Kapitel 34: Die Stimme der Tante

Hilde erkannte Marlene nach vier Wörtern.

Jana hatte sie getrennt von Nora und Eva angehört. Keine von beiden durfte ihr vorher sagen, an welcher Stelle die Stimme kam. Hilde setzte die Kopfhörer auf, schloss die Augen und hob bei dem Satz über die gebundenen Anteile die Hand.

„Das ist meine Schwester.“

„Woran erkennen Sie sie?“, fragte Jana.

„Sie verschluckt das r in Prozent. Und wenn sie wütend war, wurde sie leiser, nicht lauter.“

Jana notierte die Merkmale. „Erkennen Sie die zweite Frau?“

Hilde hörte den Abschnitt noch einmal. „Helene. Jünger, aber Helene.“

„Sicher?“

„Ja.“

Die technische Prüfung hatte keine offensichtlichen Schnitte innerhalb der gesprochenen Sätze gefunden. Das harte Knacken am Ende konnte von einer beschädigten Kassette stammen. Der Dateiname blieb unzuverlässig.

„Wann wurde das aufgenommen?“, fragte Nora.

Hilde nahm die Kopfhörer ab. „Vor Marlenes Tod. Aber nicht am sechsten September.“

„Woher wissen Sie das?“

„Weil ich eine Kopie hatte.“

Nora sagte nichts.

Hilde strich das Kabel der Kopfhörer gerade. „Marlene gab mir eine Kassette und einen Umschlag. Sie sagte, falls Helene die Treuhandregelung nicht einhalte, sollte ich beides zu einem Anwalt bringen.“

Hilde beschrieb die Kassette als durchsichtig mit einem weißen Etikett. Marlene hatte nur „Besprechung“ und den Monat darauf geschrieben. Kein Tagesdatum. Nora zeigte ihr die Studioangabe 06/09.

„Das kann Juni 1999 heißen“, sagte Hilde. „Marlene schrieb Monate manchmal zuerst.“

Damit war der Widerspruch nicht gelöst, aber eine zweite Lesart entstand: sechster Monat, neunzehnhundertneunundneunzig. Im Juni war Marlene nicht in der Klinik gewesen. Jana notierte auch das, ohne den Dateinamen nachträglich umzudeuten.

„Und das haben Sie nie getan.“

„Nein.“

„Warum?“

Hilde sah zu Jana, als wünsche sie sich, das Gespräch wäre wieder nur eine Aussage. „Nach dem Unfall kam Peter. Er sagte, Helene drohe, alle Zahlungen einzustellen und das Haus der Bank zu überlassen. Er nahm den Umschlag und die Kassette.“

„Freiwillig gegeben?“

„Ich habe sie ihm gegeben. Er war dein Vater.“

Peter hatte versprochen, am nächsten Morgen zu einem Anwalt zu fahren. Zwei Tage später sagte er, Helene habe alles geregelt. Hilde sah die Kassette nie wieder.

„Warum haben Sie nicht nachgefragt?“

„Weil Nora jeden Abend auf der Treppe saß und auf ihre Mutter wartete“, sagte Hilde. „Weil Peter nicht aß. Weil Helene kam, Rechnungen bezahlte und so sprach, als sei jede Frage eine Gefahr für euch.“

Nora stand auf und ging bis zur Wand. Sie schlug nicht dagegen. Sie legte nur die Handfläche auf die kalte Farbe.

„Sie wussten mein ganzes Leben davon.“

„Ich wusste, dass Marlene dich schützen wollte. Ich wusste nicht, was später noch gültig war.“

„Sie hätten es mir sagen können.“

„Ja.“

Die Antwort ließ keinen Gegner übrig, gegen den Nora ankämpfen konnte.

Eva fragte: „Wo hat Peter die Sachen hingebracht?“

„In seine alte Wohnung. Nach dem Unfall konnte er unser Haus eine Zeit lang nicht ertragen. Er mietete ein Zimmer in Lübeck und lagerte dort Kisten.“

Hilde schrieb die Adresse auf. Das Gebäude existierte nicht mehr; Nora erinnerte sich an den Abriss vor zwölf Jahren.

„Daniel muss eine der Kassetten gefunden haben“, sagte Eva.

„Oder eine weitere Kopie“, sagte Jana.

Eva fragte, ob Marlene noch andere Personen eingeweiht hatte. Hilde nannte den damaligen Steuerberater und einen Notar, kannte aber keine vollständigen Namen. Sie erinnerte sich nur, dass auf dem grünen Umschlag Noras Vorname gestanden hatte.

Nora dachte an ihre unsichere Kindheitserinnerung. Diesmal kam der Name nicht von ihr. Hilde hatte ihn genannt, ohne zu wissen, was Nora Wochen zuvor beschrieben hatte.

Hilde nahm Noras Hand nicht. Sie schob ihr nur den Zettel über den Tisch.

„Ich kann die siebenundzwanzig Jahre nicht zurücknehmen“, sagte sie. „Aber ich kann aufhören, dir nur die Hälfte zu erzählen.“

Auf dem Zettel stand die letzte Adresse, an der Noras Vater Marlenes Kassette und den grünen Umschlag gemeinsam besessen hatte.

Nora steckte den Zettel nicht sofort ein. „Ab jetzt erzählen Sie mir auch die Teile, die ihn schlecht aussehen lassen.“

Hilde nickte. „Auch die.“

Erst dann nahm Nora die Adresse.