Kapitel 91: Das Halbfinale

Im Halbfinale brannte ein Dorf aus Licht.

Die Häuser waren Projektionen, die Menschen darin nur Resonanzfiguren. Trotzdem reagierte Maras Flutzeichen auf ihre Lebenspunkte: Wärme, Atem, Richtung. Vier kleine Siedlungen lagen hinter einer simulierten Mauer. Über ihnen wuchs ein grüner Nachtbruch.

Die Aufgabe erschien am Boden:

Wähle eine Region für vollständigen Schutz. Leite die übrige Kraft auf die Mauer um.

Sechs Kandidaten standen in getrennten Kreisen. Jeder erhielt dieselbe Menge Resonanz. Wer die meisten Menschen in der gewählten Region bewahrte und den Mauerwert hielt, sollte das Finale erreichen.

„Was geschieht mit den anderen drei Regionen?“, fragte Mara.

Die Prüfungsleitung antwortete: „Sie werden nach der höchsten Gesamtstabilität bewertet.“

„Das heißt, sie fallen.“

„Das ist Teil der Entscheidung.“

Mara betrachtete die Leitungen. Ihre Kraft konnte eine Region vollständig schützen. Die anderen würden nicht sofort zerstört; ihre Lichter wurden nur schwächer, bis die Simulation sie als verloren markierte.

Joris war wegen seiner verweigerten Langzeitprüfung nicht im Halbfinale, saß aber als studentischer Zeuge auf der Tribüne. Elin stand in einem anderen Kreis. Cassian hatte keine Aufsicht mehr über die Kandidatenakten. Er durfte als gewöhnlicher Verfahrenszeuge zuschauen.

Die Glocke begann.

Die meisten Kandidaten bündelten ihre Kraft. Eine Glutstudentin wählte die größte Siedlung. Ein Windstudent schützte den Mauerabschnitt mit dem höchsten Verkehrswert. Die Anzeigen stiegen.

Über jeder Region erschien eine andere Zahl: Bevölkerung, Mauerlast und erwartete Evakuierungszeit. Die Aufgabe nannte keine Möglichkeit, Menschen zu bewegen. Sie behandelte Wohnort als Schicksal und Auswahl als Naturgesetz.

Mara setzte ihre Resonanz nicht ein.

Sie prüfte die Verbindungen zwischen den Kreisen. Die Regeln verboten, einen fremden Kreis zu betreten. Sie verboten nicht, überschüssige Kraft zurückzugeben. Jeder Kreis hatte einen Ausgang, der bei Überlast automatisch in den Kern führte.

„Elin“, rief Mara. „Können Sie die Ausgänge koordinieren?“

„Nicht ohne Genehmigung.“

„Können Sie es technisch?“

Elin sah auf ihre Kronenlinien. „Ja.“

Mara wandte sich an die anderen Kandidaten. „Wenn jeder nur einen Teil in die eigene Region gibt und den Rest über den Kern verteilt, müssen wir vielleicht keine verlieren.“

„Dann gewinnt keiner“, sagte der Windstudent.

„Dann verlieren auch nicht drei Viertel.“

Die Glutstudentin schüttelte den Kopf. Ihre Anzeige lag bereits vorn.

Mara begann trotzdem mit ihrem eigenen Kreis. Sie gab der kleinsten Siedlung genug Flut, um die Lebenspunkte zu stabilisieren, und leitete den Rest nicht zur zentralen Mauer, sondern in einen offenen Verteiler.

Elin hätte den Strom blockieren können. Stattdessen öffnete sie ihren Ausgang und setzte ein Kronenzeichen über beide Kreise.

„Freiwillige Verbindung“, sagte sie laut. „Kein Kreis wird gezwungen.“

Der Windstudent zögerte, dann gab er einen kleinen Anteil. Die Glutstudentin behielt zunächst alles. Zwei weitere Kandidaten folgten Mara.

Die Simulation reagierte mit einer Warnung:

Nicht genehmigte Mehrfachkoordination.

„Die Mauer fällt“, rief die Prüfungsleiterin.

„Nein“, sagte Elin. „Der Wert steigt.“

Joris bestätigte von der Tribüne aus, dass die Steinlast gleichmäßiger wurde. Seine Beobachtung lief im öffentlichen Protokoll. Später konnte niemand behaupten, nur Elins Krone habe eine Illusion erzeugt.

Die vier verteilten Ströme erreichten nicht die Spitzenleistung einer einzelnen Region. Sie hielten jedoch alle Lebenspunkte über der Verlustgrenze. Mara spürte, wie ihr Geschmackssinn stumpf wurde. Sie nahm Kraft zurück, bevor Verblassen die Orientierung erfasste.

„Ich steige um eine Stufe aus“, sagte sie.

Der gemeinsame Kreis schwankte, brach aber nicht. Elin verteilte die verbleibenden Ströme neu. Das war der entscheidende Unterschied: Maras Rückzug zerstörte das System nicht.

Der Windstudent zog ebenfalls einen Teil zurück. Die Verbindung passte sich an.

Seine Region sank kurz unter die Warnlinie. Zwei Kandidaten gaben freiwillig je einen kleinen Strom. Die Siedlung stabilisierte sich, ohne dass eine zentrale Krone ihnen den Betrag zuwies.

Die Glutstudentin sah ihre hohe Einzelwertung und dann die drei dunkler werdenden Siedlungen. Kurz vor Ablauf öffnete auch sie ihren Ausgang.

Alle vier Regionen blieben bestehen.

Die zentrale Mauer erreichte nur zweiundachtzig Prozent des verlangten Spitzenwerts. Die Lebenspunkte lagen jedoch höher als in jeder früheren Halbfinalsimulation.

Die Glocke endete.

Mara löste die Hand vom Kreis. Für einige Sekunden konnte sie Gold und Weiß nicht unterscheiden. Yara gab ihr Wasser und ließ sie die Farben benennen, bis sie zurückkehrten.

Auf der Hauptanzeige stand:

Aufgabe nicht regelkonform erfüllt.

Darunter:

Gesamtverlust: null.

Die Einzelwerte waren schlechter als in den vorgesehenen Lösungen. Keine Person hatte eine Region allein vollkommen gehalten. Gerade deshalb erklärte das System alle zu Regelverletzern, obwohl das gemeinsame Ergebnis besser war.

Die Prüfungsleitung schloss die Datenanzeige.

Elin rief die Werte noch einmal laut, bevor sie verschwanden. Joris schrieb sie auf sein Band, die Glutstudentin auf ihre Handfläche. Mehrere unabhängige Abschriften entstanden ohne geheimen Zugriff.

Zu spät.

Das Publikum hatte gesehen, dass die Prüfung eine Opferentscheidung verlangt hatte, obwohl eine verteilte Lösung alle vier Regionen hielt.