Helenes Angebot kam auf Firmenpapier.
Katrin Vogt übergab den verschlossenen Umschlag am Montagmorgen in Tobias’ Kanzlei. Sie sagte nichts zum verschwundenen Holzkoffer. Tobias nahm das Schreiben entgegen, bestätigte nur den Eingang und ließ Katrin nicht mit Eva oder Nora allein.
Der Entwurf trug die Überschrift Vertrauliche Vergleichsregelung.
Keller Wohnbau würde sich gegenüber der Nordbank für die Entlassung beider Frauen aus sämtlichen persönlichen Sicherheiten einsetzen. Außerdem sollte die Projektgesellschaft Noras Kosten für die Prüfung der Grundschuld übernehmen.
Im Gegenzug verlangte Helene:
die Herausgabe sämtlicher Originale und Kopien aus dem Bestand Marlene Brandt,
die Löschung privat gespeicherter Digitalisate,
vollständige Vertraulichkeit über historische Gesellschaftsangelegenheiten,
und den Verzicht auf weitere Ansprüche gegen Keller Wohnbau.
Der Verzicht war nicht auf die Garantie begrenzt. Er erfasste mögliche Ansprüche aus Erbe, Gesellschaft, Versicherungsverträgen, Datenschutz und falschen Erklärungen. Selbst Tobias las die Aufzählung ein zweites Mal.
„Sie verlangt einen Schlussstrich unter Dinge, die sie uns noch nicht einmal offengelegt hat“, sagte Eva.
„Und sie lässt offen, ob die Nordbank dem überhaupt zustimmt“, sagte Tobias.
Eine echte Freistellung hätte die Bank selbst erklären müssen, oder Keller Wohnbau hätte sich verbindlich verpflichten müssen, jede Inanspruchnahme abzuwehren. Der Entwurf versprach nur Bemühen.
Nora las die letzte Forderung zweimal. „Sie bietet uns an, eine Schuld zu beseitigen, die wir bestreiten, wenn ich alle Rechte aufgebe, die sie angeblich gar nicht kenne.“
„Sie sagt nicht, dass die Bank Sie tatsächlich entlässt“, sagte Tobias. „Nur, dass die Firma sich dafür einsetzt.“
Eva zeigte auf die Formulierung sämtlicher Originale. „Sie glaubt immer noch, wir hätten die Urkunde.“
„Oder sie will sicherstellen, dass wir erklären, was wir besitzen.“
Nora stand auf. „Schreiben Sie Nein.“
„Ich schreibe keine emotionale Antwort“, sagte Tobias.
„Dann schreiben Sie ein ruhiges Nein.“
Eva las den Entwurf vollständig. Auf der letzten Seite stand eine Frist von achtundvierzig Stunden. Helene bot kein Schuldanerkenntnis, keine Erklärung zur falschen Arbeitgeberbestätigung und keine Auskunft zu den Versicherungsunterlagen.
„Was passiert mit meinem Haus, wenn wir ablehnen?“, fragte Nora.
„Die vertiefte Bankprüfung läuft weiter“, sagte Tobias. „Helenes Frist ändert daran nichts. Wir reichen heute außerdem den Ausgabevermerk der Werkstatt und die Signaturprotokolle nach.“
„Und wenn die Firma Löhne wirklich nicht zahlen kann?“
„Dann muss sie ihre Liquidität offenlegen. Sie dürfen nicht aus Angst eine umfassende Verzichtserklärung unterschreiben.“
„Wir antworten, dass alle Kommunikation über Sie läuft“, sagte Eva. „Und dass die Karte bei der Polizei ist.“
„Die Information über die Karte gehört in die Antwort nur, wenn es strategisch sinnvoll ist“, sagte Tobias.
Nora sah sie an. „Wir geben nichts zurück.“
„Das Original ist ohnehin amtlich gesichert“, sagte Eva. „Aber ja.“
Tobias formulierte:
Die Mandantinnen lehnen einen umfassenden Rechtsverzicht und eine Löschungsverpflichtung ab. Sie sind weiterhin bereit, konkrete, schriftlich belegte Vorschläge zur Freistellung von unberechtigten Sicherheiten zu prüfen. Eine Herausgabe oder Vernichtung von Beweismitteln kommt nicht in Betracht.
Bevor Tobias die Antwort absandte, rief Helene Eva direkt an.
„Sie könnten heute dafür sorgen, dass Nora ihr Haus behält“, sagte sie.
„Dann schicken Sie eine unwiderrufliche Freistellung der Bank ohne Rechtsverzicht.“
„So funktionieren Vergleiche nicht.“
„Falsche Arbeitgeberbestätigungen auch nicht.“
Helene schwieg. Eva wartete, bis sie sagte, das Angebot gelte nur als Ganzes.
„Dann lehne ich es als Ganzes ab“, sagte Eva.
Nora unterschrieb keine Verschwiegenheit. Eva erteilte keine Vollmacht.
Tobias versandte die Antwort über das sichere Kanzleipostfach und zusätzlich per Einschreiben. Den Vergleichsentwurf bewahrte er unverändert auf. Helene hatte darin keine Rechte anerkannt, aber sie hatte selbst historische Gesellschaftsansprüche, Versicherungsfragen und die Garantie in ein einziges Geschäft gepackt.
Am Nachmittag bestätigte die Nordbank unabhängig davon, dass die vertiefte Prüfung fortgesetzt werde. Helenes Angebot hatte die Bankentscheidung also nicht ersetzt.
„Sie hat versucht, Zeitdruck und Rettung in denselben Umschlag zu legen“, sagte Nora.
Eva legte ihre Kopie in die blaue Mappe. „Und dabei verraten, was für sie wertvoller ist als unsere Garantie.“
Nicht das Geld.
Nicht Daniels Aufenthaltsort.
Die Originale aus Marlenes Bestand.
Dafür war Helene bereit gewesen, über Noras Haus zu verhandeln.
Und über Evas Namen.
