Kapitel 141: Der erste Riss

Der Riss erschien nicht wie ein Blitz.

Zuerst verstummten die Vögel. Dann verlor der Horizont seine Farbe, als hätte jemand graue Tinte über die Berge gegossen. Mara stand vor dem alten Turm und hörte die freiwillige Resonanz der zwölf Erwachsenen stocken. Einer nach dem anderen hob den Kopf.

„Aussteigen“, sagte sie.

„Wir können halten“, widersprach die Steinmetzin Heda.

„Nicht ohne zu wissen, was passiert.“

Mara löste die Verbindungen in der vereinbarten Reihenfolge. Kein Name verschwand. Die Teilnehmenden blieben auf den markierten Plätzen sitzen, tranken Wasser und nannten laut eine Erinnerung, die sie vor Beginn aufgeschrieben hatten. Der Schutz über dem Turm sank trotzdem nicht sofort ab. Er flackerte in unregelmäßigen Stößen.

Cassian kam mit einer Nachricht vom östlichen Wachturm. „Die königliche Einspeisung ist dort um ein Drittel gefallen.“

„Noch eine geplante Absenkung?“

„Die Signatur entspricht den Tabellen.“

Ein dumpfer Ton rollte durch den Pass. Nicht aus dem Turm, sondern aus dem Berg selbst. Am nördlichen Wall zog sich eine helle Linie von einem Gipfel zum anderen. Sie war zu gerade für einen Blitz und zu langsam für Feuer.

Mara öffnete die Hand. Ihr silberner Ring schmerzte kalt.

„Lena“, sagte sie.

Im selben Augenblick schlug der Wind gegen das Tal.

Fensterläden rissen auf. Staub und Tannennadeln drehten sich über den Platz. Menschen griffen nach Pfosten, Mauern, einander. Mara sank auf ein Knie und presste die Hand gegen den Steinboden. Im Lärm hörte sie Namen, nicht gesprochen, sondern aus den Verbindungen gerissen: kurze Silben, halbe Erinnerungen, ein Lachen ohne Gesicht.

„Der erste Riss!“, rief die Wächterin vom Aussichtssteg. „Nordwestlich vom Kern!“

Cassian zog Mara hinter die niedrige Brüstung, als ein Holzschild über den Platz flog. Er hielt sie nicht fest, sobald sie sicheren Stand hatte.

„Kannst du feststellen, welche Verbindung gebrochen ist?“

Mara lauschte. Die Kälte in ihrer Hand kam in zwei unterschiedlichen Pulsen. Der erste war sauber, rechnerisch, in festen Abständen: Severins gedrosselte Einspeisung. Der zweite war ungleichmäßig und schmerzhaft vertraut.

„Beides“, sagte sie. „Die Krone nimmt Leistung heraus. Lena löst am Nordknoten ihre Verbindung.“

„Gleichzeitig?“

„Nah genug.“

Über dem Wall weitete sich die helle Linie. Dahinter bewegte sich Dunkelheit, nicht wie eine Wolke, sondern wie ein Raum, in dem Richtung und Farbe nicht mehr zuverlässig waren. Nachtbruch.

Ein königlicher Windruf sprang über die Turmsteine. Severins Stimme füllte den Platz.

„Die Namenlosen haben den Kronenwall angegriffen. Alle Grenzräte sind angewiesen, königliche Notverbindungen vorzubereiten.“

Noch bevor der Satz endete, antwortete ein zweiter Ruf auf einem unabhängigen Kanal. Lenas Stimme war rau und fern.

„Die Krone hat die Einspeisung zuerst gesenkt. Lasst euch nicht zu neuen Opfern machen.“

Menschen auf dem Platz blickten von einem Klangstein zum anderen. Zwei Erklärungen, beide mit einem wahren Teil, beide so gesprochen, als beseitige die Schuld der anderen die eigene Handlung.

Mara stand auf.

Sie ließ Cassian die Zeitmarken beider Eingriffe auf zwei getrennte Tafeln schreiben. Die königliche Absenkung hatte früher begonnen; Lenas Trennung hatte den bereits geschwächten Abschnitt zusätzlich belastet. Diese Reihenfolge entlastete Lena nicht von den Folgen und erlaubte Severin nicht, seine Vorbereitung zu verbergen. Mara bestand darauf, dass beide Tafeln für alle sichtbar neben den Schutzwegen hingen.

„Schaltet beide Wiederholungen ab“, sagte sie der Wächterin. „Sendet nur Messwerte, Zeiten und Schutzanweisungen.“

„Die Leute wollen wissen, wer das getan hat.“

„Später. Jetzt müssen sie wissen, wohin sie gehen.“

Cassian hatte bereits die Karte ausgebreitet. „Der Riss zieht Richtung Westpass. Wenn der nächste Impuls kommt, verliert das obere Dorf seinen Steinmantel.“

Mara zeigte auf die drei Schutzräume, die sie am Vortag markiert hatten. „Wir öffnen die unteren Keller und verlegen die Kinderstation in die Mühle.“

„Alle Bewohner sind erwachsen registriert“, sagte die Wächterin verwirrt.

„Die Akademie ist es. Das Dorf nicht.“

Sie korrigierte die Liste. Familien, alte Menschen, Händler auf der Straße. Niemand war eine Resonanznummer.

Der Boden vibrierte erneut. Diesmal vergaß Mara für einen Herzschlag, in welche Richtung der Bach lag. Verblassen. Sie las die Himmelsrichtungen von Cassians Karte ab, statt ihrem Gefühl zu vertrauen.

Am Horizont splitterte die helle Linie in drei Äste.

Mara nahm den Botenstein.

„An alle Orte im Westpass“, sagte sie. „Der Wall ist beschädigt. Die Ursache ist nicht abgeschlossen geprüft. Folgt den örtlichen Evakuierungswegen. Niemand stimmt unter Alarm einer Verbindung zu.“

Hinter ihrer Stimme brach der erste Teil des Kronenwalls sichtbar auf.