Kapitel 77: Joris’ Eignung

Joris erhielt die Einladung beim Frühstück.

Das Papier nannte sie eine Auszeichnung. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Steinresonanz dürfe er an einer Einführung in den ehrenvollen Grenzdienst teilnehmen. Reise, Unterkunft und eine spätere Ratsstelle würden vom Reich übernommen.

„Unterkunft“, sagte Joris. „Großzügig. Vielleicht bekomme ich sogar ein Bett mit meinem Namen am Fuß.“

Er grinste, aber seine rechte Hand zerdrückte das Brot.

Mara zeigte ihm die neue Zeile im Kräuterbuch. Sie sagte nicht, Lena habe ihn als nächsten Namen vorhergesagt. Die Schrift war eine Warnung, deren Herkunft noch ungeklärt war. Joris las seine Rangzahl und legte das Papier daneben.

„Dann gehe ich zur Einführung“, sagte er.

Elin stellte ihre Tasse ab. „Das ist offensichtlich eine Auswahl.“

„Deshalb gehe ich nicht allein. Und ich unterschreibe nichts.“

Die Veranstaltung fand im kleinen Kronensaal statt. Joris durfte eine Vertrauensperson mitbringen. Er wählte Mara, weil Cassian als königlicher Beamter von den Organisatoren nicht als unabhängig akzeptiert worden wäre. Elin wartete draußen und dokumentierte Beginn und Teilnehmer.

Zehn Erwachsene saßen im Kreis, nicht nur Studierende. Ein Grenzoffizier sprach über den Nachtbruch, verlorene Dörfer und die Würde langfristigen Dienstes. Seine Berichte klangen echt. Mara kannte die grünen Blitze über Tannwald. Wieder benutzte die Krone keine erfundene Gefahr. Sie ließ nur die Alternative weg.

Auf einem Tisch lagen goldene Mappen. Joris’ Mappe enthielt eine Seite über „vertiefte Resonanzbindung“ und eine Zustimmung zur weiteren Bewertung.

„Wie lang ist langfristig?“, fragte er.

Die königliche Beraterin antwortete: „Das hängt von Ihrer Eignung und dem Bedarf ab.“

„Kann ich nach der Bewertung Nein sagen?“

„Niemand wird gegen seinen Willen in eine ehrenvolle Aufgabe gedrängt.“

„Das war keine Antwort.“

Ein Mann auf der anderen Seite des Kreises sah auf seine Hände. Mara erkannte ihn aus der Glutklasse. Er hatte das Formular bereits unterschrieben.

Die Beraterin lächelte geduldig. „Ein Rückzug nach aufwendiger Vorbereitung kann Auswirkungen auf Stipendien und Ratsempfehlungen haben.“

„Also kann ich Nein sagen und werde dafür bestraft.“

„Wir sprechen von Verantwortung, Herr Bell.“

Joris legte die Mappe zu. „Dann sprechen Sie schriftlich von Rücktritt, Folgen und Dauer.“

Die Steinplatte unter seinem Stuhl vibrierte. Ein Prüfkristall im Tisch reagierte auf seine Stimme, obwohl niemand erklärt hatte, dass das Gespräch eine Messung war.

Mara deutete darauf. „Wird seine Resonanz gerade erfasst?“

Die Beraterin zog ein Tuch über den Kristall. „Der Raum registriert Sicherheitswerte.“

„Dann braucht er auch dafür eine Information.“

Der Grenzoffizier wirkte zum ersten Mal unbehaglich. „Bei uns draußen bleibt keine Zeit für jedes Formular.“

„Aber wir sind nicht draußen“, sagte Joris. „Wir sitzen in einem Saal, den Sie vorbereitet haben.“

Er verlangte die Einwilligungsseite als Kopie. Die Beraterin wollte sie nur nach Unterschrift aushändigen. Mara schrieb den Wortlaut nicht heimlich ab. Sie bat um ein leeres Muster. Als auch das abgelehnt wurde, ließ Joris im Protokoll festhalten, dass er keine weitere Messung wünschte.

Sein Platz im Kreis wurde nicht sofort aufgehoben.

„Sie sollten darüber schlafen“, sagte die Beraterin.

„Ich schlafe lieber über einer Frage, deren Text ich mitnehmen darf.“

Draußen wartete Cassian mit einem formalen Hinweis. Die Akademiesatzung kannte kein „Ehrendienst“-Verfahren, nur freiwillige Praktika und königliche Berufungen nach Abschluss. Joris war im dritten Studienjahr und fünfundzwanzig. Er war erwachsen, aber noch immer Student. Die Veranstaltung schob mehrere Kategorien ineinander.

Die Flutaufsicht prüfte auf Joris’ Wunsch nur seine aktuelle Erschöpfung. Sie stellte keine Krankheit fest und erklärte seine Eignung nicht für widerrufen. Seine Hände brauchten Ruhe nach der Messung. Joris ließ sich die begrenzte Feststellung schriftlich geben, damit die Krone daraus später weder völlige Untauglichkeit noch unbegrenzte Belastbarkeit machte.

Elin kopierte Joris’ Einladung in ihr Zeugenbuch. „Mein Vater wird sagen, Sie hätten eine große Chance beleidigt.“

„Dann darf er sie selbst nehmen.“

Das Lachen kam diesmal nicht richtig.

Am Abend stand Joris in der Steinwerkstatt und hielt einen Riss in einer Übungswand geschlossen. Nach wenigen Minuten löste er die Hände.

„Früher hätte ich weitergemacht, bis der Lehrer mich lobt“, sagte er. „Heute dachte ich nur daran, wie leicht sie das messen können.“

Mara erinnerte ihn daran, dass seine Fähigkeit ihm gehörte, auch wenn andere sie brauchten.

„Das klingt einfach“, sagte er.

„Ist es nicht. Aber kompliziert bedeutet nicht, dass sie zuerst wählen dürfen.“

„Und wenn die Mauer wirklich fällt?“

„Dann braucht es eine Entscheidung mit der ganzen Wahrheit. Nicht eine Einladung, die das Ende verschweigt.“

Joris nahm sein Schutzband ab und schrieb unter die sieben Namen:

Ich stimme keiner langfristigen Bindung zu.

Als er das Band wieder schloss, erschien auf seiner Einladung ein neuer goldener Satz:

Ablehnung vorläufig vermerkt. Ersatzbewertung eingeleitet.