Kapitel 36: Nur mit Beschluss

Der Schlüssel zu Fach 318 lag in Peters alter Keksdose.

Hilde fand ihn zwischen zwei Ersatzschlüsseln und einer Messingmarke mit der eingeprägten Zahl 318. Nora hielt ihn in der Hand, bis das Metall warm wurde.

„Damit könnten wir heute nach Hamburg fahren“, sagte Hilde.

„Nein“, sagte Nora.

Vor einem Monat hätte sie die Antwort vielleicht anders gegeben. Das Lagerfach lief auf ihren verstorbenen Vater. Sie war seine Erbin. Der Schlüssel lag in seinem Nachlass. Trotzdem gab es ungeklärte Mitberechtigte, ein laufendes Ermittlungsverfahren und Zahlungen von Keller Wohnbau.

Ein heimliches Öffnen würde nicht nur rechtliche Fragen schaffen. Es würde Helene die Möglichkeit geben zu behaupten, Nora habe den Inhalt verändert.

Nora fotografierte Schlüssel und Marke, ließ beides aber in der Dose. Tobias nahm sie gegen Quittung in Verwahrung.

Jana hatte den Betreiber bereits gebeten, Zugriffe vorläufig zu sperren. Für eine Durchsuchung oder Sicherstellung des Inhalts brauchte sie jedoch eine ausreichende rechtliche Grundlage und eine formelle Entscheidung.

„Wie lange?“, fragte Eva.

„Nicht heute“, sagte Jana. „Der Zahlungsweg, die Speicherkarte und der mögliche Bezug zu den falschen Unterlagen werden geprüft.“

„Helene kann in der Zwischenzeit eine Rechnung schicken und das Fach kündigen.“

„Der Betreiber führt derzeit keine Änderung aus.“

„Und jemand mit einer alten Berechtigung?“

„Wird nicht eingelassen.“

Das war nicht dasselbe wie ein Beschluss, aber es war eine gesicherte Pause.

Jana schickte dem Betreiber die Vorgangsnummer. Nora erhielt keine Kopie der polizeilichen Anfrage, nur die Bestätigung, dass sie eingegangen war. Damit blieb klar, welche Schritte von ihr und welche von der Behörde stammten.

Nora unterschrieb die Übergabe des Schlüssels. Sie behielt keine Kopie und fotografierte die Zacken nicht näher. Eva machte darüber keinen Witz. Beide wussten inzwischen, dass eine Grenze nicht nur vor Schuld schützte, sondern auch den Wert eines späteren Fundes.

Am Nachmittag arbeiteten sie getrennt. Nora beantwortete Fragen ihres Versicherers zum Musterhaus. Eva war bei HanseKontor, durfte aber wegen der laufenden Bankprüfung keine privaten Unterlagen am Arbeitsplatz öffnen.

Um 16:20 Uhr erschien auf der Internetseite von Keller Wohnbau eine Erklärung.

Eva las sie in ihrer Pause.

Das Unternehmen teilte mit, Daniel Keller habe ohne Zustimmung der Geschäftsführung Unterlagen und erhebliche Geldbeträge entzogen. Man kooperiere mit den Behörden und arbeite daran, Beschäftigte, Partner und Kunden vor weiteren Schäden zu schützen.

Seine privaten Handlungen seien der Familie und der Geschäftsführung nicht bekannt gewesen.

Kein Wort über Helenes unterschriebene Arbeitgeberbestätigung.

Kein Wort über Lukas’ Kenntnis der Sicherheiten.

Kein Wort über Nora.

Eva schickte den Link an Tobias und Jana. Sie kommentierte ihn nicht öffentlich.

Eine Stunde später übernahm ein lokales Nachrichtenportal die Erklärung. Die Überschrift lautete:

Lübecker Bauunternehmer nach mutmaßlicher Veruntreuung verschwunden.

Im Artikel stand, Daniel sei verheiratet. Seine Ehefrau arbeite „im Finanz- und Abrechnungsbereich“. Das Unternehmen prüfe, ob weitere Personen Zugang zu den verwendeten Freigaben gehabt hätten.

Evas Name wurde nicht genannt. Die Beschreibung reichte trotzdem für Kolleginnen und Geschäftspartner, die Daniel kannten.

Sabine kam an ihren Schreibtisch. „Der Chef möchte dich sprechen.“

Im Büro warteten der Personalleiter und eine externe Compliance-Beraterin. Beide waren höflich. Gerade das machte Eva klar, dass das Gespräch vorbereitet war.

„Wir unterstellen dir nichts“, sagte der Personalleiter. „Aber die Presseanfrage nennt deine berufliche Funktion.“

„Die falschen Bankunterlagen nennen mich Finanzleiterin bei Keller Wohnbau. Das bin ich nie gewesen.“

„Wir brauchen eine schriftliche Darstellung und müssen prüfen, ob HanseKontor-Daten betroffen sind.“

Eva nickte. „Die echten Angaben in meinem gefälschten Lebenslauf stammen teilweise aus Unterlagen, die Daniel zu Hause sehen konnte.“

„Bis zur Klärung setzen wir beim morgigen Zahlungslauf eine zusätzliche Kontrolle ein.“

Noch keine Freistellung. Aber der erste Schatten lag auf ihrer Arbeit.

Als Eva das Büro verließ, wartete eine Nachricht von Nora:

Wir öffnen das Fach nur mit Beschluss.

Darunter stand ein zweiter Link. Helenes Erklärung war inzwischen von drei Medien übernommen worden.

Während Eva und Nora darauf warteten, dass Fach 318 rechtmäßig geöffnet werden durfte, hatte Helene eine andere Tür geöffnet.

Sie hatte Daniels Flucht öffentlich gemacht und Eva direkt daneben gestellt.