Kapitel 73: Sieben werden sechs

Die neue Kandidatenliste sah ordentlicher aus als die alte.

Sechs Namen. Sechs Prüfungspunkte. Keine Lücke zwischen den Zeilen, kein ausradiertes Feld, kein Hinweis darauf, dass am Vortag noch sieben Menschen gemessen worden waren.

Mara stand mit Joris vor der Tafel und versuchte, sich die Reihenfolge von gestern vorzustellen. Joris war weiterhin Erster. Sie selbst trug das goldene Sonderzeichen. Elin war nicht Teil dieser Kandidatengruppe, aber sie hatte die ursprüngliche Rangfolge einmal gesehen.

„Mira stand an vierter Stelle“, sagte Mara.

Joris hob den linken Unterarm. Auf der Innenseite seines ledernen Schutzbandes standen sieben Namen in Kohle. Der vierte lautete Mira Albrecht.

„Heute früh wusste ich nicht mehr, warum ich das geschrieben hatte“, sagte er. „Dann habe ich den Namen laut gelesen.“

„Kam die Erinnerung zurück?“

„Nicht vollständig. Ich sehe dunkle Haare. Ich weiß, dass sie beim Warten mit Papier gespielt hat. Aber wenn ich versuche, ihr Gesicht festzuhalten, denke ich an jemand anderen.“

Mara berührte das Band nicht. Es war Joris’ Entscheidung, die Namen an seinem Körper zu tragen. Sie fragte nur, ob die Kohle hielt.

„Bis zum Waschen. Danach schreibe ich sie wieder.“

Elin brachte zwei Abschriften. Die erste hatte sie am Abend der königlichen Prüfung aus dem öffentlich ausgehängten Ergebnisbuch angefertigt. Sie enthielt sieben Kennzahlen, aber bei der vierten fehlte jetzt der Name. Die Tinte war nicht gelöscht worden. Elin hatte den Namen offenbar nie geschrieben.

„Ich erinnere mich, dass ich die Zeile kopiert habe“, sagte sie. „Meine Hand erinnert sich an die Länge. Drei Silben im Nachnamen. Auf dem Blatt steht nichts.“

Die zweite Abschrift stammte aus dem aktuellen Buch und zeigte nur sechs Zeilen.

Yara legte beide unter einen Wortstein. Der Stein bestätigte, dass Elins erste Abschrift gestern entstanden war. Er konnte nicht bestätigen, welche Zeichen durch den Namensschnitt verloren gegangen waren.

„Das achte Siegel löscht keine Handlung“, sagte Mara. „Nur die Verbindung.“

„Dann brauchen wir Handlungen, die ohne den Namen keinen Sinn ergeben“, sagte Elin.

Sie sammelten keine Gerüchte. Joris dokumentierte die doppelte Essensausgabe. Elin beantragte die Messprotokolle anhand der Prüfsignatur, nicht anhand von Miras Namen. Mara ließ die Papierschlaufe durch Yaras Zeugenregister erfassen. Cassian stellte eine formale Frage an die königliche Delegation: Welcher Person war die Signatur zugeteilt worden?

Die Antwort kam noch am selben Mittag.

Die Signatur gehöre zu einem unbenutzten Prüfstreifen.

„Sie behaupten also, ein unbenutzter Streifen habe an einer vollständigen Messung teilgenommen“, sagte Joris.

Cassian verzog kaum sichtbar den Mund. „Sie behaupten vor allem, dass sie auf keine Person antworten müssen.“

Sein Amt erlaubte ihm, einen Verfahrenswiderspruch einzulegen. Es erlaubte ihm nicht, königliche Akten ohne Beschluss zu öffnen. Mara sah, wie er die Grenze hasste und trotzdem nicht so tat, als gäbe es sie nicht.

Im Unterricht am Nachmittag vergaß Joris den Namen erneut.

Er bemerkte es, weil sein Blick am vierten Eintrag hängen blieb. Er las ihn leise, und sein Gesicht verlor Farbe.

„Ich habe heute Morgen mit Ihnen darüber gesprochen“, sagte er. „Jetzt fühlt es sich an, als hätten Sie mir die Geschichte von jemand Fremdem erzählt.“

Mara hörte einen dünnen Windton im Raum. Das Echo zog nicht zu einer Tür, sondern zu Joris’ Schutzband. Der Name brauchte wiederholte Zeugen, nicht nur Tinte.

Sie beschlossen, die sieben Namen jeden Morgen gemeinsam zu lesen. Keiner musste behaupten, sich an Mira zu erinnern. Es genügte, zu bezeugen, dass der Name am Vortag dokumentiert gewesen war.

Am dritten Lesen meldete sich die Glutstudentin von der Messung.

„Mira fragte mich nach Wasser“, sagte sie plötzlich. „Ich habe ihr meine Flasche gegeben.“

Zwei Atemzüge später wusste sie nicht mehr, warum sie weinte.

Die Erinnerung war kein stabiler Beweis. Aber ihr Körper hatte auf eine Handlung reagiert, die nicht vollständig verschwunden war.

Am Abend wurde die nächste Prüfungsrunde angekündigt. Die sechs Kandidaten sollten vor Publikum Fragen zur Bedeutung öffentlicher Pflicht beantworten. Severin Rauk werde persönlich anwesend sein.

Unter der Bekanntmachung stand:

Alle Kandidaten sind vollständig erfasst.

Joris schrieb einen achten Satz auf sein Band.

Wenn die Liste sechs zeigt, frage nach der siebten Person.

Als er die Schnalle schloss, bewegte sich die Kohle des Namens Mira Albrecht wie unter einem Windstoß.

Diesmal verblasste sie nicht.

Sie wanderte an den Rand, als versuche selbst die Schrift, aus der Liste zu fliehen.

Mara schrieb sie erneut.