Kapitel 24: Das Haus ohne Bewohner

Im Briefkasten am Birkenrain 6 lagen drei Werbeprospekte und eine tote Wespe.

Nora sah es durch den breiten Einwurfschlitz. Sie berührte nichts. Das Grundstück war von einem niedrigen Metallzaun umgeben, das Tor jedoch mit einer Kette verschlossen. Am Pfosten hing ein Schild:

Musterhaus – Besichtigung nur nach Vereinbarung.

Die angegebene Telefonnummer war nicht mehr vergeben.

Nora stand auf dem Gehweg und begann mit dem, was sie aus ihrer Arbeit kannte: Beobachten, bevor sie eine Erklärung erfand.

Das Gras reichte bis über die unteren Zaunstreben. In den Fenstern hingen saubere, aber ausgeblichene Gardinen. Vor der Terrassentür hatte sich grüner Belag gebildet. Der Stromkasten trug eine rote Stilllegungsmarke vom vergangenen Winter.

Langfristig unbewohnt, schrieb sie in ihr Notizbuch.

Nicht: Schäden erfunden.

Nicht: Geisterhaus.

Nur das, was von außen sichtbar war.

Ein älterer Mann kam mit einem Hund auf dem Gehweg vorbei. Er verlangsamte seinen Schritt, sagte aber nichts. Nora stellte sich nicht als Versicherungsprüferin vor und fragte ihn nicht, wer zuletzt im Haus gewesen war. Sie durfte ihren eigenen Vertrag prüfen; sie durfte nicht unter falschem Vorwand Aussagen sammeln.

Nachdem er weitergegangen war, fotografierte sie auch die Straßenansicht. Drei bewohnte Einfamilienhäuser, ein unbebautes Grundstück und das Musterhaus. Kein abgesperrter Baustellenbereich, keine sichtbare Firma, kein Lagerbetrieb.

Eva wartete im Auto auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Sie hatte darauf bestanden, dass Nora nicht allein fuhr, wollte aber nicht zu zweit wie Ermittlerinnen um das Haus laufen. Ihre Vereinbarung vom Café hatte bereits einen praktischen Nutzen.

Nora fotografierte das Musterhausschild, den verschlossenen Zugang und die Hausnummer. Dann ging sie einmal auf dem öffentlichen Gehweg um die Ecke. An der Seitenwand hing eine transparente Bautafel. Regenwasser war zwischen Kunststoff und Papier gelaufen, doch die Schrift ließ sich noch lesen.

Umbau und energetische Erprobung.

Projektträger: KW Projektservice GmbH.

Versicherungskoordination: Nora Brandt.

Nora blieb stehen.

Ihr Name war nicht handschriftlich ergänzt worden. Er war Teil des gedruckten Layouts.

Das Datum der Tafel lag vier Jahre zurück, drei Wochen nach ihrem Versicherungsnachtrag. In dieser Zeit hatte Daniel ihr erklärt, die Bank benötige ihre Unterschrift nur für die neuen Fenster ihres eigenen Hauses.

Sie machte mehrere Fotos aus geradem Winkel. Dann rief sie Eva.

„Mein Name steht auf der Bautafel.“

Eva stieg aus, blieb aber auf dem Gehweg. „In welcher Funktion?“

„Versicherungskoordination.“

„Das passt zu der erfundenen Rolle in den Bankunterlagen.“

„Nicht ganz. Dort bin ich Eigentümerin und Garantin.“

„Dann wurden verschiedene Versionen von Ihnen benutzt.“

Nora zoomte nicht nur auf ihren Namen, sondern fotografierte die gesamte Tafel mit Hauswand und Nummer. Tobias hatte erklärt, warum Kontext wichtig war. Ein ausgeschnittener Schriftzug konnte überall hängen. Die Gesamtaufnahme zeigte, wo er stand.

Auf der Rückseite des Hauses war ein Fenster im Obergeschoss gekippt. Kein Vorhang bewegte sich. Nora hörte weder Stimmen noch Schritte.

„Wir gehen nicht rein“, sagte Eva.

„Ich weiß.“

„Sie sehen aus, als würden Sie es trotzdem überlegen.“

„Ich überlege, warum drei Schäden an einem Haus reguliert wurden, das offenbar jahrelang leer stand.“

„Leerstand schließt Schäden nicht aus.“

Nora sah sie an. „Jetzt klingen Sie wie ich.“

„Die Schule.“

Sie kehrten zum Auto zurück. Nora öffnete im Wagen ihr Versicherungsportal. Die erste Schadenmeldung beschrieb Leitungswasser in einer bewohnten Musterwohnung. Auf Fotos, die sie als Versicherungsnehmerin einsehen konnte, standen Möbel in den Räumen. Die zweite Meldung sprach von Sturmfolgen am Dach. Die dritte von einem Einbruch in ein Materiallager.

Nora verglich die Zeitpunkte mit öffentlich archivierten Verkaufsanzeigen. Das Musterhaus war in allen drei Jahren als „derzeit nicht zur Besichtigung geöffnet“ markiert.

„Das ist ein Widerspruch“, sagte sie. „Noch kein Beweis.“

„Was brauchen Sie?“

„Die Schadenakten, die Berechtigung der Zahlungsempfänger und die Angaben zum Leerstand. Das soll der Versicherer prüfen.“

Nora öffnete die öffentlich abrufbaren Wetterdaten zu den gemeldeten Schadentagen nicht, obwohl es sie reizte. Ein Sturmbericht konnte eine Schadenursache stützen oder widerlegen, aber nicht am Straßenrand und nicht ohne vollständige Akte. Sie schrieb die Idee lediglich in ihr Notizbuch.

„Sie fahren wirklich nicht mehr hinein“, sagte Eva.

„Das Tor ist verschlossen.“

„Das war keine technische Frage.“

Nora steckte das Telefon ein. „Nein. Ich fahre nicht hinein.“

Sie schickte über das Portal eine Missbrauchsmeldung zu ihrem eigenen Vertrag. Keine Beschuldigung, nur die Erklärung, dass sie die Adresse und die Schäden nicht veranlasst habe.

Bevor sie fuhren, ging Nora noch einmal zur Bautafel. Unten hatte sich die Folie gelöst. Dahinter war eine zweite, ältere Papierschicht sichtbar.

Sie berührte die Tafel nicht. Sie leuchtete nur seitlich mit der Taschenlampe ihres Telefons. Unter dem aktuellen Blatt zeichneten sich Buchstaben ab.

Projektleitung.

M. Brandt.

„Eva.“

Eva kam näher. „Nicht ablösen.“

„Mache ich nicht.“

Nora wechselte den Aufnahmewinkel. Durch die nasse obere Schicht erschien der vollständige Name der älteren Tafel:

Projektleitung: Marlene Brandt.

Daneben stand keine Jahreszahl von 1999. Das Druckdatum am Rand stammte aus dem Jahr, in dem Nora und Daniel sich kennengelernt hatten.

Sechs Jahre zuvor.

Nora hielt das Telefon still, bis das Bild scharf war.

Ihre Mutter war seit siebenundzwanzig Jahren tot.

Trotzdem hatte Keller Wohnbau sie auf einem modernen Projekt als verantwortliche Leiterin geführt.