Lukas brachte keinen Anwalt mit.
Er setzte sich Tobias gegenüber und ließ Helm und Arbeitsjacke auf dem Stuhl neben sich liegen. Eva saß am anderen Ende des Tisches. Nora nahm per Video teil, weil Jana sie gebeten hatte, sich von der Baustelle fernzuhalten.
„Ich wollte den Schrank vor Feuchtigkeit schützen“, sagte Lukas.
„Vor der Polizei?“, fragte Eva.
„Vor den Bauarbeiten.“
„Die Bauarbeiten waren gestoppt.“
Lukas rieb sich über die Stirn. „In dem Raum steht seit Jahren altes Zeug. Lohnlisten, Gesellschafterunterlagen, Personalakten. Nichts davon gehört in die Hände von Nora.“
„Mein Name und der meiner Mutter stehen in Ihren aktuellen Projektunterlagen“, sagte Nora vom Bildschirm. „Sie haben nicht entschieden, dass mich das nichts angeht.“
„Es sind Daten von Beschäftigten dabei.“
Tobias nickte. „Dann werden sie rechtmäßig gesichert und geschützt. Datenschutz bedeutet nicht, dass relevante Unterlagen vor einer Prüfung verschwinden dürfen.“
Er schlug einen unabhängigen Verwahrer vor, der personenbezogene Unterlagen von gesellschafts- und finanzierungsbezogenen Akten trennte. Eva und Nora müssten keine fremden Lohnlisten sehen. Lukas lehnte diesen Weg nicht ausdrücklich ab; er behauptete nur, dafür fehle die Zeit.
Lukas sah zu Eva. „Du weißt, was passiert, wenn alte Lohnlisten öffentlich werden.“
„Ich habe keine Veröffentlichung verlangt.“
„Die Presse wartet vor jedem Gebäude.“
„Weil Helene sie dorthin eingeladen hat.“
Lukas schüttelte den Kopf. „Meine Mutter versucht, die Firma zusammenzuhalten.“
„Mit meiner erfundenen Handlungsvollmacht.“
„Daniel hat das vorbereitet.“
„Helene hat unterschrieben.“
„Sie hat ihm vertraut.“
Eva lehnte sich zurück. „Dann kennen Sie das Problem. Vertrauen ersetzt keine Prüfung.“
Lukas schwieg.
Tobias fragte, welche Gesellschafterunterlagen im Schrank lagen. Lukas nannte alte Protokolle, Listen und Abrechnungen aus den ersten Firmenjahren. Er behauptete, nicht zu wissen, ob Marlenes Treuhandregelung darunter war.
„Wer hat den Schrank zuletzt geöffnet?“, fragte Nora.
„Keine Ahnung.“
„Sie wollten ihn zuerst abtransportieren.“
„Weil meine Mutter sagte, dort seien sensible Unterlagen.“
„Also wusste sie, was darin ist.“
Lukas bemerkte zu spät, dass seine Antwort die nächste Frage geöffnet hatte.
„Sie kennt das Archiv“, sagte er schließlich. „Natürlich kennt sie das Archiv. Sie führt die Firma seit Jahrzehnten.“
„Und Sie?“, fragte Eva.
„Ich habe vor Jahren Personalunterlagen hineingestellt.“
„Welche Jahre?“
„Alte Unterlagen. Vor meiner Zeit als Betriebsleiter.“
„Haben Sie den Namen Marlene Brandt gesehen?“
Lukas blickte zur Tür. „Ja.“
Nora wurde still.
„In welcher Form?“
„Auf Protokollen. Auf Abrechnungen. Sie war Gründerin. Das ist kein Geheimnis.“
„Auf Ihrer Internetseite schon“, sagte Nora.
„Stand dort auch etwas über eine minderjährige Begünstigte?“, fragte Tobias.
Lukas’ Blick ging zu seinem Helm. „Ich erinnere mich an den Ausdruck.“
„Welchen Ausdruck?“
„Begünstigte. Nicht an einen Namen.“
„Wann haben Sie das gesehen?“
„Vor Jahren.“
Mehr wollte er nicht eingrenzen.
Lukas stand auf, setzte sich aber wieder, als Tobias ihn daran erinnerte, dass das Gespräch freiwillig war.
„Meine Mutter hat die Firma nach Marlenes Tod gerettet“, sagte er. „Ihr beurteilt jede Entscheidung mit dem Wissen von heute. Damals standen Baustellen, Banken drohten, Mitarbeiter warteten auf Geld.“
„Und heute?“, fragte Eva. „Heute wartet Nora darauf, ob ihr Haus vollstreckt wird. Ich verliere Zuständigkeiten bei meiner Arbeit. Ihre Mutter benutzt unsere Namen, um die Firma weiter zu retten.“
„Wenn Keller Wohnbau fällt, verlieren mehr Menschen.“
„Das ist keine Waage“, sagte Eva. „Sie können nicht zwei Unschuldige mit Schulden belasten und das Gewicht der Beschäftigten auf die andere Seite legen.“
Lukas nahm seinen Helm. „Du verstehst nicht, was meine Mutter geopfert hat.“
„Doch. Ich sehe nur, dass sie bisher andere Menschen opfert.“
Er ging zur Tür.
„Lukas“, sagte Eva.
Er blieb stehen.
„Wenn in dem Schrank etwas liegt, das Mitarbeiter schützt, sichern Sie es. Wenn darin etwas liegt, das Helene belastet, sichern Sie es ebenfalls. Das ist Ihre Grenze.“
Lukas öffnete die Tür, ohne zu antworten.
Am Abend meldete Keller Wohnbau schriftlich, man werde den Metallschrank bis zur behördlichen Entscheidung nicht bewegen.
Zum ersten Mal hatte Lukas sich nicht hinter Daniel versteckt.
Er hatte zugegeben, Marlenes Namen in den alten Unterlagen gesehen zu haben.
Und er hatte das Wort Begünstigte gekannt, bevor Tobias ihm ein einziges Protokoll gezeigt hatte.
