorb geleert, die Handtücher gewechselt. Jana stand mit einem Kollegen und der Hotelmanagerin im Raum. Eva und Nora sahen nur die später freigegebenen Fotos.
„Er war hier?“, fragte Nora.
„Ein Mann, der Daniel sehr ähnlich sieht, übernachtete eine Nacht“, sagte Jana. „Die Mitarbeiterin an der Rezeption hat ihn auf einem Foto erkannt.“
Der Gast hatte sich als Jens Alwardt eingetragen.
Nora kannte den Namen aus der Personalkapazitätsliste. Jens Alwardt war der angebliche technische Projektleiter, dessen Geschäftsadresse das leer stehende Musterhaus am Birkenrain gewesen war.
„Existiert er?“, fragte Eva.
„Wir haben bisher keine Person bestätigt, die zu den eingereichten Projektdaten passt.“
„Dann hat Daniel einen Namen aus der Finanzierung benutzt.“
„Das ist wahrscheinlich. Wir prüfen, ob der Name anderweitig vergeben ist.“
Die Unterschrift im Meldeschein ähnelte weder Daniels noch der Signatur auf der Personalliste. Das Hotel hatte keine belastbare Identitätskopie. Jana behandelte den Namen deshalb als benutzten Alias, nicht als Beweis, dass Jens Alwardt gar nicht existierte.
Die Hotelbuchung war telefonisch erfolgt. Bezahlt wurde bar. Als Anschrift hatte der Gast das Büro von KW Projektservice angegeben. Die Rezeption hatte den Ausweis nur kurz gesehen; eine Kopie lag nicht vor.
„Warum haben sie ihn nicht kontrolliert?“, fragte Nora.
„Sie haben Daten aufgenommen. Ob ein falsches Dokument gezeigt wurde oder die Kontrolle unzureichend war, ist Teil der Prüfung.“
Daniel hatte das Zimmer am nächsten Morgen um 6:30 Uhr verlassen. Er trug laut Nachtportier eine dunkle Sporttasche, die er bei der Ankunft nicht dabeigehabt hatte.
„Also lag sein Gepäck in Rostock“, sagte Eva.
„Oder jemand brachte es ihm.“
Auf den Fluraufnahmen war keine Übergabe zu sehen. Ein Hintereingang hatte keine Kamera.
Die Sporttasche war kein Modell, das Eva oder Nora kannten. Der Portier beschrieb einen weißen Streifen an der Seite. Jana ließ prüfen, ob Daniel sie gekauft, deponiert oder von jemandem erhalten hatte. Eine Antwort gab es noch nicht.
Das rote Ordner erschien auf keinem Bild nach dem Einchecken. Im Zimmer wurde er nicht gefunden.
„Hat er ihn weitergegeben?“, fragte Nora.
„Unbekannt.“
Die Hotelmanagerin hatte den Raum nach Janas Anfrage erneut prüfen lassen. Hinter dem schmalen Schreibtisch lag ein Stück Papier, das bei der Reinigung zwischen Wand und Heizkörper gerutscht war.
Es war die untere Hälfte einer Lohnliste.
Oben fehlten Firmenname, Monat und Überschrift. Sichtbar waren acht Zeilen mit Beträgen, Kontokürzeln und Freigabefeldern. Drei Namen stammten aus der Personalanlage der Nordbank.
Jens Alwardt stand nicht darunter.
In der letzten Zeile war eine Nummer mit rotem Stift eingekreist:
HK-274.
Eva sah sie an und spürte, wie ihre Hände kalt wurden.
„Das ist meine Personalnummer.“
„Bei HanseKontor?“, fragte Jana.
„Ja.“
„Ist sie öffentlich?“
„Nein.“
Die Nummer stand auf Evas Lohnabrechnungen und internen Freigabevermerken. Daniel hatte zu Hause Unterlagen sehen können, doch Eva wusste nicht, ob er je genau diese Nummer gelesen hatte.
Neben HK-274 stand:
Freigabe 2 – bestätigt.
„Ich habe diese Zahlungen nicht bestätigt“, sagte Eva.
„Kennen Sie das Formular?“
Sie betrachtete Schrift, Linien und die Reihenfolge der Spalten. Das Blatt war beschädigt, aber der Aufbau kam ihr bekannt vor.
„Es sieht aus wie ein altes HanseKontor-Deckblatt.“
„Sicher?“
„Der Freigabebereich und die Linien. Unser aktuelles Formular sieht anders aus.“
Jana ließ das Papier sichern. Eva sollte keine Kollegen anrufen und keine internen Vorlagen mitnehmen. Ihr Arbeitgeber würde über den formellen Weg eingebunden.
Nora zeigte auf den roten Kreis. „Daniel wollte, dass jemand ihre Nummer sieht.“
Eva dachte an den Ordner „E.“, den es laut späteren Gerätehinweisen noch geben konnte, an ihre falsche Berufsbezeichnung und Helenes öffentliche Reihenfolge wahrer Wörter.
„Oder er benutzte sie für den Vorgang“, sagte sie.
Das Zimmer unter falschem Namen war leer.
Zurückgeblieben war nur ein zerrissenes Blatt.
Und darauf stand nicht Daniels Kennung.
Es stand Evas.
Auf der Rückseite des Papierstücks befand sich der Abdruck einer zweiten Seite. Unter schrägem Licht waren nur Teile eines Datums und das Wort „Rente“ erkennbar. Das Blatt hatte also nicht allein im Zimmer gelegen; es war aus einem größeren Stapel gerissen worden.
Daniel hatte die Hälfte mitgenommen.
Oder jemand vor ihm.
