Kapitel 72: Die verschwundene Kandidatin

Am nächsten Morgen war Miras Platz leer.

Mara bemerkte es beim Antreten zur Windprüfung, weil die Lehrkraft die Namen nicht vorlas. Sechs Kandidaten standen auf dem hellen Stein des Hofes, und der siebte Schatten fehlte zwischen Joris und einer Glutstudentin.

„Wo ist Mira Albrecht?“, fragte Mara.

Die Lehrkraft prüfte ihre Tafel. „Es gibt keine Teilnehmerin dieses Namens.“

Joris drehte sich zu der Stelle neben ihm. Sein Blick blieb dort hängen, als suche er etwas, das gerade aus der Reichweite eines Gedankens glitt.

„Sie war gestern bei der Messung“, sagte Mara.

„Sie verwechseln vermutlich eine Assistentin.“

Mara zog die Papierschlaufe aus ihrer Tasche. Mira hatte sie ihr nach dem Gespräch gegeben, eine lächerlich einfache Windübung: ein Streifen, der sich nur dann schloss, wenn sein Träger die Richtung eines Luftstroms korrekt benannte. Innen stand in kleiner Schrift M. A.

Die Buchstaben waren noch da.

Cassian kam über den Hof, weil die Frage den Ablauf gestoppt hatte. Mara zeigte ihm den Streifen, ohne ihm zu sagen, was er erinnern sollte.

„Kennen Sie Mira Albrecht?“

Er betrachtete das Papier. Für einen Moment verengten sich seine Augen. Dann schüttelte er den Kopf.

„Nein. Aber ich kenne diese Prüfsignatur.“ Er deutete auf einen winzigen goldenen Punkt neben den Initialen. „Sie wurde gestern von der königlichen Delegation gesetzt.“

Die Lehrkraft wollte den Streifen als gefundenen Gegenstand einziehen. Mara verlangte eine Quittung und eine unabhängige Kopie. Erst als Yara als Wortzeugin gerufen wurde, kam das Papier in eine durchsichtige Hülle.

Die Prüfung begann ohne sie.

Nachher gingen Mara, Elin und Joris zum Wohnhaus der Windstudenten. Sie benutzten nicht die erste Wortschlüsselhälfte und keine verborgene Tür. Mira hatte am Vorabend ihre Zimmernummer genannt. Der Flur war öffentlich, und ihre Zimmernachbarin öffnete nach langem Klopfen.

„Mira?“, wiederholte die junge Frau. „Ich wohne allein.“

Hinter ihr standen zwei Betten.

Das zweite war frisch abgezogen. Ein heller Fleck auf dem Boden zeigte, wo bis vor Kurzem eine Truhe gestanden hatte. An der Wand hing noch ein Stück blauer Faden, wie Windstudenten ihn zur Ausrichtung ihrer Schreibfedern benutzten.

„Wer hat das Bett abgezogen?“, fragte Elin.

Die Zimmernachbarin rieb sich über die Stirn. „Die Hausverwaltung. Heute früh, glaube ich.“

„Warum?“

„Weil …“ Sie sah zum leeren Bett. „Weil niemand darin schläft.“

Mara spürte ein Echo unter ihrer linken Hand, obwohl sie die Türschwelle nicht berührte. Kein gesprochenes Wort. Nur das Gefühl, dass jemand sich gestern Abend die Haare aus dem Gesicht strich und dabei dreimal denselben Satz wiederholte.

Ich fahre nicht nach Hause.

Der Nachhall war schwach. Mara zwang ihn nicht näher. Wenn sie zu stark griff, konnte sie Erinnerung mit Wunsch vermischen.

„Dürfen wir uns im Zimmer umsehen?“, fragte sie.

Die Bewohnerin zögerte. „Nicht in meinen Sachen.“

„Nur unter dem leeren Bett. Sie bleiben dabei.“

Sie stimmte zu.

Joris hob die Matratze nicht an. Er kniete auf dem Boden und leuchtete mit einer Glutlampe darunter. Zwischen Wand und Bettpfosten klemmte ein gefalteter Zettel.

Mara bat die Zimmernachbarin, ihn selbst herauszuziehen. Yara war noch unterwegs; bis sie kam, legten sie das Papier auf den freien Tisch und fassten es nicht weiter an.

Auf der Außenseite stand in Windschrift:

Falls ich nach der Untersuchung fort bin, fragt nach meinem Namen.

Innen folgten drei Zeilen.

Mira Albrecht.

Wind, drittes Studienjahr.

Ich habe keiner langfristigen Bindung zugestimmt.

Die Zimmernachbarin las den Text. Ihre Lippen bewegten sich beim Namen. Dann setzte sie sich abrupt auf ihr eigenes Bett.

„Ich kenne sie“, sagte sie.

Mara wartete.

„Nein.“ Die Frau presste beide Hände gegen die Schläfen. „Ich kenne … das Zimmer. Da war jemand. Gestern.“

Yara traf mit einer zweiten Wortzeugin ein. Sie sicherten Zettel, Zimmerbelegung und die Aussage der Bewohnerin. Die offizielle Wohnliste enthielt nur einen Namen. In der Küchenabrechnung waren jedoch bis zum Vorabend zwei Portionen für das Zimmer gebucht worden.

Am Nachmittag veröffentlichte die Akademie eine knappe Mitteilung. Eine nicht genannte Studentin habe aus gesundheitlichen Gründen ihre Ausbildung unterbrochen und sei zur Erholung in ihre Heimat zurückgekehrt.

Mara kannte Miras Heimat nicht. Niemand hatte eine Abreise gesehen. Ihr Gepäck war fort, doch der Zettel lag noch da.

Cassian prüfte die königliche Besucherregistrierung. Darin waren zwölf Beamte, sechs Kandidaten und keine Mira Albrecht aufgeführt.

Nur die Prüfsignatur auf der Papierschlaufe blieb.

Als Mara am Abend ihren Namen in Lenas Kräuterbuch schrieb, verblasste die Tinte nicht.

Stattdessen erschien darunter eine fremde, hastige Antwort:

Mira ist nicht nach Hause gegangen.