Kapitel 44: Der rote Ordner

Auf der neuen Aufnahme war die Nummer lesbar.

Jana legte Eva und Nora einen vergrößerten Ausschnitt aus der Bahnhofskamera vor. Eine zweite Kamera am Übergang zum Bahnsteig hatte Daniel von der Seite erfasst. Auf dem Rücken des roten Ordners klebte ein weißes Etikett:

BR/417 – Bestand.

Die ersten beiden Ziffern des Jahres waren durch Daniels Hand verdeckt. Der Rest passte zur Notariatskarte und zur Notiz im anonymen Protokoll.

„Er hatte die Firmenakte“, sagte Nora.

„Er hatte einen Ordner mit passender Beschriftung“, sagte Jana. „Den Inhalt sehen wir nicht.“

Auf einem weiteren Bild stand der Ordner kurz offen. Die oberste Seite zeigte eine Tabelle mit drei Spalten und einen violetten Stempel am Rand. Eva erinnerte an den ähnlichen Stempel auf dem Plan aus Fach 318. Jana ließ die Bilder vergleichen, ohne eine sofortige Übereinstimmung zu versprechen.

Eva betrachtete Daniels Kleidung. Derselbe Mantel wie auf dem ersten Foto, keine Tasche, keine sichtbare Begleitung.

„Wohin ging er danach?“

Jana zeigte eine Sequenz aus Hamburg. Daniel war mit einer Regionalbahn angekommen und durch die Bahnhofshalle gegangen. Er kaufte nichts, telefonierte kurz und wartete nahe einem Café.

Um 20:11 Uhr trat eine Frau zu ihm.

Die Kamera erfasste sie zunächst nur von hinten. Dunkler Mantel, helles Haar, mittlere Größe. Daniel übergab den roten Ordner nicht. Er öffnete ihn, zeigte ihr mehrere Seiten und schloss ihn wieder.

Die Frau deutete auf eine Seite. Daniel zog den Ordner zurück. Ihre Körperhaltung wirkte angespannt, aber weder schrie jemand noch griff jemand nach dem anderen. Reisende gingen zwischen ihnen vorbei, ohne stehen zu bleiben.

„Wie lange?“, fragte Eva.

„Elf Minuten.“

„Hat sie ihm etwas gegeben?“

„Auf den Bildern nicht erkennbar.“

Nora beugte sich näher. „Ist das Katrin?“

„Das können wir aus diesem Winkel nicht sagen.“

Die Frau berührte Daniel einmal am Arm. Keine erkennbare Gewalt, kein sichtbarer Streit. Danach gingen beide in verschiedene Richtungen.

Daniel trug den Ordner weiter.

„Warum sehen wir das erst jetzt?“, fragte Nora.

„Die erste Prüfung konzentrierte sich auf seinen Abfahrtsort“, sagte Jana. „Nach dem Hinweis auf den roten Ordner wurden weitere gespeicherte Sequenzen gezielt gesichert. Nicht jede Kamera liefert automatisch eine durchgehende Route.“

Eva akzeptierte die Erklärung. Ein Überwachungssystem war keine allwissende Erzählstimme.

Jana hatte außerdem die Fahrkartendaten geprüft. Daniel benutzte für die Strecke nach Hamburg eine Fahrkarte aus dem Firmenkontingent. Danach tauchte keine weitere digitale Buchung auf seinen Namen auf.

„Helene sagte, er habe Geld gestohlen“, sagte Eva. „Trotzdem war sein Firmenzugang am Abend noch aktiv.“

„Das Kontingent kann vorher gebucht worden sein.“

„Oder die Firma hatte ihn noch nicht gesperrt.“

Jana notierte beide Möglichkeiten.

Die zeitliche Reihenfolge war eng: Um 18:54 Uhr hatte Daniel Lübeck verlassen. Um 20:02 Uhr kam er in Hamburg an. Das Treffen begann neun Minuten später. Es blieb kaum Zeit für eine spontane Verabredung.

„Das war geplant“, sagte Nora.

„Es spricht für eine Verabredung“, korrigierte Jana.

Auf dem letzten Bild stand die Frau unter einer helleren Lampe. Ihr Gesicht war teilweise von einem Schal verdeckt. Der Kragen des Mantels trug eine breite metallene Spange.

Eva kannte diese Spange.

Helene besaß nur wenige auffällige Kleidungsstücke. Einen anthrazitfarbenen Wollmantel schloss sie seit Jahren mit einer silbernen Querklammer statt mit dem oberen Knopf.

„Das ist Helenes Mantel“, sagte Eva.

„Der Mantel oder die Frau?“

„Den Mantel erkenne ich sicherer als das Gesicht.“

Jana notierte genau das.

Eine weitere Kamera konnte die Frau möglicherweise beim Ausgang erfasst haben. Die Sequenz wurde noch ausgewertet.

Daniel war also nicht direkt von Lübeck verschwunden.

Er war mit der roten Akte nach Hamburg gefahren und hatte dort verabredet eine Frau getroffen.

Der Ordner blieb danach bei ihm.

Und die Frau trug Helenes Mantel.

Wenn Helene die Akte hatte zurückholen wollen, war sie ohne sie gegangen. Wenn sie Daniel hatte warnen wollen, hatte sie das der Polizei verschwiegen.

In beiden Fällen war das Treffen kein Zufall auf einem Bahnsteig.

Daniel hatte gewusst, wo Helene auf ihn wartete.

Und wann.

Ganz genau geplant.