Am nächsten Morgen kamen die weißen Mäntel vor dem ersten Glockenschlag in die Akademie.
Mara sah dieselben zwölf Evaluatoren, die am Abend zuvor den Archivhof erreicht hatten, vom Fenster des Speisesaals aus über die obere Steinbrücke ziehen. Ihre Mäntel reichten bis zu den Knöcheln, auf jeder Schulter lag das goldene Kronensiegel. Zwei trugen flache Kästen aus hellem Holz. Die übrigen führten Schreibtafeln mit sich, obwohl der Wind zwischen den Türmen stark genug war, lose Blätter bis nach Veyras Unterstadt zu tragen.
„Königliche Eignungsprüfung“, sagte Elin neben ihr. „Mein Vater nennt das einen Verwaltungsbesuch.“
Der zweite Kronenschlüssel lag unter dem sichtbaren Zeugenverschluss an Elins Hand. Keine Nacht hatte den freiwilligen Abdruck oder die zwanzig nachträglichen Bestätigungen verschwinden lassen.
Joris betrachtete die Mäntel. „Wenn Verwaltung so aussieht, möchte ich nie sehen, wie eine Drohung gekleidet ist.“
Die Ankündigung hing bereits an allen Türen. Sämtliche Teilnehmer der Prüfung der Namen sollten noch am selben Tag ihre Resonanz erneut messen lassen. Offiziell ging es um Belastbarkeit, Erholungszeiten und die richtige Einteilung der nächsten Runde. Unter dem Text stand Severin Rauks Siegel.
Der zweite Schlüssel wurde nicht genannt. Die Zeitmarke der Anordnung lag jedoch weniger als eine Stunde nach der öffentlichen Archivübertragung. Joris’ neuer Rang eins stand in der ersten Zeile.
Mara strich über die silberne Linie an ihrem Handgelenk. Sie war in der Nacht warm geworden, als hätte das Überwachungszeichen die Besucher früher bemerkt als sie.
Der erste Wortschlüssel blieb sichtbar an Maras Kräutertasche verwahrt. Kein Evaluator behauptete, damit Lena, Elias oder einen bestimmten Unterarchivraum gefunden zu haben.
Im großen Flutsaal standen sieben abgetrennte Messplätze. Keine Liegen, keine Instrumente aus einer Heilstube. Die königlichen Prüfer nannten Zahlen, ließen Kandidaten nacheinander festgelegte Mengen ihrer Magie in matte Steine geben und notierten, wie schnell Farbe und Stimme zurückkehrten. Mara erkannte den Unterschied. Sie maßen keine Gesundheit. Sie maßen Verwendbarkeit.
Eine Prüferin mit silberner Kordel bat Joris, einen Gewichtsstein zu stabilisieren. Nach der dritten Stufe zitterten seine Finger.
„Weiter“, sagte sie.
„Die veröffentlichte Grenze liegt bei drei“, sagte Mara.
Die Frau sah nicht zu ihr. „Bei königlicher Neubewertung gelten angepasste Grenzen.“
Cassian stand hinter der Markierung für Verfahrensaufsicht. Er trug sein Amtssiegel offen, hielt aber keine Kandidatenakte in der Hand. „Dann nennen Sie die Rechtsgrundlage der Anpassung, bevor Herr Bell fortfährt.“
Es war kein heldischer Befehl. Er verlangte eine Zeile in einem Formular. Gerade deshalb musste die Prüferin anhalten.
Ein zweiter Beamter brachte eine Ergänzung. Darin stand, dass jede Steigerung erneute Zustimmung erfordere.
Joris zog die Hände vom Stein. „Dann stimme ich der vierten Stufe nicht zu.“
Die Prüferin schrieb etwas in die Randspalte. Mara konnte das Wort nicht lesen, aber sie sah, wie Joris’ Kennzahl rot umrahmt wurde.
Bei Elin wurde die Fähigkeit geprüft, sechs kleine Resonanzen gleichzeitig zu ordnen. Elin ließ sie bewusst einzeln aus dem Kreis treten, bevor die Steine zu flackern begannen.
„Sie könnten sie länger halten“, sagte der Prüfer.
„Könnte ich“, antwortete Elin. „Die Aufgabe fragte, wann eine sichere Entkopplung möglich ist.“
Auch bei ihr erschien ein roter Rand.
Mara kam zuletzt. Die Beamten legten einen Flutstein vor sie und daneben einen blassen Kristall, dessen Zeichen unter einer Wachsschicht verborgen war.
„Was misst der zweite Stein?“
„Sekundäre Resonanz.“
„Welche?“
„Das ist Teil der Auswertung.“
Mara setzte keine Hand auf ein Instrument, dessen Zweck man ihr verschwieg. Der Saal wurde still. Dann löste Cassian das Formular vom Brett und las die kleine Schrift am unteren Rand.
„Der zweite Stein prüft die Bindungsfähigkeit an ein bestehendes Großsiegel.“
Kronenwall.
Die Prüferin zog das Blatt zurück. „Sie überschreiten Ihre Rolle, Richter Dorn.“
„Ich lese eine Einwilligung vor, bevor sie erteilt wird.“
Mara stimmte nur der Flutmessung zu. Sie gab dem Stein einen schmalen Strom, genug, um Wasser aus einer trüben Schale zu klären. Als sie ihn löste, blieb ihr Geschmackssinn für einen Atemzug fort. Das Wasser roch nach nichts. Dann kehrten Metall, feuchter Kalk und Elins bitterer Tee zurück.
Die Prüferin notierte die Erholungszeit.
„Der zweite Stein“, sagte sie erneut.
„Nein.“
Die silberne Linie an Maras Handgelenk spannte sich. Unter dem Wachs des Kristalls leuchtete ein achter Kreis auf, obwohl sie ihn nicht berührte.
Alle zwölf weißen Mäntel sahen gleichzeitig hin.
Am Ende des Tages hingen neue Kennzahlen im Prüfungshof. Joris stand an erster Stelle. Mara war nicht nach Punkten sortiert, sondern mit einem goldenen Zeichen markiert: zusätzliche königliche Bewertung.
Unter der Tafel traf Mara eine Windstudentin mit kurzem dunklem Haar, die nervös eine Papierschlaufe um den Finger drehte.
„Mira Albrecht“, stellte sie sich vor. „Sie haben bei mir denselben zweiten Stein benutzt.“
„Haben Sie zugestimmt?“
Mira sah zu den weißen Mänteln, die ihre Kästen über die Brücke zurücktrugen.
„Ich dachte, ich hätte einer Ruheprüfung zugestimmt.“
Auf ihrem Handgelenk lag bereits ein dünner goldener Kreis, den am Morgen noch niemand getragen hatte.
Er pulsierte im Takt der Mauer.
