Die Audiodatei begann nicht mit Daniels Stimme.
Das hatte nur die erste Wiedergabe so wirken lassen. Bei der technischen Sicherung stellte sich heraus, dass zwei Dateien hintereinander kopiert worden waren: Daniels kurze Nachricht und eine digitalisierte Aufnahme von einer Kassette.
Jana erklärte Nora den Unterschied, ohne daraus eine Echtheitsbestätigung zu machen.
„Wir können sehen, dass der zweite Teil aus einer analogen Quelle stammt. Wir wissen noch nicht, wann diese Aufnahme entstanden ist oder ob sie vollständig ist.“
Nora saß neben Eva im Präsidium. Vor ihnen lag ein Transkript mit breiten leeren Stellen. Unverständliche Wörter waren nicht ergänzt worden.
Die alte Aufnahme dauerte drei Minuten und zwölf Sekunden.
Eine Männerstimme sprach über die Fortführung von Verträgen, falls Marlene ausfiel. Eine Frau, die Nora für ihre Mutter hielt, bestand darauf, die fünfunddreißig Prozent zu binden. Eine zweite Frau sagte:
„Das Unternehmen kann nicht von der Entscheidung eines Kindes abhängen.“
Nora kannte diese Stimme nicht sicher.
„Helene“, sagte Eva.
Jana sah sie an. „Woran erkennen Sie sie?“
„Am Rhythmus. Sie betont Unternehmen immer so, als wäre es eine Person.“
„Reicht Ihnen das für eine sichere Identifizierung?“
Eva hörte den Satz noch einmal. „Nein. Nur für eine Vermutung.“
Im letzten Abschnitt sagte Marlene:
„Wenn Nora achtzehn wird, soll sie selbst entscheiden, ob sie eintritt, verkauft oder die Erträge weiter verwalten lässt. Bis dahin darf niemand—“
Dann entstand ein hartes Knacken. Die Stimme brach ab. Nach vier Sekunden Stille lief nur noch Bandrauschen.
Nora nahm die Kopfhörer ab. „Genau vor dem wichtigen Teil.“
„Vielleicht endete die Kassette“, sagte Jana. „Vielleicht wurde sie beschädigt oder später geschnitten.“
„Daniel hat die Stelle ausgewählt.“
Eva zeigte auf die Dateiliste. „Er hat sie jedenfalls zusammen mit den drei Scans auf die Karte gelegt.“
Das bewies eine Absicht zur Aufbewahrung. Es bewies nicht, ob Daniel Material sichern, Helene erpressen oder seine eigene Verantwortung kleiner machen wollte.
Jana ließ ihnen auch die Reihenfolge der Dateien erklären. Die drei Scans und der Ton waren am selben Abend auf die Karte kopiert worden, zwei Tage vor Daniels Verschwinden. Der Umschlag selbst war älter. Daniel hatte das Versteck also kurz vor seiner Abreise vorbereitet.
„Warum an Eva?“, fragte Nora.
„Weil der Umschlag bei ihr war“, sagte Jana. „Alles Weitere wäre Spekulation.“
Eva betrachtete die Dateinamen. Daniel hatte kein Begleitschreiben hinterlassen, keine Erklärung zur Herkunft. Wenn er Beweise hatte retten wollen, zwang er andere erneut, seine Absicht zu erraten.
Nora ging zum Fenster. „Er wusste, dass meine Mutter für mich etwas festgelegt hatte. Und trotzdem ließ er mich glauben, ich hätte keine Verbindung zu dieser Firma.“
„Er brauchte Sie vielleicht gerade deshalb“, sagte Eva.
„Das macht es nicht besser.“
„Nein.“
Jana gab ihnen keine Kopie der Tondatei für zu Hause. Tobias erhielt Zugang im Rahmen der Akte. Nora durfte eine Kopie des Transkripts mitnehmen, auf dem deutlich stand: vorläufig, Sprecheridentität ungeklärt.
Am Ausgang blieb sie stehen.
„Wenn Hilde die Stimme bestätigt?“
„Dann haben wir eine zweite Wiedererkennung“, sagte Jana. „Noch keine vollständige Echtheitsprüfung und keinen Beweis für den Inhalt einer verlorenen Urkunde.“
Nora faltete das Transkript einmal. „Aber einen Grund, weiterzusuchen.“
„Den hatten wir schon.“
Am Abend rief Eva an. Sie hatte in Daniels alten Steuerunterlagen eine Rechnung für die Digitalisierung von Tonkassetten gefunden. Drei Jahre zuvor, dieselbe Woche, in der der Holzkoffer restauriert worden war.
Auf der Rechnung standen vier Kassetten.
Auf der Speicherkarte befand sich nur ein Ausschnitt aus einer.
Eva rief das Studio als Rechnungsempfängerin nicht selbst an. Tobias bat schriftlich um Auskunft, wer die fertigen Dateien abgeholt hatte. Die Antwort nannte Daniel und verwies auf einen USB-Stick, den er selbst mitgebracht hatte. Ob die übrigen drei Aufnahmen noch existierten, wusste das Studio nicht.
Nora widerstand dem Wunsch, den Ausschnitt an Hilde zu schicken. Jana wollte eine unbeeinflusste Stimmerkennung. Bis dahin blieb Marlene auf dem Transkript „weibliche Stimme eins“.
Für Nora war sie trotzdem ihre Mutter.
Daniel hatte die alte Stimme nicht zufällig gefunden. Er hatte sie digitalisieren lassen, ausgewählt und zusammen mit den Seiten versteckt.
Ob er damit die Wahrheit bewahren oder einen Preis für sie erzielen wollte, blieb offen.
