Kapitel 28: Eine falsche Frage

„Wir haben kein Original“, sagte Nora.

Eva stand in Noras Küche und sah durch die offene Tür zum Dachboden. Der Holzkoffer lag noch dort, wo sie ihn nach der Untersuchung abgestellt hatten.

„Das weiß Helene nicht.“

„Und Sie haben sie glauben lassen, wir hätten eins.“

„Ich habe ihre Frage nicht korrigiert.“

Nora schob den Versicherungsordner auf den Tisch. „Das ist Wortklauberei.“

„Ja.“

Die schnelle Zustimmung nahm Nora den nächsten Angriff. Sie ging zum Fenster, kam zurück und stellte sich Eva gegenüber.

„Wenn Helene jetzt glaubt, dass wir das Dokument besitzen, wird sie reagieren.“

„Das hat sie bereits. Sie hat zum ersten Mal bestätigt, dass Daniel nicht zufällig Kontakt zu Ihnen aufgenommen hat.“

„Und beim nächsten Mal schickt sie vielleicht nicht Lukas zum Café.“

Eva zeigte auf das Foto durch die Scheibe. „Deshalb sind wir nicht allein und dokumentieren alles.“

„Sie haben entschieden, ohne mich zu fragen.“

Das stimmte.

Eva nahm ihre Mappe vom Tisch, legte sie aber nicht in die Tasche. „Es tut mir leid.“

Nora blinzelte. „Das war schnell.“

„Ich hätte Ihnen während des Gesprächs keine Nachricht schicken können. Aber ich hätte vorher mit Ihnen festlegen müssen, wie weit ich gehen darf.“

„Unsere Vereinbarung sagt, keine handelt allein, wenn die andere betroffen ist.“

„Ja.“

„Und jetzt?“

„Jetzt entscheiden wir gemeinsam, ob wir Helenes Irrtum korrigieren.“

Nora setzte sich. Die Wut verschwand nicht, aber sie wurde wieder zu etwas, das neben Fakten existieren konnte.

Sie riefen Tobias per Video an. Er empfahl, keine falsche Behauptung zu formulieren und keinen Köder zu versenden. Sie müssten Helene aber auch nicht über ihren genauen Ermittlungsstand informieren.

„Wenn sie schriftlich nach einem Original fragt?“, sagte Nora.

„Dann antworten wir, dass sämtliche Anfragen zu Unterlagen über mich laufen“, sagte Tobias.

„Und wenn sie ein Angebot macht?“

„Dasselbe.“

Nora sah zum Dachboden. „Sie glaubt vielleicht, es ist noch im Koffer.“

„Der Koffer ist leer“, sagte Eva.

„Sie weiß nicht, was wir unter der neuen Leiste gefunden haben.“

Die halbe Terminkarte lag inzwischen in Tobias’ Dokumententresor. Der Koffer enthielt nur das beige Futter und die Spuren der fehlenden Lederschlaufen. Trotzdem fotografierten sie ihn erneut und notierten den Standort.

Eva prüfte, ob die Werkstattkopie und Hildes Erklärung vollständig gesichert waren. Selbst wenn der Koffer verschwand, verschwanden damit weder der Ausgabevermerk noch die Fotos der veränderten Innenverkleidung. Der Gegenstand war wichtig, aber er war nicht mehr ihr einziger Beleg.

Nora wollte ihn zu Tobias bringen.

„Heute nicht mehr“, sagte er. „Meine Kanzlei schließt. Stellen Sie ihn nicht sichtbar ans Fenster, und verändern Sie nichts. Morgen lassen wir ihn abholen oder bringen ihn gemeinsam.“

Eva blieb zum Abendessen und sagte, Nora solle nach dem Caféfoto nicht allein sein. Sie bestellten Suppe und arbeiteten die Fragen durch, die Helene ungewollt beantwortet hatte.

Sie wusste von Daniels gezieltem Kontakt.

Sie kannte ein Original zu den fünfunddreißig Prozent.

Sie behauptete, die Gesellschaft habe Nora unterstützt.

Sie erklärte Marlenes aktuelle Projektrolle als Vorlagenfehler.

„Was hat Daniel wirklich kopiert?“, fragte Nora.

„Wir wissen nicht, ob er etwas kopiert hat.“

„Der Hotelbeleg. Achtundvierzig Seiten.“

„Er hat für Kopien bezahlt.“

Nora hob beide Hände. „Gut. Ich nehme die Schulnote an.“

Um halb zehn fuhr Eva nach Lübeck. Nora prüfte die Haustür, die Terrassentür und die Fenster. Das Schloss zeigte keine sichtbaren Schäden. Der Schlüssel drehte sich normal.

Sie trug den Holzkoffer nicht ins Schlafzimmer. Sie ließ ihn auf dem Dachboden, schloss die ausziehbare Treppe und stellte einen Stuhl darunter. Nicht als Falle, nur damit sie hören würde, wenn jemand die Treppe bewegte.

In der Nacht schlief Nora schlecht. Zweimal glaubte sie, Holz knarren zu hören. Beim ersten Mal war es die Heizung. Beim zweiten Mal stand sie auf, ging jedoch nicht mit einem Gegenstand in der Hand durch das Haus. Sie schaltete das Licht ein und rief Eva an.

„Bleiben Sie im Schlafzimmer“, sagte Eva. „Wenn Sie glauben, jemand ist im Haus, rufen Sie Jana.“

Nora hörte.

Keine Schritte. Keine Tür. Nach fünf Minuten ging sie bis zum Flur. Der Stuhl stand unverändert unter der Dachbodentreppe.

„Nichts“, sagte sie.

„Ich bleibe in der Leitung.“

Nora öffnete keine Schränke und ging nicht auf den Dachboden. Sie prüfte nur aus dem Flur, ob Haustür und Terrassentür geschlossen waren. Danach stellte sie das Telefon laut und legte es neben ihr Bett.

Am Morgen um sieben bereitete Nora Kaffee. Tageslicht fiel in den Flur. Der Stuhl stand noch immer an seinem Platz.

Erst als Tobias’ Mitarbeiter um neun den Koffer abholen wollte, zog Nora die Treppe herunter.

Der Dachboden roch nach Staub und kaltem Holz.

An der Wand lag nur das alte Tuch, auf dem der Koffer gestanden hatte.

Nora kniete sich hin. Keine Splitter, kein zerrissener Stoff, keine zurückgelassene Karte.

Jemand hatte den leeren Holzkoffer aus ihrem Haus genommen.

Die Haustür war verschlossen.

Und der Stuhl unter der Dachbodentreppe hatte sich keinen Zentimeter bewegt.

Wer den Koffer genommen hatte, musste den Stuhl danach wieder exakt unter die Treppe gestellt haben.