Kapitel 192: Der Rat der Studierenden

Der neue Rat begann mit einem Nein.

Die kommissarische Unterrichtsleitung wollte die nächste Hochlastprüfung nach nur einer Woche wieder aufnehmen. Zwölf erwachsene Studierendenvertretungen stimmten dagegen. Nach der Übergangsordnung reichte ihr Veto, um die Prüfung auszusetzen.

Professor Kelm blätterte durch die Regel. „Bis wann?“

„Bis Zustimmung, Ausstieg und unabhängige Aufsicht geprüft sind“, sagte Elin.

„Das kann Monate dauern.“

„Dann dauert es Monate.“

Mara saß auf der Bank für regionale Gäste. Sie hatte kein Stimmrecht. Tannwald wurde von einer gewählten Apothekerin vertreten, der Westpass von Heda. Zwei Namenlosen-Vertretungen besaßen eigene Sitze. Lehrende und Verwaltung konnten Anträge stellen, aber keine Studierendenstimme ersetzen.

Alle Studierenden waren mindestens einundzwanzig. Trotzdem wollte die Verwaltung nur Menschen ab dem zweiten Studienjahr wählen lassen. Joris widersprach. Die ersten Jahrgänge hatten die erzwungene Prüfung ebenso erlebt und wohnten unter denselben Regeln.

Der Rat gewährte jedem erwachsenen Jahrgang Sitze. Neue Studierende erhielten keine geringeren Grundrechte, nur weil sie weniger Akademieerfahrung hatten.

Der Rat war nicht harmonisch.

Eine Gruppe wollte alle Kronenprüfungen abschaffen. Elin widersprach. Große Wall- und Stadtverbindungen brauchten Koordination; das Problem sei nicht die Existenz von Krone, sondern ihre ungeteilte Macht.

„Das sagt eine Sorel“, warf ein Student ein.

„Ja“, antwortete Elin. „Und meine Familie profitierte davon. Prüft meinen Vorschlag trotzdem nach seinem Inhalt.“

Sie schlug vor, jede Hochlastübung von drei Stellen freigeben zu lassen: Teilnehmende, unabhängige Sicherheitsaufsicht und der Studierendenrat. Ein Nein genügte zum Stopp. Jeder Einstieg musste einen sichtbaren Ausgang enthalten.

Eine Flut-Studentin fragte, ob ein einzelnes Nein einer Teilnehmerin wirklich eine ganze Gruppenübung stoppen könne.

„Ihre eigene Verbindung ja“, sagte Elin. „Die ganze Übung nur, wenn sie ohne diese Person gefährlich wird.“

Joris ergänzte, dass genau diese Abhängigkeit vorab geprüft werden müsse. Ein gutes Design konnte einzelne Ausstiege auffangen.

Heda verlangte zusätzlich eine regionale Prüfung, wenn lokale Türme oder Bewohner betroffen waren.

„Die Akademie entscheidet nicht mehr über den Pass, nur weil sie die besseren Projektionssteine besitzt.“

Der Zusatz wurde aufgenommen.

Die schwierigste Debatte betraf Notfälle. Professor Kelm wollte eine Ausnahme, falls unmittelbare Gefahr bestand.

„Wer erklärt die Gefahr?“, fragte Mara von der Gästebank, nachdem ihr das Wort erteilt worden war.

„Die Fachleitung.“

„Dann ist die Ausnahme so groß wie das alte System.“

Der Rat schuf stattdessen eine engere Notregel. Eine Verbindung durfte nur mit bereits dokumentierter Zustimmung und innerhalb vorher vereinbarter Grenzen beginnen. Fehlende Zustimmung konnte auch im Notfall nicht ergänzt werden. Der Notstatus endete nach einer Stunde und musste öffentlich neu bestätigt werden.

Nadel verlangte, dass Menschen ohne öffentlichen Familiennamen dieselben Notrechte erhielten. Der bisherige Entwurf verwies auf Haushaltsregister. Das hätte Saiten und andere Einzelname-Tragende ausgeschlossen.

Die Klausel wurde in selbst benannte Kontaktpersonen und örtliche Schutzstellen geändert.

Ein Studierender fragte, ob Menschen während einer Prüfung einfach gehen dürften, selbst wenn ihre Gruppe dadurch scheiterte.

„Ja“, sagte Elin.

„Dann sind Ergebnisse nicht vergleichbar.“

„Vielleicht dürfen Menschen wichtiger sein als Vergleichbarkeit.“

Joris, als Stein-Vertreter gewählt, ergänzte eine praktische Regel: Jede Gruppenprüfung musste so gebaut sein, dass der Ausstieg einer Person nicht automatisch die anderen gefährdete. Wenn das unmöglich war, durfte die Prüfung nicht als Pflichtformat verwendet werden.

Der Rat beschloss auch Lohn für studentische Arbeit an Wall, Archiv und Umbau. Unter dem alten System war vieles als Ehre oder Ausbildungspflicht behandelt worden.

„Erwachsene Studierende zahlen Miete“, sagte Nadel vom Namenlosen-Sitz. „Dann ist Arbeit Arbeit.“

Die Verwaltung verwies auf knappe Mittel. Der Rat nutzte sein Haushaltsveto, bis ein Übergangsbudget vorlag. Zwei Lehrende warnten vor Unterrichtsausfall. Die Studierenden blieben beim Nein.

Nach drei Stunden legte die Verwaltung ein Budget vor, das aus dem nicht mehr betriebenen Kronenfestsaal und königlichen Repräsentationsmitteln finanziert wurde. Die Löhne waren zunächst nur für vier Wochen gesichert.

„Dann stimmen wir für vier Wochen“, sagte Nadel. „Nicht für ein Versprechen ohne Geld.“

Der Rat bestätigte die befristete Finanzierung und setzte eine neue Haushaltsprüfung an.

Am Abend standen fünf Beschlüsse und neun offene Fragen im Protokoll. Keine neue Rektorin war gewählt. Die Übergangsleitung blieb aufgeteilt.

Zu den offenen Fragen gehörten Wohnrecht, Schutz vor Vergeltung, regionale Studienplätze und die Finanzierung der Wallarbeit. Der Rat veröffentlichte nicht nur seine Beschlüsse, sondern auch, was er noch nicht gelöst hatte.

Mara sah darin mehr Reform als in jeder großen Rede.

Mara sah, wie Elin ihr Kronenzeichen nur zum Ordnen der Redeliste benutzte. Als zwei Menschen gleichzeitig sprachen, zwang sie keine Stille. Sie hob die Hand und wartete, bis der Rat die Reihenfolge selbst bestätigte.

„Langsam“, sagte Professor Kelm.

„Ja“, antwortete Elin.

Die erste Hochlastprüfung blieb ausgesetzt. Über der leeren Versuchsanzeige stand Elins Nein, klein geschrieben und wirksam.