Seraphine trug kein Amtssiegel, als sie den Saal betrat.
Zwei Wächter begleiteten sie bis zum Zeugenplatz. Sie setzte sich, legte beide Hände sichtbar auf den Tisch und nannte ihren vollständigen Namen. Der Wort-Schreiber bestätigte nur ihre aktuelle Identität, nicht ihre Glaubwürdigkeit.
Mara saß drei Reihen entfernt. Zwischen ihnen lag kein Bündnisvertrag, nur die einmalige Vereinbarung, den Plan der dreihundert Verbindungen zu stoppen.
„Wie viele jährliche Löschungen haben Sie genehmigt?“, fragte die Vorsitzende.
„Zwölf.“
Die Zahl stand bereits in Seraphines öffentlicher Aussage. Im Saal klang sie schwerer.
„Bei wie vielen haben Sie die betroffene Person selbst nach Zustimmung gefragt?“
Seraphine blickte auf ihre Liste. „Bei vier.“
„Und bei den übrigen acht?“
„Ich erhielt Erklärungen des Siegelamts, der Familien oder der damaligen Aufsicht.“
„Haben Sie geprüft, ob eine nachträgliche Zustimmung vorlag?“
„Nicht ausreichend.“
Die Namenlosen-Vertreterin, Esche, durfte Fragen stellen. „Haben Sie je eine Person im Unterarchiv gefragt, ob sie dortbleiben wollte?“
„Ja. Drei Jahre nach meiner ersten Genehmigung.“
„Wen?“
Seraphine nannte zwei Menschen, die einer öffentlichen Nennung zugestimmt hatten, und einen nur mit Aktenzeichen.
„Und was antworteten sie?“
„Dass die Frage zu spät kam.“
Ein ehemaliger Student trat als weiterer Fragender vor. Er hieß Daro Lehn und war in Seraphines zweitem Amtsjahr aus einer Prüfung ausgeschlossen worden, weil er den Opferbegriff beanstandet hatte.
„Sie sagten damals, der Wall brauche Menschen, die persönliche Wünsche überwinden“, erinnerte er sie.
Seraphine schloss kurz die Augen. „Ja.“
„Glauben Sie das noch?“
„Ich glaube, dass der Wall Beiträge braucht. Ich glaube nicht mehr, dass eine Institution entscheiden darf, wessen Person dabei verschwindet.“
„Warum sollte Ihre neue Überzeugung für uns wichtig sein?“
„Sie muss es nicht. Wichtig sind meine Handlungen und die Unterlagen.“
Esche lehnte sich zurück. Sie sagte nicht, die Aussage sei genug.
Der königliche Vertreter führte die damaligen Wallberichte ein. In den zwölf Jahren hatte es schwere Nachtbruchwarnungen gegeben. Seraphine bestätigte, dass ein Ausfall Menschen gefährdet hätte.
„Sie handelten also in einer Notlage.“
„Ich handelte in einer behaupteten Notlage“, sagte Seraphine. „Ich prüfte nicht, welche Alternativen das Siegelamt bereits kannte.“
„Wollen Sie sagen, Sie seien getäuscht worden?“
„Ich will sagen, dass Täuschung meine fehlende Nachfrage nicht ersetzt.“
Mara bemerkte, wie Seraphines rechte Hand zitterte. Kein magischer Effekt. Vielleicht Erschöpfung, vielleicht Angst. Sie machte daraus keine Entschuldigung.
Ein Ratsmitglied fragte nach Elias Dorn. Seraphine beschrieb die Genehmigung vor zwölf Jahren. Sie hatte Severins damalige Bestätigung gelesen, die Familie sei einverstanden. Cassian war siebzehn gewesen und als minderjähriger Zeuge in einer Anlage genannt worden, ohne dass Seraphine mit ihm gesprochen hatte.
„Hätten Sie die Genehmigung verweigert, wenn Sie Elias' Nein gekannt hätten?“
„Das kann ich heute behaupten“, sagte Seraphine. „Ich kann es nicht beweisen.“
Aus dem Verwahrraum kam Cassians erste Frage. „Wann erfuhren Sie, dass ich als Familienzeuge geführt worden war?“
„Erst bei der erneuten Aktenöffnung.“
„Haben Sie danach eine Korrektur veranlasst?“
„Nein. Ich wartete auf die interne Prüfung.“
Cassian schwieg. Mara kannte dieses Warten. Eine weitere korrekte Möglichkeit war an der Bequemlichkeit des Verfahrens gescheitert.
Mara hörte Cassians Atem über den Seitenkanal aus dem Verwahrraum. Er sagte nichts.
Die Vorsitzende legte Seraphine das alte Kronensiegel vor. „Können Sie damit den Kernzugang öffnen?“
„Technisch könnte es eine Leitung koordinieren. Rechtlich gehört es nicht mehr mir.“
„Der Rat kann es für die Notlage freigeben.“
„Dann benötigen Sie eine unabhängige Aufsicht und eine klare Grenze.“
Severins Vertreter lachte leise. „Sie verweigern Hilfe, um sich moralisch zu reinigen.“
Seraphine sah ihn an. „Nein. Ich verweigere, dass meine Krone erneut als Ersatz für Zustimmung gilt.“
Sie erklärte sich bereit, ihre Fachkenntnis unter öffentlicher Kontrolle einzusetzen. Keine Befehlsgewalt über Studierende, Namenlosen oder Wallträger. Keine Rückkehr in das Rektorat. Jede Handlung sollte zeitlich begrenzt und protokolliert sein.
Zur Prüfung legte der Rat ihr drei Kronenlinien vor. Seraphine durfte sie lesen, nicht verändern. Sie erkannte, dass eine der Linien bereits mit den vorbereiteten Personenplätzen verbunden war. Ihre Warnung wurde von Elin und der regionalen Vertreterin unabhängig bestätigt.
„Sie kennen den Kern besser als wir“, sagte Elin. „Das gibt Ihnen eine Stimme. Nicht den letzten Befehl.“
„Einverstanden.“
Esche verlangte zusätzlich, dass Betroffene die Aufsicht mitstellen. Die Vorsitzende nahm den Antrag auf.
Seraphine setzte ihr persönliches Kronenzeichen unter die Aussage. Es war schwächer als ihr früheres Amtssiegel, aber eindeutig ihres.
Der Wort-Schreiber fragte, ob sie einer dauerhaften Speicherung des Zeichens zustimme. Seraphine erlaubte die Nutzung nur für diese Aussage und die akute Kernprüfung. Danach sollte es gesperrt werden, bis ein unabhängiger Rat neu entschied. Selbst ihre Bereitschaft durfte nicht unbegrenzt werden.
Der siebte Zeugenstrang erschien noch nicht.
Stattdessen öffnete sich im Kernbild ein verschlossenes Brieffach.
Seraphine sah es und wurde blass.
„Dort liegen die Antworten auf die Alternative“, sagte sie.
„Welche Antworten?“, fragte die Vorsitzende.
Seraphine wandte sich nicht an Mara, sondern an den ganzen Saal.
„Die Briefe, mit denen die Krone entschied, dass es bequemer war, jedes Jahr einen Namen zu verlieren.“
