Kapitel 139: Cassians Versuch

Cassian hatte die Karte bereits ausgebreitet, als Mara in das Wachhaus kam.

Drei Wege zum nördlichen Kern waren mit Kohle markiert. An jedem stand eine Zahl: Entfernung, mögliche Sperre, geschätzte Zeit. Früher hätte er dazu ein Amtssiegel gelegt. Nun lagen auf dem Tisch nur sein Protokollheft und ein geliehener Windkompass.

„Die Grenzwache kann zwei Reiter schicken“, sagte er. „Wenn sie den alten Steinweg nehmen, erreichen sie Lena vor Mittag.“

„Mit welchem Auftrag?“

„Sie aufhalten.“

„Das ist kein Auftrag. Das ist ein Wunsch.“

Cassian strich die Kohle von seinen Fingern. „Sie hat den sechsten Schlüssel genommen und bewegt sich auf einen Kernknoten zu, während der Wall instabil ist.“

„Und wer entscheidet, was die Reiter tun dürfen, wenn sie nicht anhält?“

Er antwortete nicht sofort. Im Nebenraum lasen Freiwillige Namen von Severins Liste vor und prüften sie gegen die Gemeinderegister. Jede Übereinstimmung wurde auf drei getrennten Blättern festgehalten. Langsam, umständlich, schwer zu löschen.

„Ich kann eine vorläufige Sicherung beantragen“, sagte Cassian schließlich.

„Bei wem?“

„Beim Grenzrat.“

„Der gerade seine eigenen Familien auf dieser Liste findet.“

„Deshalb gibt es mehrere Mitglieder.“

Mara stellte sich an die gegenüberliegende Tischkante. „Du willst wieder ein Verfahren benutzen, um nicht sagen zu müssen, dass du Angst hast.“

Sein Blick traf sie. „Natürlich habe ich Angst.“

Die Offenheit nahm ihrer Antwort die Schärfe.

„Wenn Lena den Knoten löst, bevor die Türme bereit sind, sterben nicht nur Pläne“, fuhr er fort. „Und wenn ich nichts tue, weil ich kein Richter mehr bin, mache ich den Verlust meines Amtes wichtiger als die Gefahr.“

Mara kannte diesen Unterschied. Sie hatte selbst beinahe jede Warnung vor Lena als Versuch verstanden, die Namenlosen erneut festzuhalten.

„Warn die Wachen“, sagte sie. „Gib ihnen die Route. Sag ihnen, dass Lena mit drei erwachsenen Begleitern unterwegs ist und den sechsten Schlüssel trägt. Aber kein unbestimmter Befehl, sie um jeden Preis aufzuhalten.“

„Und wenn sie den Kern erreicht?“

„Dann müssen die Menschen dort wissen, was sie beabsichtigt. Auch die Namenlosen.“

Sie zog eine Abschrift der dreihundert Nummern aus ihrer Tasche. Auf der Rückseite standen bereits sieben zugeordnete Namen. Ihre Eltern waren darunter.

„Wir veröffentlichen die Liste im Lager“, sagte sie. „Nicht die Privatdaten jedes Einzelnen. Nummer, Region und ein Weg, die eigene Eintragung unter Zeugen zu prüfen.“

Cassian sah von der Liste zur Karte. „Lena wird behaupten, wir lenkten von der sofortigen Befreiung ab.“

„Dann darf sie das öffentlich sagen.“

„Du willst die Namenlosen abstimmen lassen.“

„Lena spricht in ihrem Namen. Sie muss wissen, ob sie noch mit ihnen spricht.“

Cassian rollte die Karte nicht zusammen. „Eine Abstimmung unter Zeitdruck kann leicht gelenkt werden.“

„Dann bauen wir sie so, dass sie uns widersprechen kann.“

Sie legten gemeinsam die Bedingungen fest. Zwei Orte, damit niemand in Lenas Lager erscheinen musste. Papierstimmen für jene, die ihre gewählten Namen nicht magisch verbinden wollten. Echoantworten für jene, die nicht sicher an die Oberfläche konnten. Drei unabhängige Zählende: Yaras frühere Archivhelferin, ein Grenzrat und Elias, falls er zustimmte. Keine Abstimmung darüber, ob Lena bestraft werden sollte. Nur darüber, ob die sofortige Trennung aller alten Verbindungen im Namen der Gemeinschaft erfolgen durfte.

Als Cassian die Formulierung niederschrieb, hielt er inne. „Was, wenn sie verliert und trotzdem geht?“

Mara hörte wieder das Verstummen des Kräuterbuchs.

„Dann wissen wir, dass sie als Einzelne handelt, nicht als Stimme aller.“

Ein junger Wächter trat ein. „Die Reiter warten.“

Cassian nahm die Karte und ging zur Tür. Dort blieb er stehen.

„Mara. Wenn ich am Kern gewesen wäre, hätte ich sie wahrscheinlich festgenommen.“

„Früher?“

„Heute Morgen.“

Sie schätzte, dass er keine Entschuldigung erwartete.

„Und jetzt?“

„Jetzt sage ich den Reitern, sie sollen warnen, beobachten und keine Gewalt anwenden, solange niemand unmittelbar gefährdet wird.“

Mara nickte. „Schreib auch das auf.“

Nachdem er gegangen war, trug sie die erste öffentliche Abschrift ins Lager. Menschen sammelten sich um das Brett. Einige kannten ihre Nummern, andere nicht. Ein Mann erkannte die Kennung seiner verstorbenen Frau und musste sich setzen. Die Liste war älter, als Severins Sieben-Tage-Frist vermuten ließ.

Mara erklärte den Prüfweg zweimal. Sie versprach keine Rettung. Sie sagte nur, dass kein Name ohne die Stimme des Menschen verwendet werden dürfe, der ihn trug.

Am unteren Rand des Bretts befestigte sie die Einladung zur Abstimmung der Namenlosen.

Noch bevor der Leim getrocknet war, erschien darauf eine silberne Antwortlinie.

Lena hatte die Verbindung zum Kräuterbuch gekappt, aber nicht alle Echos im Lager.

Die Linie formte drei Worte:

Ich werde kommen.