Kapitel 152: Drei Wege

Cassian wählte die breiteste Treppe.

Sie führte vom unteren Ratshaus direkt zum Platz der Sieben Brücken. Jeder königliche Posten konnte ihn sehen. In seiner Tasche lagen die registrierte Dreihunderterliste, eine Kopie von Seraphines Aussage und sein früheres Amtssiegel, das seit der Entlassung grau geblieben war.

Er trug es nicht sichtbar.

Vor dem ersten Kontrollbogen warteten zwei Ratswachen. „Cassian Dorn. Sie dürfen das Ratsviertel nicht betreten.“

„Auf welche Anordnung stützen Sie sich?“

Der Wächter zeigte ein Blatt mit Severins Namenszeichen.

„Das ist eine Mitteilung des Kanzleramts, kein Beschluss des Rats.“

„Sie können dagegen später Einspruch erheben.“

„Ich erhebe ihn jetzt und bitte um eine Eingangsbestätigung.“

Die Wachen sahen einander an. Cassian hatte früher Menschen mit genau solchen Unterscheidungen zur Geduld gezwungen. Er empfand keine Freude daran, nun selbst auf der anderen Seite zu stehen.

Während ein Schreiber gerufen wurde, prüfte er die vereinbarten Kanäle. Elins Projektionszeichen leuchtete über der Akademie. Joris hatte die Steinbrücke erreicht, blieb aber außerhalb des Ratsviertels, bis die Statiker der Stadt seine Grenzaufzeichnungen annahmen. Maras Kräuterzeichen bewegte sich durch das Apothekerviertel.

Keiner wartete auf Cassians Erlaubnis.

Der Schreiber kam und registrierte den Einspruch. Die Wachen öffneten nicht das Haupttor, ließen ihn aber zur öffentlichen Petitionstreppe weitergehen. Dort standen bereits Menschen mit den Nummern der Liste auf ihren Papieren.

Ein zweites Schreiben erreichte ihn über einen städtischen Windboten. Joris meldete, dass der Rat der Steinmetze seine Aufzeichnungen nur entgegennehme, wenn ein königlicher Ingenieur sie mitunterzeichne. Joris hatte abgelehnt, die örtlichen Handwerker aus der Zeugenliste zu streichen, und wartete auf eine neue Sitzung. Elin berichtete gleichzeitig, dass die Akademie den Projektionssaal räumen sollte. Sie verlagerte die Kanäle auf sieben kleinere Räume, statt eine zentrale Konfrontation zu suchen.

Cassian antwortete beiden nur mit der Registriernummer seiner Petition. Sie brauchten keinen Plan von ihm, sondern einen Beleg dafür, dass der öffentliche Weg noch offen war.

Eine Frau hielt ihm den Zettel 214 entgegen. „Ist das wirklich meiner?“

„Ich kann Ihre Zuordnung nicht allein bestätigen.“

„Sie haben die Liste gebracht.“

„Eine Liste, keine vollständigen Personendaten. Lassen Sie die Nummer bei zwei örtlichen Stellen und einem unabhängigen Wort-Schreiber prüfen.“

Sie schimpfte, er verstecke sich hinter Regeln. Vielleicht tat er das teilweise. Trotzdem erfand er keine Gewissheit, um hilfreicher zu wirken.

Eine ältere Person neben ihr hob den eigenen Zettel. „Ich habe Nummer 214 ebenfalls.“

Die Frau wurde blass. Cassian ließ beide Zuordnungen getrennt aufnehmen. Die Doppelung konnte ein Abschreibfehler, eine wiederverwendete Kennung oder eine bewusste Verschleierung sein. Keine von beiden durfte aufgrund der Unsicherheit als freiwillige Trägerin behandelt werden.

„Bis zur Klärung gilt für beide mein Nein“, sagte die ältere Person.

„Halten Sie genau das schriftlich fest“, sagte Cassian.

Am Fuß der Treppe erschien ein königlicher Bote.

„Der Kanzler bietet Ihnen freies Geleit in den Kern, wenn Sie Mara Falks Aufenthaltsort und die Namenlosen-Zugänge offenlegen.“

Cassian bat um den schriftlichen Auftrag. Der Bote reichte ihm eine versiegelte Karte. Darin stand zusätzlich, alle gegen ihn erhobenen Dienstvorwürfe könnten überprüft und sein Amt vorläufig wiederhergestellt werden.

„Meine Antwort wird öffentlich registriert“, sagte Cassian.

„Das Angebot ist vertraulich.“

„Dann kann ich es nicht annehmen.“

Er legte die Karte ungeöffnet in eine durchsichtige Beweishülle und gab sie dem Petitionsschreiber. Der Bote wurde blass.

„Sie gefährden mit Ihrer Förmlichkeit Menschen.“

„Dann legen Sie die Gefahr offen dar.“

Der Bote senkte die Stimme. „Sie wissen, wie der Rat arbeitet. Bis alle gefragt worden sind, ist der Wall gefallen.“

„Deshalb enthält das Notrecht Fristen und unabhängige Prüfungen.“

„Das haben Sie früher anders ausgelegt.“

Cassian nahm den Treffer an. „Ja. Ich habe zu oft geglaubt, eine Akte sei unabhängig, nur weil zwei Ämter sie unterschrieben. Das macht Ihre vertrauliche Forderung heute nicht rechtmäßig.“

Ein dumpfer Stoß ging durch den Platz. Über der Akademie flackerte Elins Zeichen, blieb aber sichtbar. Auf der Steinbrücke hoben sich drei Anker gleichzeitig; Joris und die Stadtstatiker hatten begonnen, ihre Daten zu verbinden. Aus dem Apothekerviertel kam eine Reihe handgeschriebener Namen in Yaras Archiv.

Drei Wege, dachte Cassian. Keine Fluchtlinie zu Mara, kein zentraler Befehl.

Der Rat öffnete die äußere Tür für Petitionsbeteiligte. Dahinter wartete ein Ausschuss, aber auch königliche Wachen. Cassian wusste nicht, ob er die Tür als freier Mann wieder verlassen würde.

Vor dem Eintreten bat er den Petitionsschreiber, drei Dinge getrennt zu bestätigen: die Abgabe der Liste, den Eingang des vertraulichen Angebots und Cassians freiwilliges Erscheinen. Der Schreiber setzte drei Zeitmarken. Eine spätere Festnahme durfte nicht in eine heimliche Ergreifung umgeschrieben werden, aber ebenso wenig in freiwillige Zustimmung zu jeder Maßnahme.

Eine der Frauen mit Nummer 214 rief ihm nach: „Und wenn sie Sie dort behalten?“

„Dann bleibt Ihre Ablehnung trotzdem Ihre.“

Er meldete Elin nur den Eingang der Unterlagen. Keine Bitte um Rettung.

Dann stieg er allein die öffentliche Treppe hinauf.

Hinter ihm blieben Mara und die anderen auf ihren eigenen Wegen sichtbar.