Keller Wohnbau verweigerte den Zugang zum alten Archiv.
Tobias hatte am Morgen eine Sicherung der Räume verlangt. Die Antwort der Firma kam eine Stunde später: Es bestehe kein Anspruch privater Personen auf Betreten betrieblicher Flächen. Der geplante Umbau diene der Beseitigung von Feuchtigkeitsschäden und könne nicht verschoben werden.
„Feuchtigkeit“, sagte Nora. „Immer wenn jemand Papier entfernen will, ist plötzlich Wasser schuld.“
„Diesmal kann es tatsächlich Feuchtigkeit geben“, sagte Eva.
Sie saßen in Tobias’ Kanzlei. Jana prüfte, ob der Bauplan, die Speicherkarte und der Lagerzugang eine behördliche Sicherung rechtfertigten. Bis dahin durften Eva und Nora weder die Baustelle blockieren noch Mitarbeiter ansprechen.
Nora öffnete die öffentliche Bauanzeige. Der Auftragnehmer hieß Nordwerk Ausbau GmbH.
„Kennen Sie die?“, fragte Eva.
„Noch nicht.“
Nora suchte nur in öffentlichen Bekanntmachungen. Nordwerk Ausbau hatte in den letzten zwei Jahren mehrere kleinere Aufträge für Keller Wohnbau ausgeführt. Die Geschäftsadresse lag in einem Büropark bei Hamburg.
Eva kannte den Namen aus einem anderen Zusammenhang.
In der Garantiedatei der Nordbank war Nordwerk als Lieferant des Projektverbunds aufgeführt. Drei Rechnungen, zusammen 486.000 Euro, sollten mit der nächsten Auszahlung bezahlt werden.
Die Rechnungen waren in drei aufeinanderfolgenden Monaten erstellt worden, obwohl die Bauanzeige den Innenumbau erst seit vier Tagen nannte. Zwei Leistungsbeschreibungen lauteten allgemein auf „Bestandssicherung“ und „Räumung“. Eva markierte den Widerspruch, behauptete aber nicht, dass die Rechnungen falsch waren. Die Leistungen konnten andere Standorte betreffen.
„Dasselbe Unternehmen, dessen Rechnung angeblich unsere Garantie schützt, soll die Wand öffnen“, sagte sie.
Tobias verglich Handelsregisterdaten und Bankanlage. „Das ist eine Verbindung. Noch kein Beweis für eine Scheinrechnung oder Beweisbeseitigung.“
„Wer ist Geschäftsführer?“
Ein Mann namens Ralf Seeger. Öffentlich war keine familiäre Verbindung zu Keller erkennbar. Die Telefonnummer des Unternehmens führte zu einem Büroservice.
Nora prüfte die Baustellenbeschreibung. Der Umbau war erst vor vier Tagen angezeigt worden, einen Tag nach Daniels Verschwinden. Als Ausführungsbeginn stand Mittwoch, 7:00 Uhr.
„Sehr kurzfristig“, sagte sie.
„Bei einem behaupteten Feuchtigkeitsschaden möglich“, sagte Tobias.
Sie beschafften keine privaten Daten. Tobias leitete die öffentlichen Angaben und die Rechnungen an Jana weiter. Zusätzlich verlangte er von Keller Wohnbau schriftlich, dass vorhandene Altakten, Hohlräume und Datenträger bis zur Klärung nicht zerstört würden.
Helene antwortete persönlich.
Es gebe in dem Gebäude keine geheimen Archive. Die Behauptung diene nur dazu, einen notwendigen Umbau zu behindern und den Ruf des Unternehmens weiter zu beschädigen.
„Wir haben nie ‚geheim‘ geschrieben“, sagte Eva.
„Sie antwortet auf ein Wort, das nicht in der Anfrage steht“, sagte Nora.
Am Nachmittag erhielt Jana die vorläufigen Bilder vom Lagerzugang. Die Person, die drei Tage vor der Sperre Fach 318 betreten hatte, trug eine Kapuze. Das Gesicht war nicht erkennbar. Sie benutzte jedoch eine Firmenkarte, die im alten System auf den Bereich Geschäftsführung ausgestellt worden war.
Keine Zuordnung zu Helene, Daniel oder Lukas. Nur ein weiterer begrenzter Fakt.
Um 17:30 Uhr fuhr Nora nicht zur Baustelle. Sie öffnete stattdessen die öffentlich angekündigte digitale Informationsrunde für Anwohner. Dort erklärte ein Projektleiter von Nordwerk, dass der hintere Archivraum vollständig entkernt werde.
„Was geschieht mit Einbauten und alten Schränken?“, fragte ein Anwohner.
„Die Fläche ist bereits geräumt“, sagte der Projektleiter. „Morgen entfernen wir die nicht tragende Wand.“
Nora notierte den Wortlaut und die Uhrzeit. Sie stellte keine Frage unter falschem Namen.
Kurz vor Ende zeigte der Projektleiter einen Grundriss. Für weniger als zwei Sekunden erschien die Wand auf dem Bildschirm.
Davor stand ein schmales Rechteck, das auf dem Plan aus Fach 318 nicht eingezeichnet war.
Ein Metallschrank.
Nora machte keinen heimlichen Mitschnitt. Die Präsentation wurde den Teilnehmenden offiziell zum Download angeboten. Sie speicherte die Datei und schickte sie an Tobias und Jana.
Die Wand sollte am nächsten Morgen fallen.
Und derselbe Lieferant, dessen offene Rechnungen mit Evas und Noras Namen abgesichert werden sollten, hatte den Auftrag, alles dahinter zu entfernen.
Diesmal konnten sie die Arbeit nicht selbst stoppen. Aber bevor der erste Hammer fiel, lag der Zusammenhang bei der Polizei, der Bank und ihrem Anwalt.
Niemand konnte später Unwissen behaupten.
