Nora fand den Fehler um 2:14 Uhr nachts.
Auf dem Transkript stand als mutmaßliches Aufnahmedatum der 6. September 1999. Die Angabe stammte aus einem Dateinamen:
MB_Sitzung_06-09-1999.
An diesem Tag war Marlene nicht in Lübeck gewesen.
Nora besaß noch den Kalender ihrer Mutter. Hilde hatte ihn nach dem ersten Gespräch aus einer Kiste geholt. Vom 4. bis 10. September war Marlene nach einer Operation in einer Hamburger Klinik geblieben.
Auf der sechsten Seite des Kalenders klebte sogar eine Besuchskarte, die Nora als Kind gemalt hatte.
Hilde hatte auf der Rückseite notiert: Für Marlene, Zimmer 214. Nora erinnerte sich an Automatenkakao im Klinikflur und daran, dass ihre Mutter wegen der frischen Narbe nicht lachen wollte. Die Erinnerung war konkreter als jede Audiodatei.
Sie rief Eva erst am Morgen an.
„Die Aufnahme ist falsch.“
Eva hörte zu, dann fragte sie: „Woher stammt das Datum?“
„Aus dem Dateinamen.“
„Nicht aus der Aufnahme?“
„Daniel hat sie so benannt.“
„Oder das Digitalisierungsstudio.“
Nora schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Meine Mutter konnte nicht gleichzeitig in einer Klinik und in einer Firmenbesprechung sein.“
„Das sage ich nicht.“
Eva erklärte, warum sie dem Dateinamen weniger Gewicht gab. In der Lohnabrechnung erhielt ein Dokument oft das Datum, an dem es eingescannt, versandt oder einem Vorgang zugeordnet wurde. Das konnte vom tatsächlichen Entstehungstag abweichen. Der Name war ein Hinweis, keine Urkunde.
„Und wenn ihn jemand absichtlich falsch gesetzt hat?“
„Dann ist auch das wichtig. Aber zuerst müssen wir wissen, wer ihn gesetzt hat.“
„Sie suchen schon wieder eine Erklärung für ihn.“
„Ich trenne das Datum von der Stimme.“
Eva kam nach Bad Oldesloe. Sie verglichen Rechnung, Dateiname und das technische Protokoll. Die Digitalisierungsfirma hatte die vier Dateien nach den Beschriftungen auf den Kassetten benannt. Wer die Kassette beschriftet hatte, war nicht vermerkt.
„Vielleicht hat Daniel ein falsches Datum aufgeschrieben, um uns in eine falsche Akte zu führen“, sagte Nora.
„Möglich.“
„Vielleicht ist die Stimme zusammengeschnitten.“
„Auch das muss geprüft werden.“
Nora stand am Fenster. „Sie klingen, als würde es Ihnen nichts ausmachen, wenn die einzige Stimme meiner Mutter eine Fälschung ist.“
Eva wurde still.
„Das war unfair“, sagte Nora.
„Ja.“
„Sie könnten trotzdem etwas sagen.“
„Wenn die Aufnahme falsch datiert ist, möchte ich wissen, warum. Aber ich werde sie nicht für echt erklären, damit Sie sich besser fühlen.“
Nora drehte sich um. „Und ich werde sie nicht für falsch erklären, nur damit ich nicht wieder hoffe.“
Der Satz blieb zwischen ihnen.
Sie riefen Tobias an. Er bat um die Klinikunterlagen, soweit Nora sie als Nachlassunterlage rechtmäßig besaß, und leitete den Datumswiderspruch an Jana weiter. Die Audiodatei sollte auf Schnitte geprüft werden. Gleichzeitig musste geklärt werden, ob der 6. September ein Aufnahme-, Beschriftungs- oder späteres Digitalisierungsdatum war.
Tobias fragte, ob die Klinikzeit eine Teilnahme per Telefon ausgeschlossen hätte. Nora wollte sofort Ja sagen. Dann erinnerte sie sich, dass Marlene im Kalender mehrere geschäftliche Anrufe notiert hatte.
„Die Aufnahme klingt nach einem Raum mit mehreren Personen“, sagte sie.
„Das spricht gegen einen Telefonanruf, beweist es aber nicht“, sagte Tobias.
Nora hasste auch diese Möglichkeit. Doch sie schrieb sie in die Zeitleiste, statt sie aus Ärger zu löschen.
Am Nachmittag fand Eva auf der Restaurierungsrechnung einen Zusatz:
Kassette 3 – Aufschrift möglicherweise 06/09, ohne Jahreszahl.
„Sehen Sie“, sagte sie. „Der Dateiname kann erweitert worden sein.“
„Von wem?“
„Wissen wir nicht.“
Nora lachte ohne Freude. „Da ist er wieder.“
Der Fehler zerstörte die Aufnahme nicht. Aber er nahm ihr die bequeme Sicherheit, dass eine Stimme und ein Datum gemeinsam eine Wahrheit ergaben.
Für Nora fühlte sich das fast genauso schlimm an wie eine Lüge.
Am Abend schickte sie Eva ein Foto der neuen Tabellenzeile:
6. September 1999 – Dateiangabe widerspricht Klinikaufenthalt; Bedeutung ungeklärt.
Eva antwortete mit einem Häkchen.
Es war keine Versöhnung und keine Lösung. Aber beide hatten denselben Fehler festgehalten, ohne ihn für Daniel, Helene oder ihre eigene Hoffnung passend zu machen.
Das genügte für diesen Tag.
