Kapitel 74: Die öffentliche Frage

Der Prüfungssaal war für Antworten gebaut, nicht für Fragen.

Auf der erhöhten Bühne standen sechs Pulte im Halbkreis. Hinter ihnen schwebte die Rangliste. Severin Rauk saß zwischen Seraphine und zwei Mitgliedern des Sieben-Siegel-Rates, als gehöre selbst die Akademie zu seinem Schreibtisch.

Mara nahm ihren Platz ein. Die silberne Linie an ihrem Handgelenk pulsierte unter dem Ärmel. Cassian stand nicht bei Severin, sondern am Rand der Bühne mit den Verfahrensprotokollen. Seit er die königliche Messung beanstandet hatte, sprach keiner der weißen Mäntel mit ihm.

Die erste Frage lautete: Wann darf die Pflicht eines Einzelnen über seinen persönlichen Wunsch gestellt werden?

Joris antwortete, dass eine Pflicht ohne benannte Grenze nur Gehorsam sei. Ein anderer Kandidat sprach von drohendem Nachtbruch. Mara wartete, bis ihre Wortmarke aufleuchtete.

„Eine öffentliche Pflicht braucht eine öffentliche Begründung, eine überprüfbare Belastung und eine Möglichkeit, falsche Angaben anzufechten.“

Severin legte die Hände zusammen. „Und wenn die Zeit für einen Widerspruch fehlt?“

„Dann darf die fehlende Zeit nicht von denen erzeugt worden sein, die den Gehorsam verlangen.“

Ein leises Murmeln ging durch die Ränge.

Die zweite Frage behandelte Erinnerung als Teil staatlicher Ordnung. Severin formulierte sie selbst. „Wenn eine einzelne Erinnerung die Stabilität eines Großsiegels gefährdet, wem gehört dann diese Erinnerung?“

„Der Person, die sie erlebt hat“, sagte Mara.

„Auch wenn Tausende den Preis zahlen?“

„Sie haben noch nicht bewiesen, dass sie ihn zahlen.“

Seraphines Blick traf Mara kurz und glitt wieder zur Rangliste.

Nach der dritten Runde durfte jeder Kandidat eine Verfahrensfrage stellen. Die übrigen fragten nach Bewertung, Einspruchsfristen und dem Ratssitz für den Sieger.

Mara trat einen Schritt vom Pult weg.

„Wo ist Mira Albrecht?“

Der Name fiel in den Saal wie eine Schale auf Stein.

Eine Frau in der zweiten Reihe griff nach der Schulter ihres Nachbarn. Ein älterer Winddozent schloss die Augen. Miras Zimmernachbarin, die Yara als unabhängige Zeugin eingeladen hatte, beugte sich vor und rang nach Atem.

Severin blieb unbewegt.

„Eine Studentin dieses Namens existiert nicht.“

„Gestern wurde ihre königliche Prüfsignatur als unbenutzt bezeichnet. Im Wohnhaus gibt es eine zweite Essensabrechnung, ein abgezogenes Bett und einen Zettel mit ihrer Erklärung, keiner langfristigen Bindung zugestimmt zu haben.“

„Sie verknüpfen alltägliche Unregelmäßigkeiten mit einer erfundenen Person.“

Die drei Menschen im Publikum reagierten gleichzeitig.

Der Winddozent sagte: „Dritte Reihe.“

Miras Zimmernachbarin flüsterte: „Sie hasst Pflaumentee.“

Die Frau in der zweiten Reihe rief: „Ich habe ihren Mantel geprüft.“

Dann verloren alle drei den Faden.

Der Winddozent sah verwirrt auf seine Hände. Die Zimmernachbarin begann zu weinen, ohne erklären zu können, warum. Die Frau fragte, ob sie den Ablauf gestört habe.

Cassian hob die Hand. „Drei gleichzeitige Gedächtnisreaktionen nach Nennung desselben Namens. Ich beantrage Unterbrechung und Sicherung der Projektion.“

Severin sagte: „Abgelehnt. Sie beaufsichtigen die Prüfung, nicht die Gesundheit des Publikums.“

„Ich dokumentiere eine mögliche Manipulation des Verfahrens.“

Die Rangliste hinter Mara flackerte. Für einen Herzschlag erschienen sieben Pulte im Spiegelbild, obwohl nur sechs auf der Bühne standen. Über dem leeren siebten Feld rauschte Wind.

Elin saß im Publikum und hob die zweite Schlüsselhälfte in ihrer geschlossenen Hand. Sie aktivierte sie nicht. Ihre bloße Anwesenheit reichte als weiterer Zeuge.

Yara stand auf. „Die Frage ist Teil des Protokolls. Die Antwort ebenfalls.“

Seraphine konnte die Unterbrechung als Hausherrin anordnen. Sie tat es erst, nachdem die goldenen Linien um Severins Sitz dunkler wurden.

„Zehn Minuten“, sagte sie.

Die Wortsteine zeichneten den Saal weiter auf.

Im Seitengang stützte Mara Miras Zimmernachbarin nicht ungefragt. Sie bot ihr Wasser und einen Platz an. Die Frau nahm beides.

„Ich kann sie nicht festhalten“, sagte sie. „Mira. Sobald ich an ihr Gesicht denke, ist da nur das Fenster.“

„Sie müssen nichts erzwingen. Sagen Sie nur, was Sie jetzt wissen.“

„Dass ich traurig bin.“

Mara schrieb es auf und ließ die Frau selbst unterschreiben.

Nach der Pause kehrte Severin nicht zur Prüfungsfrage zurück. Er erklärte, die königliche Verwaltung werde alle vorgelegten Hinweise prüfen. Bis dahin sei die Verbreitung unbelegter Namen zu unterlassen, um weitere Verwirrung zu vermeiden.

Die Menge hörte keine Antwort auf Maras Frage. Aber sie hatte den Namen gehört.

Als die Prüfung endete, standen Menschen in kleinen Gruppen auf den Brücken und sagten leise Mira Albrecht, um zu prüfen, was in ihnen reagierte.

Cassian gab Mara keine vertrauliche Akte. Er überreichte ihr nur die öffentliche Abschrift des Protokolls.

Bei ihrer Frage war eine Zeile geschwärzt.

Unter der Schwärzung schimmerte der siebte Platz.

Und Severins persönliche Vorladung wartete bereits auf Maras Zimmer.