Kapitel 78: Der überwachte Schlaf

Mara wachte mit einem Lied im Mund auf, dessen Melodie sie nicht kannte.

Die Morgenglocke hatte noch nicht geläutet. Im Zimmer war es dunkel, bis auf die silberne Linie an ihrem Handgelenk. Sie zog sich vom Überwachungszeichen über das Bettgestell bis zur Wand, wo ein kleiner Kronenknoten pulsierte.

Elin saß bereits aufrecht. „Sie haben im Schlaf gesprochen.“

„Was habe ich gesagt?“

„Lenas Namen. Dann: Sing noch einmal.“

Mara wusste, dass Lena als Kind gesungen hatte. Sie erinnerte sich an eine Stimme beim Kräutersortieren, an einen falschen Ton, über den beide lachten. Als sie versuchte, den Klang zu hören, fand sie nur das Lied, mit dem sie aufgewacht war. Glatt, ohne Atem, wie eine aus dem Gedächtnis gezogene Kopie.

Sie schlug das Kräuterbuch auf. Neben einem Rezept stand Lenas alte Bemerkung: Mara kann selbst beim Wiegen nicht aufhören zu summen.

Die Worte bewiesen, dass Musik zwischen ihnen existiert hatte. Sie brachten die Stimme nicht zurück.

„Die Linie war mit der Wand verbunden“, sagte Elin. „Ich habe sie nicht berührt.“

Mara verließ das Bett und zeichnete keine Gegenzeichen. Sie bat Elin, Uhrzeit, sichtbare Verbindung und gesprochene Sätze aufzuschreiben. Dann riefen sie die zuständige Wohnaufsicht und Cassian.

Er kam mit einer Worttechnikerin, nicht allein. Die Frau öffnete die Abdeckung des Kronenknotens. Darunter lagen zwei getrennte Leitungen: eine führte zum örtlichen Sicherheitsraum der Akademie, die andere in das königliche Netz.

„Die genehmigte Überwachung misst Position und Magiemenge“, sagte Cassian. „Keine Trauminhalte.“

Die Technikerin hielt ein blasses Blatt gegen den Knoten. Darauf erschienen Zeitmarken und kurze Wellenformen. „Der lokale Speicher enthält nur Belastungswerte.“

„Und der zweite Ausgang?“

„Darauf habe ich keinen Zugriff.“

Cassian hatte als Verfahrensaufsicht das Recht, einen lokalen Kanal zu schließen, wenn er über den genehmigten Umfang hinausging. Er konnte den königlichen Hauptanschluss nicht entfernen. Das erklärte er, bevor er handelte.

„Wenn ich die örtliche Überwachungsleitung trenne, kann die Krone behaupten, ich hätte die Messkette beschädigt“, sagte er. „Der Hauptkanal bleibt aktiv. Es ist keine vollständige Lösung.“

„Wird die Verbindung für diese Nacht unterbrochen?“ fragte Mara.

„Lokal ja.“

„Dann tun Sie das.“

Er ließ die Technikerin das Siegel setzen und unterschrieb die Abschaltung mit Uhrzeit und Grund. Kein heimliches Durchschneiden, kein romantisches Versprechen, dass nun niemand Mara erreichen könne.

Die silberne Linie wurde blasser. Der zweite Faden zur Krone blieb kalt an ihrer Haut.

Mara versuchte am Vormittag, sich über konkrete Dinge an Lenas Stimme zu erinnern. Nicht durch Magie. Sie las alte Sätze laut, bat Joris, die Melodie zu summen, die Mara früher unbewusst gepfiffen hatte, und roch an getrocknetem Waldthymian. Bilder kamen zurück: Lenas Mund voller Stecknadeln, Lena am Brunnen, Lena mit nassem Haar.

Keine Stimme.

Elin erinnerte sich an Maras Bericht vom Vortag und schrieb ausdrücklich, dass Mara die Stimme da noch beschreiben konnte. Sie hatte Lena nie gehört; ihr Zeugnis bestätigte nur den Zeitpunkt des Verlusts. Yara legte beide Aussagen getrennt ab.

„Sie müssen nicht weitergraben“, sagte Yara. „Erzwungene Erinnerung kann eine Lücke mit etwas Falschem füllen.“

Mara legte das Buch zu. Der Verlust war klein genug, dass andere ihn vielleicht Sentimentalität nannten. Gerade deshalb war er gefährlich. Wenn die Krone jede Nacht einen Ton, einen Geruch oder einen Gesichtsausdruck entnahm, konnte Lena verschwinden, ohne dass Mara einen einzelnen großen Bruch bemerkte.

Cassian beantragte noch am selben Tag eine unabhängige Prüfung des Hauptkanals. Severins Büro lehnte ab. Das Zeichen diene der öffentlichen Sicherheit; Schlafphasen könnten bei ungewöhnlicher Resonanz relevante Ausschläge enthalten.

„Sie geben also zu, dass sie Schlafdaten bekommen“, sagte Elin.

„Sie geben nur zu, dass sie Ausschläge messen“, sagte Cassian. „Nicht, was sie daraus extrahieren.“

Mara wollte Severins Glassplitter mit dem Lied vergleichen. Yara widersprach. Der Splitter befand sich nicht in ihrer Kontrolle, und jede Annäherung konnte eine weitere Verbindung öffnen.

Am Abend zog Mara nicht in ein anderes Zimmer. Der königliche Faden hätte ihre Position gefunden, und Flucht innerhalb des Wohnhauses hätte Elin ohne Zustimmung in die Sache gezogen. Stattdessen stellten sie zwei unabhängige Worttafeln auf und vereinbarten Wachzeiten. Mara entschied selbst, dass sie schlafen würde.

Sie legte auch das Kräuterbuch nicht unter ihr Kissen. Es blieb in einer versiegelten Schublade am anderen Ende des Raums. Wenn die Leitung erneut nach Lena griff, sollte wenigstens sichtbar werden, ob sie Maras Gedächtnis oder den Gegenstand berührte.

Kurz vor dem Einschlafen schrieb sie:

Lenas Stimme fehlt seit heute.

Elin unterschrieb als Zeugin, dass Mara diesen Verlust vor der Nacht benannt hatte.

Als die Lampen erloschen, blieb der lokale Kronenknoten dunkel.

Der Faden an Maras Handgelenk leuchtete trotzdem.

Aus der Wand kam das fremde Lied.

Diesmal sang es mit Maras eigener Stimme zurück.