Kapitel 43: Drei Seiten fehlen

Der Umschlag lag um 5:50 Uhr im Nachtbriefkasten von Tobias’ Kanzlei.

Kein Absender. Keine Fingerabdrücke, die Tobias selbst sichern wollte. Er rief Jana an, bevor er den Umschlag öffnete. Die Polizei dokumentierte Fundort und Zustand.

Darin befanden sich neun kopierte Seiten.

Sitzungsprotokoll Keller & Brandt Wohnbau.

8. November 1999.

Es war dasselbe Datum wie auf der halben Notariatskarte und dem ersten Scan der Speicherkarte. Die Kopie enthielt eine Teilnehmerliste:

Helene Keller.

Peter Brandt.

Rolf Keller.

Steuerberater Dr. Ernst Bader.

Der Name des Notars war am rechten Rand abgeschnitten.

Die Seiten waren von 1 bis 12 nummeriert.

Seite 4, 5 und 6 fehlten.

„Jemand gibt uns genau genug, damit wir weitersuchen“, sagte Nora.

„Oder genau wenig genug, um eine bestimmte Geschichte zu erzeugen“, sagte Eva.

Die vorhandenen Seiten beschrieben die Situation nach Marlenes Tod. Peter sollte vorläufige Zahlungen für Nora erhalten. Helene erklärte, die Firma könne keine gesperrten Beteiligungsrechte tragen. Rolf schlug eine interne Verwaltung vor.

Seite 3 endete mitten in einem Satz:

Die von Marlene Brandt vorgesehene Sicherung zugunsten ihrer Tochter soll—

Seite 7 begann mit:

—bis zur Volljährigkeit getrennt vom operativen Vermögen geführt werden.

Die fehlenden Seiten enthielten den Übergang. Ob dort Zustimmung, Widerspruch oder eine zusätzliche Bedingung stand, war nicht erkennbar.

Auf Seite 7 stand:

Die Rechte der minderjährigen Begünstigten bleiben bis zur Prüfung der Zusatzvereinbarung unberührt.

Noras Name erschien nicht. Ihr Alter und die Bezeichnung minderjährige Begünstigte passten jedoch zu den anderen Unterlagen.

„Was steht auf Seite 4 bis 6?“, fragte sie.

„Das wissen wir nicht“, sagte Tobias.

„Dort muss die Zusatzvereinbarung erklärt werden.“

„Vielleicht. Vielleicht auch die Finanzlage oder eine Unterbrechung.“

Jana ließ die Kopien untersuchen. Papier und Toner waren modern. Es handelte sich nicht um Originale aus 1999, sondern um spätere Ausdrucke oder Kopien. Ein kleiner Schatten am linken Rand zeigte, dass die Vorlage in einem Ordner geheftet gewesen war.

Die Kopfzeile trug auf jeder vorhandenen Seite denselben Tippfehler: „Gesellschafterversamlung“ mit nur einem m. Derselbe Fehler erschien auf dem Scan von Daniels Speicherkarte. Das stützte eine gemeinsame Vorlage, bewies aber nicht, dass die anonymen Seiten unverändert waren.

Auf Seite 12 befand sich eine handschriftliche Notiz:

Roter Ordner – Bestand 99/BR/417.

Dieselbe Nummer wie die notarielle Nachlassangelegenheit.

Eva dachte an die rote Mappe in Daniels Hand auf dem Bahnhofsfoto.

„Kann das jemand nachträglich geschrieben haben?“, fragte sie.

„Ja“, sagte Jana. „Wir vergleichen Handschrift und Tinte nur, wenn ein Original auftaucht. Auf einer Kopie ist die Aussage begrenzt.“

Der Nachtbriefkasten wurde von einer Kamera erfasst. Das Bild zeigte eine Person mit Kapuze, klein oder nach vorn gebeugt. Keine sichere Identifizierung. Lukas’ Wagen war nicht zu sehen.

„Es war Lukas“, sagte Nora.

Eva sah sie an.

„Er wusste vom Schrank. Er war gestern hier. Wer sonst?“

„Katrin. Helene. Daniel, wenn er zurück ist. Jeder mit einer Kopie.“

Nora strich Lukas’ Namen aus ihrer Notiz und schrieb Quelle unbekannt.

Sie wollte wissen, ob der Umschlag nach Baustellenstaub roch. Eva hielt sie davon ab, aus einem Geruch eine Herkunft zu machen. Jana sicherte stattdessen helle Partikel an der Klebekante. Ob sie von einer Baustelle, einem Büro oder der Straße stammten, blieb offen.

Am Nachmittag bestätigte die Verwahrstelle, dass die Nummer 99/BR/417 zu Marlenes Nachlassakte gehörte. Sie bestätigte nicht, dass der rote Ordner eine amtliche Akte war. Wahrscheinlicher handelte es sich um die Firmenablage zu derselben Angelegenheit.

Tobias fasste zusammen:

Das Protokoll stützte die Existenz einer minderjährigen Begünstigten.

Es zeigte, dass Helene nach Marlenes Tod an der Diskussion beteiligt war.

Es bewies nicht, welche Rechte Nora heute hatte.

Und die drei Seiten, auf denen die entscheidende Vereinbarung behandelt worden sein konnte, fehlten.

Nora legte die Seiten 3 und 7 nebeneinander.

Zwischen ihnen lagen keine leeren Nummern.

Zwischen ihnen lag die Entscheidung, die ihr siebenundzwanzig Jahre lang niemand erklärt hatte.

Und jemand mit Zugang zu mehr Seiten entschied noch immer, welche drei sie nicht lesen durfte.

Die Lücke war selbst zu einer Nachricht geworden.

Nur ohne Absender.