Das Haus stand noch.
Der niedrige Steinzaun war an derselben Stelle eingesunken, und über der Tür hing das Bündel getrockneter Schafgarbe, das Maras Mutter jedes Jahr erneuerte. Mara hatte auf der ganzen Fahrt gefürchtet, die Krone könnte Tannwald aus ihrer Erinnerung genommen haben.
Nun fürchtete sie, was Tannwald von Lena genommen hatte.
Nele setzte sie hinter der Kräuterscheune ab. „Ich stelle den Wagen auf meinen Hof. Wenn die Straße gesperrt wird, brauchen wir die Zugtiere für den Pass.“
„Danke.“
„Später. Erst geh hinein.“
Mara klopfte.
Ihr Vater öffnete mit einem Schneidemesser in der Hand. Er war sechzig, breiter geworden und an den Schläfen fast weiß. Als er Mara sah, fiel das Messer nicht. Er legte es bewusst auf die Fensterbank.
„Du bist gesucht.“
„Ja.“
„Bist du verletzt?“
„Nicht so, dass ich umfalle.“
Er zog sie in die Küche. Ihre Mutter stand am Herd, sah die silberne Hand und umarmte Mara erst, nachdem sie gefragt hatte: „Darf ich?“
Mara sagte ja.
Die Umarmung roch nach Rauch, Majoran und dem Wolltuch, das ihre Mutter seit Jahren trug. Mara schloss die Augen. Einen Atemzug lang sah sie Lenas Gesicht klar: die schmale Narbe an der Braue, die ungleichen Mundwinkel. Dann rutschte das Bild fort. Nicht ganz weg. Nur schwerer zu halten.
„Die Akademie sagt, du hättest den Mauerdienst verlassen“, sagte ihr Vater.
„Ich habe ihm nie zugestimmt.“
Sie legte die Abschriften auf den Tisch. Ihre Eltern lasen langsam. Sie stellten keine Frage nach Cassian, bevor sie die Rangänderung und den Notfallvermerk verstanden hatten.
„Warum haben sie dich ausgewählt?“, fragte ihre Mutter.
„Weil Joris Nein gesagt hat. Weil mein achtes Siegel auf gelöschte Namen reagiert. Weil Severin daraus eine Fähigkeit gemacht hat, die Mauerlast zu tragen.“
„Kannst du es?“
„Ich weiß es nicht. Das ist nicht dasselbe wie Zustimmung.“
Ihr Vater nickte, doch sein Blick blieb am Kräuterbuch hängen. „Das gehörte doch dir.“
„Uns“, sagte Mara. „Lena und mir.“
Stille.
Ihre Mutter setzte sich. „Wer ist Lena?“
Mara hatte die Antwort erwartet. Trotzdem fühlte es sich an, als breche ein Brett unter ihrem Fuß.
„Meine Schwester. Eure ältere Tochter.“
Ihr Vater schüttelte den Kopf. „Wir haben eine Tochter.“
„Ihr hattet zwei.“
Sie öffnete das Kräuterbuch nicht sofort. Namen durften nicht wie Waffen in Menschen gestoßen werden. Mara erklärte, dass Lena an der Akademie studiert hatte, vor drei Jahren aus den öffentlichen Verbindungen geschnitten worden war und noch lebte. Sie sagte auch, dass Erinnerung nicht auf Befehl zurückkehrte.
„Wollt ihr das Buch sehen?“, fragte sie.
Ihre Eltern sahen einander an. Ihre Mutter nickte zuerst. Ihr Vater erst danach.
Mara legte das Familienverzeichnis auf den Tisch. Zwischen Geburtsdaten, Mischungen und Erntejahren standen zwei Handschriften. Maras schmale Buchstaben, Lenas kräftige Korrekturen. An einer Stelle hatte Lena geschrieben:
Mara nimmt zu viel Minze. Vater behauptet, er merke es nicht.
Ihr Vater berührte den Satz nicht. Tränen traten in seine Augen, bevor sein Gesicht irgendeine Erinnerung zeigte.
„Ich weiß das nicht“, sagte er. „Aber es tut weh.“
Das war der Trauerrest: eine Bindung ohne verfügbares Bild. Maras achtes Siegel hörte ihn als dumpfen Ton hinter seinem Namen.
Ihre Mutter las weiter. Bei einer Notiz über verbrannte Wurzeln griff sie an die Brust. „Jemand hat immer auf der linken Seite des Tisches gesessen.“
„Lena“, sagte Mara leise.
„Ich erinnere mich nicht.“
„Du musst nicht behaupten, dass du es tust.“
Mara erzählte keine glückliche Kindheit, um die Lücke zu füllen. Sie nannte überprüfbare Dinge: zwei Schlafkammern, zwei Einträge im Hebammenbuch, eine zweite Tasse mit abgebrochenem Henkel. Dann fragte sie, ob sie die Tasse holen solle.
Ihr Vater sagte nein. Für heute reiche das Buch.
Sie respektierte es.
Draußen schlug die Passglocke zweimal. Alle drei sahen zum Fenster.
„Gelbe Warnung“, sagte ihr Vater.
Mara fragte nach dem Westabschnitt. Ihre Eltern berichteten, dass die Zeiger seit einer Woche schwankten. Königliche Prüfer hätten den zentralen Wallturm versiegelt und lokale Messungen untersagt. In der vergangenen Nacht seien grüne Lichter über dem Pass gestanden.
Ihre Mutter schob das Buch zurück zu Mara. „Ist Lena dort?“
„Ihre Verbindung läuft durch den schwachen Abschnitt. Wo sie selbst ist, weiß ich nicht.“
Ein dritter Glockenschlag folgte.
Rot.
Der Schmerz im Gesicht ihres Vaters verschwand nicht. Er stand trotzdem auf und griff nach dem Mantel.
„Das Schutzhaus“, sagte er. „Wir bringen die Nachbarn hinein.“
Mara nahm ihre Kräutertasche.
Am Rand des Buches erschien Feuchtigkeit.
Lenas Handschrift wurde dunkler.
Nicht als Erinnerung.
Als Warnung.
