Die Reserveanlage enthielt keine Namen.
Sie enthielt Nummern.
T-01 bis T-120 für Tannwald und Umgebung. K-01 bis K-80 für Kiesrain. S-01 bis S-100 für den südlichen Pass. Neben jeder Nummer standen Resonanzart, Stärke, Altersspanne und erwartete Verbindungsdauer.
Keine Zustimmung.
Keine gesundheitliche Vorgeschichte.
Keine Person.
„Wie finden wir heraus, wer gemeint ist, ohne die Liste öffentlich zu machen?“, fragte Mara.
Oda kannte das örtliche Erfassungsregister. Es war nach dem ersten Nachtbruch unter königlicher Anweisung aktualisiert worden. Betroffene durften ihren eigenen Datensatz prüfen, aber nicht die ganze Liste.
Sie richteten drei Kontrollstellen ein. Jeder Erwachsene konnte freiwillig erscheinen, die eigene Nummer erfragen und entscheiden, ob das Ergebnis öffentlich, nur medizinisch oder gar nicht weitergegeben wurde.
Die Kontrollstellen trennten Identität und Ergebnis. Oda sah den amtlichen Datensatz, Sanna nur gesundheitliche Angaben, das Zeugnisnetz nur den freigegebenen Status. Keine Person durfte alle drei Ebenen allein kopieren.
Wer nicht erscheinen wollte, wurde nicht zu Hause aufgesucht. Die fehlende Prüfung galt weder als Zustimmung noch als Ablehnung.
Mara ging zuerst mit ihren Eltern.
Ihr Vater erhielt T-34. Steinresonanz, mittlere Stärke, geplante Dauer sechsunddreißig Stunden.
Ihre Mutter war T-35. Flutresonanz, geringe Stärke, als ergänzende Stabilisierung markiert.
Beide hatten nie von einer Verbindung gehört.
„Der Dorfschreiber hat uns nach der Warnung gemessen“, sagte ihr Vater. „Er sagte, es gehe um Schutzhausplätze.“
Oda prüfte den Erfassungsbogen. Genau dieser Zweck stand auf der ersten Seite. Im königlichen Übertragungsvermerk war er später um Mauerreserve erweitert worden.
„Habt ihr einer Weitergabe zugestimmt?“, fragte Mara.
„Nein“, sagte ihre Mutter.
Mara schrieb nicht stellvertretend einen Widerspruch. Sie gab beiden das Formular.
Ihr Vater verlangte sofortige Löschung aus der Reserve, nicht aus dem Schutzhausregister. Ihre Mutter wollte ihren medizinischen Datensatz zunächst sehen, bevor sie entschied.
Zwei unterschiedliche Entscheidungen im selben Haus.
Nele war T-19. Fina T-62. Bram stand nicht auf der Liste, weil sein Steinwert nach dem Turmtest als örtlich unverzichtbar markiert worden war. Die Krone schützte damit nicht seine Zustimmung, sondern seine Funktion.
Nele lachte einmal trocken. „Sie brauchen meinen Wagen für die Versorgung und meinen Namen für die Mauer. Beides zur selben Zeit.“
Ihr Eintrag plante zwölf Stunden Verbindung. Der Transportausfall war als vertretbar markiert.
Fina sollte achtundvierzig Stunden tragen, obwohl ihr erster freiwilliger Test nur eine Stunde gedauert hatte und eine volle Ruhephase verlangte. Die königliche Anlage hatte diese medizinische Grenze nicht übernommen.
Sanna setzte eine Gegenanzeige in Finas Akte: nicht geprüft für Dauerlast, keine Zustimmung.
„Wenn ich weniger wichtig wäre, würden sie mich nehmen“, sagte er.
Ralf Eder fand seinen eigenen Namen nicht. Als Vorsteher galt er als Verwaltungsreserve und war ausgenommen. Drei Mitglieder seiner Familie standen in K-Gruppe zwei.
„Sie haben mich zur Sammelzustimmung vorgesehen“, sagte er. „Für Menschen aus meinem Haus.“
Die Anlage enthielt tatsächlich ein Feld für seine Unterschrift.
Ralf strich es vor Zeugen und schrieb:
Ich kann meine Zustimmung geben, nicht die von achtzig anderen Erwachsenen.
Seine Schwester entschied anders als er. Sie wollte für einen freiwilligen Kreis geprüft werden, falls Kiesrain erneut Rot erreichte.
„Nicht für sechsunddreißig Stunden“, sagte sie. „Für eine Schicht mit Ausgang.“
Ralf unterschrieb nicht für sie. Er bezeugte nur, dass die Kontrollstelle ihre Erklärung aufgenommen hatte.
Im Namenlosenlager war die Prüfung schwieriger. Manche Personen besaßen keine aktive Registernummer und konnten dennoch über Resonanzzeichen erkannt werden. Rika fand eine Nummer, deren Alters- und Stärkeangaben zu ihr passten, aber der frühere Name blieb versiegelt.
„Ich will nicht wissen, welchen Namen sie darunter führen“, sagte sie.
Die Kontrollstelle verzeichnete: mögliche Zuordnung widersprochen, keine Namensöffnung gewünscht.
Nord wollte ihre frühere Zuordnung sehen. Sie erfuhr ihren Geburtsnamen und entschied, ihn noch nicht öffentlich zu benutzen.
Der Schlüssel stellte niemanden wieder her. Er gab nur Zugriff, wenn die Person ihn wollte.
Bis zum Abend hatten siebenundvierzig Erwachsene ihre eigenen Datensätze geprüft. Zweiundvierzig widersprachen der Bindung. Drei verlangten weitere Informationen. Zwei erklärten sich grundsätzlich zu einem freiwilligen, begrenzten Kreis bereit, nicht zur vorgelegten Reserve.
Eine Person zog die zunächst erteilte Bereitschaft nach der medizinischen Erklärung zurück. Der Status wechselte von offen zu abgelehnt. Die frühere Antwort blieb als Verlauf sichtbar, konnte aber nicht als gültige Zustimmung benutzt werden.
Eine andere wollte gar keinen Status veröffentlichen. In der öffentlichen Summe erschien sie nur als geprüft, Ergebnis privat. Elin musste deshalb die Zahlen getrennt darstellen, statt Schweigen zur Zustimmung oder Ablehnung zu machen.
Kein einziges persönliches Ja lag für Severins Plan vor.
Cassian und Elin bauten aus den Ergebnissen keine öffentliche Namensliste. Sie veröffentlichten Zahlen und Zustimmungsstatus. Wer selbst sprechen wollte, konnte den Namen hinzufügen.
Mara sah die anonyme Reichsanlage erneut an. T-34 war für Severin ein Steinwert. T-35 ein ergänzender Flutwert.
Sie legte die Hand nicht auf die Nummern. Der achte Ring hätte vielleicht die Namen dahinter gehört. Das wäre kein freiwilliger Zugriff gewesen.
„Wir finden nur Menschen, die selbst prüfen wollen“, sagte sie.
Oda schloss das Register für die Nacht.
Für Mara waren es ihr Vater, der Lenas verlorene Zeile las und weinte, und ihre Mutter, die erst gefragt hatte, bevor sie Mara umarmte.
Namen konnten Menschen festhalten.
Nummern konnten sie verstecken.
Beides wurde gefährlich, wenn andere entschieden, was eine Person bedeutete.
Am Ende der Anlage erschien eine neue Markierung. Drei Gruppen waren rot geworden.
Tannwald. Kiesrain. Südpass.
Die dreifache Grenzschwelle war erreicht.
Ein königlicher Befehl forderte die örtlichen Leitungen auf, die dreihundert Personen innerhalb von sieben Tagen bereitzustellen.
