Nora strich den dritten Absatz durch.
„Zu pathetisch“, sagte sie.
Eva zog das Blatt zu sich. „Sie haben ihn geschrieben.“
„Deshalb erkenne ich es.“
Sie saßen im hinteren Teil eines Cafés nahe dem Lübecker Bahnhof. Der Tisch stand weit genug von der Tür entfernt, dass niemand im Vorbeigehen auf ihre Unterlagen sehen konnte. Tobias hatte ihnen geraten, keine selbst erfundenen Rechtsverträge zu unterschreiben. Also nannten sie das Blatt nicht Vertrag, sondern Arbeitsvereinbarung.
Es sollte keine Gefühle regeln. Nur ihr Verhalten.
Erstens: Jede teilt neue Informationen über Daniel, die Garantie und die Marlene-Unterlagen, soweit keine rechtliche Pflicht dagegensteht.
Zweitens: Keine übergibt Originale an Helene, Lukas, Daniel oder Dritte, ohne vorher Kopien zu sichern und Tobias zu informieren.
Drittens: Keine schließt allein eine Vereinbarung, die die andere finanziell oder rechtlich belasten könnte.
Viertens: Vermutungen werden als Vermutungen markiert.
Der gestrichene Absatz hatte gelautet:
Wir lassen nicht länger zu, dass Daniel bestimmt, welche von uns die wichtigere Frau war.
Eva faltete die Ecke des Blattes zurück. „Inhaltlich ist er richtig.“
„Aber er klingt wie ein Spruch auf einer Tasse.“
„Dann streichen wir ihn.“
Nora sah aus dem Fenster. Menschen zogen Koffer über das Pflaster. Ein Mann hob ein Kind auf seine Schultern. Am Taxistand stritt ein Paar leise über eine Adresse.
„Ich habe sechs Jahre damit verbracht, auf Ihren Platz zu warten“, sagte Nora.
Eva hielt den Stift still.
„Daniel sagte, die Scheidung ziehe sich hin. Erst wegen des Hauses, dann wegen Ihrer Steuern, dann weil Sie krank gewesen seien.“
„Ich war nicht krank.“
„Das weiß ich jetzt.“
„Und ich wusste nicht, dass es Sie gab.“
Nora drehte die Kaffeetasse zwischen den Händen. „Ein Teil von mir wollte am ersten Abend beweisen, dass er bei mir glücklicher war.“
„Ein Teil von mir wollte, dass Sie ihn freiwillig genommen haben. Dann hätte ich Sie verantwortlich machen können.“
Es war das erste Mal, dass Eva diesen Gedanken aussprach. Er klang kleiner, sobald er zwischen ihnen lag.
„Hat er Sie geliebt?“, fragte Nora.
Eva dachte an achtzehn Jahre. An Geburtstage, Krankenhausflure, falsch aufgehängte Regale, an Daniels Hand in ihrem Rücken, wenn sie eine Treppe hinunterging. An das Signaturprotokoll vom Neujahrstag.
„Manchmal vielleicht“, sagte sie. „Aber nicht auf eine Weise, die uns schützt.“
Nora nickte langsam. „Mich hat er zuerst gesucht, weil er etwas finden wollte.“
„Das wissen wir noch nicht vollständig.“
„Das Friedhofsfoto reicht mir für die Frage, ob unser Treffen Zufall war.“
Eva widersprach nicht.
Sie formulierten den gestrichenen Absatz neu:
Private Aussagen Daniels über die jeweils andere gelten nicht als Beleg und werden nicht zur Grundlage gemeinsamer Entscheidungen.
„Unromantisch“, sagte Nora.
„Hervorragend.“
Sie ergänzten eine Kontaktregel. Bei unmittelbaren Bankfristen durfte jede handeln, musste die andere aber so schnell wie möglich informieren. Bei Gefahr sollten sie Jana anrufen, nicht selbst jemanden verfolgen. Fundorte, Zeiten und Übergaben würden sie schriftlich festhalten.
Nora unterschrieb mit ihrem gesetzlichen Namen.
Nora Brandt.
Nicht Nora Keller, wie auf den Einladungen zur dänischen Feier. Nicht mit dem schwungvollen K, das Daniel ihr im Spaß beigebracht hatte.
Eva setzte ihre Unterschrift darunter.
Eva Keller.
Sie hielt einen Moment inne. Ihr Nachname war legal. Er gehörte ihr, auch wenn Daniel ihn ebenfalls trug. Sie musste ihn heute weder verteidigen noch ablegen.
„Sind wir jetzt Freundinnen?“, fragte Nora.
„Nein.“
„Gut.“
„Aber wir arbeiten zusammen.“
„Das klingt fast schlimmer.“
Eva schob ihr eine Kopie hin. Zum ersten Mal lächelten beide, ohne dass die andere das Lächeln als Angriff verstand.
Noras Telefon vibrierte auf dem Tisch.
Sie sah auf das Display. „Unbekannte Nummer.“
„Nicht öffnen, wenn es ein Link ist.“
„Es ist ein Bild.“
Nora tippte auf die Vorschau. Kein Text, kein Absendername, nur ein Foto.
Es zeigte das Café von außen.
Durch die Scheibe waren Eva und Nora am Tisch zu sehen. Nora hielt den Stift in der Hand, Eva beugte sich über die Arbeitsvereinbarung. Die Aufnahme musste weniger als eine Minute alt sein.
Nora fuhr herum.
„Sitzen bleiben“, sagte Eva.
Draußen gingen zwei Frauen mit Einkaufstaschen vorbei. Ein Lieferwagen bog ab. An der Ampel stand ein dunkler Wagen, doch aus ihrem Winkel war das Kennzeichen nicht zu erkennen.
Nora legte das Telefon flach auf den Tisch. „Jemand beobachtet uns.“
„Jemand möchte, dass wir das wissen.“
Eva notierte Uhrzeit, Sitzplatz und Blickrichtung. Nora machte Fotos vom Fenster, ohne aufzustehen. Danach schickten sie Jana die Originalnachricht und riefen sie an.
„Nicht hinterhergehen“, sagte Jana. „Bewahren Sie die Nachricht auf. Ich komme und sehe mir die Umgebung an.“
Nora betrachtete das Bild erneut. Der Fotograf hatte nicht zufällig zwei Frauen beim Kaffee aufgenommen. Der Bildausschnitt zeigte deutlich ihre Hände, die Stifte und das unterschriebene Blatt.
Daniel hatte sechs Jahre lang dafür gesorgt, dass Eva und Nora nie zusammen an einem Tisch saßen.
Nun hatte jemand den Beweis fotografiert, dass sie es doch taten.
Das Bild sollte sie trennen. Stattdessen wurde es der erste Beleg ihrer gemeinsamen Entscheidung.
