Kapitel 35: Der tote Briefkasten

An der alten Adresse gab es keinen Briefkasten mehr.

Wo Noras Vater nach dem Unfall ein Zimmer gemietet hatte, stand heute ein fünfgeschossiges Bürohaus. Im Erdgeschoss verkaufte ein Bäcker belegte Brötchen. Die Hausnummer war geblieben, sonst nichts.

Nora fotografierte nur die Straßenansicht. Eva wartete neben ihr.

„Hilde sagte, die Kisten waren hier.“

„Vor siebenundzwanzig Jahren.“

„Ich weiß.“

Sie gingen nicht in die Büros und fragten nicht nach Unterlagen, die lange vor dem Bau des Hauses verschwunden waren. Stattdessen trafen sie Hilde in einem Café. Sie hatte zwei Kartons aus Peters Nachlass mitgebracht.

Zwischen alten Steuerbescheiden und Versicherungsbriefen lag ein ungeöffneter Umschlag aus dem Jahr nach Marlenes Tod. Er war an Peter Brandt unter der abgerissenen Adresse gerichtet. Ein gelber Aufkleber zeigte die Weiterleitung:

HanseLager, Billstraße 47, Hamburg.

Fach 318.

Der Absender war eine Kanzlei, die nicht mehr bestand. Nora öffnete den Brief als Teil des geerbten Nachlasses erst in Tobias’ Beisein. Darin lag nur eine Erinnerung, persönliche Unterlagen aus dem Lagerfach abzuholen. Am Rand stand eine Notiz ihres Vaters:

Nicht ohne H.K.

„Helene Keller?“, fragte Nora.

„Möglich“, sagte Tobias. „Oder andere Initialen.“

„Das ist kein Postfach“, sagte Eva.

Tobias prüfte die Anschrift. HanseLager vermietete kleine Lagerräume und Dokumentenschränke. Das Unternehmen existierte noch, inzwischen unter neuem Namen.

Nora wies sich als Erbin ihres Vaters aus und fragte schriftlich nur, ob noch ein Vertrag auf seinen Namen bestand. Sie bat weder um Öffnung noch um Auskunft zum Inhalt.

Die Antwort kam am nächsten Tag.

Der Vertrag für Lagerfach 318 war nie gekündigt worden. Wegen der alten Vertragsform benötigte der Betreiber zusätzliche Nachweise, bevor Nora Zugang oder weitere Daten erhalten konnte.

Der Betreiber erklärte außerdem, dass das Fach in einem gesicherten Bereich lag. Ein alter Schlüssel allein würde nicht genügen; jede Öffnung werde im System erfasst. Damit war Noras Befürchtung, jemand könne die Sachen in derselben Nacht entfernen, zumindest kleiner.

„Wer bezahlt siebenundzwanzig Jahre lang ein Fach, das meinem Vater gehörte?“, fragte Nora.

Der Mitarbeiter durfte am Telefon keinen vollständigen Zahlungsweg nennen. Er bestätigte aber, dass die letzte Jahresrechnung nicht von Nora oder Peter Brandt beglichen worden war.

Tobias schickte eine formelle Anfrage mit Erbnachweis. Am Nachmittag erhielt er eine begrenzte Vertragsauskunft:

Mieter: Peter Brandt.

Korrespondenzadresse seit 2001: Keller Wohnbau GmbH.

Zahlstelle: Geschäftskonto Keller Wohnbau GmbH.

Die Zahlstelle war erst 2001 geändert worden. Davor hatte Peter selbst gezahlt. Zwei Jahre nach Marlenes Tod übernahm die Firma die Miete, ließ den Vertrag aber auf seinen Namen laufen.

„Helene wusste also spätestens 2001 vom Fach“, sagte Nora.

„Die Firma wusste davon“, korrigierte Eva.

Nora schrieb genau diesen Satz in ihr Notizbuch.

Eva legte die Daten neben Helenes Vergleichsangebot. „Sie bezahlt ein Lagerfach aus dem Nachlass einer Frau, die angeblich keine Rolle mehr in der Firma hatte.“

„Vielleicht lagert dort Firmeneigentum“, sagte Tobias.

„Dann müsste der Vertrag nicht weiter auf meinem Vater laufen“, sagte Nora.

Sie durfte das Fach noch immer nicht öffnen. Der Betreiber verlangte einen aktuellen Erbschein und die Klärung, ob weitere Berechtigte eingetragen waren. Jana musste entscheiden, ob der Ort für das laufende Verfahren gesichert werden sollte.

Jana bestätigte noch am selben Abend, dass sie eine Sicherung des Zugangs prüfen ließ. Bis zur Entscheidung sollte der Betreiber weder eine Kündigung noch eine Änderung der Berechtigten ausführen. Das war keine Durchsuchung und keine Erlaubnis für Nora, aber es verringerte das Risiko, dass das Fach stillschweigend verschwand.

Nora fuhr nicht nach Hamburg. Sie rief keinen Schlüsseldienst. Sie gab Adresse, Fachnummer und Vertragsauskunft an Jana.

Am Abend stand sie wieder vor dem Bürohaus am alten Wohnort ihres Vaters. Menschen warfen Briefe in einen roten Postkasten an der Ecke. Der Briefkasten, an dem Peter seinen Namen getragen hatte, war mit dem Gebäude verschwunden.

Seine Post hatte trotzdem einen Weg gefunden.

Sie führte zu einem Lagerfach, das noch immer auf einen Toten lief.

Und Keller Wohnbau bezahlte bis heute die Miete.

Nicht aus Erinnerung, sondern Monat für Monat aus einem aktiven Geschäftskonto.

Noch immer.