Cassian schrieb den Bericht in drei Fassungen.
Die erste war sein vollständiges persönliches Protokoll. Darin standen alle freigegebenen Aussagen, die Zeitabweichung und die Namen, die ihm freiwillig genannt worden waren. Das Journal blieb versiegelt.
Die zweite ging an eine unabhängige Ratsstelle. Sie enthielt keine Aufenthaltsorte, aber die Feststellung, dass lebende Erwachsene durch ein nicht öffentliches Verfahren aus Registern und Familienerinnerungen getrennt worden waren.
Die dritte war der Pflichtbericht an Severin.
Bevor Cassian sie schrieb, erstellte er eine Tabelle mit drei Spalten: gesetzliche Berichtspflicht, Schutzinteresse der Betroffenen, belegbarer Sachverhalt. Wo sich Pflichten widersprachen, begründete er die engste notwendige Offenlegung.
„Das ist kein Trick, um alles zu verbergen“, sagte er zu Yara. „Wenn eine Person akut gefährdet wäre, müsste ich mehr melden.“
„Und die Gefahr einer königlichen Räumung?“
„Ist selbst ein Schutzinteresse.“
Cassian begann mit dem genehmigten Zugang. Er beschrieb eine unkartierte, bewohnte Anlage unter königlicher Mitverwaltung, mehrere erwachsene Betroffene mit unterbrochener öffentlicher Identität und die ausdrückliche Ablehnung einer weiteren jährlichen Bindung.
Er schrieb nicht, in welchem Raum Lena lebte.
Er schrieb nicht, wo der Geiger arbeitete.
Er schrieb nicht, welche Namen sie ihm gegeben hatten.
„Ist das Verschweigen?“, fragte Mara.
Sie saß als Faktenzeugin im offenen Ratssaal. Cassian hatte ihr den Abschnitt gezeigt, der ihre Beobachtungen betraf. Den Amtsbericht durfte sie nicht kontrollieren.
„Ja“, sagte er. „Aber keine falsche Aussage. Personenbezogene Standorte werden zurückgehalten, bis ein Schutzverfahren existiert.“
Mara las die Stelle zweimal. „Sie nennen nicht, dass Lena meine Schwester ist.“
„Weil die Verwandtschaft den Zugang nicht sicherer macht. Sie erhöht nur die Verfolgungsgefahr.“
„Und der Mann mit der Geige?“
„Dasselbe.“
Cassian sagte den Namen auch hier nicht. Elias hatte ihn nur für einen bestimmten Ort und Tag freigegeben.
„Severin wird fragen.“
„Dann antworte ich dasselbe.“
Elin prüfte die Passage über das Sorel-Instrument. Cassian schrieb, dass Hinweise auf nachträglich bestätigte Zustimmung vorlagen. Er behauptete nicht, welche Person das Siegel gesetzt hatte.
Joris bestand darauf, dass die beeinträchtigte Orientierung und der Zeitversatz als Gefahren des Zugangs erschienen. Das Unterarchiv durfte nicht romantisiert werden, nur weil dort Menschen eine Gemeinschaft aufgebaut hatten.
Cassian fügte beides hinzu.
Der zentrale Antrag lautete:
Bis zur unabhängigen Prüfung sind alle neuen Verfahren auszusetzen, die öffentliche Identitäten trennen, Erinnerungen Dritter verändern oder Personen dauerhaft an den Kronenwall binden.
„Sie nennen es nicht Löschung“, sagte Mara.
„Weil die Krone behaupten könnte, der Begriff sei unbewiesen. Ich beschreibe die Wirkungen, die wir belegen können.“
Er listete sie einzeln: fehlende Registereinträge, instabile Gesichtserinnerung, leere Vertragspartner, unterbrochene Fachzeichen, fortdauernde Wallarbeit. Keine dieser Wirkungen hing davon ab, ob Severin den Begriff Löschung akzeptierte.
Joris ergänzte die zwanzig Betten. Elin die nachträgliche Kronenbestätigung. Mara die eindeutige Ablehnung einer Einwilligung in Familienvergessen, ohne die sprechende Person zu benennen.
„Und der Wortschlüssel?“
„Eine nicht vollständig klassifizierte Beweisform, die gelöschte Glockeninitialen mit Namen verknüpft.“
„Severin befahl Ihnen, ihn zu sichern.“
„Er befahl, einen ausgelösten Gegenstand zu sichern, wenn eine Grundlage besteht. Im Bericht steht, dass der Schlüssel nicht getrennt verwahrt werden kann, ohne Ihre körperliche und erinnerungsbezogene Sicherheit zu prüfen.“
Cassian bat Mara, nur diese Feststellung zu bestätigen. Sie tat es.
Vor dem Absenden las er den Bericht laut. Jede Person markierte, welche eigene Aussage verwendet wurde. Die Bewohner des Unterarchivs erschienen als Betroffene, nicht als Quelle einzelner Namen.
„Warum schreiben Sie illegal bei der Anlage?“, fragte Yara.
„Weil keine aktuelle Zuständigkeit und keine reguläre Wohn- oder Arbeitserlaubnis vorliegt.“
„Das könnte gegen die Bewohner verwendet werden.“
Cassian strich illegal und schrieb: rechtlich ungeklärte Anlage unter historischer königlicher Mitverwaltung.
„Genauer“, sagte er.
„Und gefährlicher für das Kanzleramt“, sagte Elin.
„Wenn die Formulierung stimmt, ist das nicht mein Maßstab.“
Er erklärte außerdem, dass Bewohnern bis zur unabhängigen Klärung keine Nachteile aus der fehlenden Registrierung entstehen dürften. Wer aus einem System gelöscht worden war, durfte nicht wegen fehlender Papiere zum Eindringling erklärt werden.
Mara sah, wie sehr ein einzelnes Adjektiv die Richtung einer Untersuchung verändern konnte.
Cassian versiegelte den Pflichtbericht. Gleichzeitig sandte er die unabhängige Fassung an den Rat, sodass Severin nicht der einzige Empfänger der Existenzbehauptung war.
„Wenn er Sie abberuft?“, fragte Mara.
„Dann bleibt der Antrag registriert.“
„Wenn er die Anlage räumen lässt?“
„Dann muss er einen Grund nennen, der gerichtlich geprüft werden kann. Das ist kein vollständiger Schutz.“
Wieder keine falsche Sicherheit.
Cassian bat die Ratsstelle um einen vorläufigen Schutzvermerk für unbekannte Betroffene. Der Antrag nannte keinen Aufenthaltsort, nur eine Gruppe mit möglicher königlicher Mitverantwortung. Die Stelle nahm ihn an, entschied aber nicht sofort.
„Das schafft Zeit“, sagte Yara.
„Vielleicht“, sagte Cassian. „Nicht Immunität.“
Der Siegelspiegel nahm den Bericht an. Für einen Moment erschien die Eingangsbestätigung.
Dann wurde der Antrag auf Aussetzung aus der Vorschau entfernt.
Cassian prüfte seine Abschrift. Dort stand er noch.
„Der Pflichtkanal hat einen Abschnitt gefiltert“, sagte Elin.
„Oder in eine höhere Schutzstufe verschoben“, sagte Cassian.
Er dokumentierte die Abweichung und sandte sie an die Ratsstelle.
Severins Antwort kam nicht über den üblichen Spiegel.
Eine schwarze königliche Kapsel erschien auf dem Tisch.
Adressiert an Cassian Dorn.
Mit zweiter Zeile:
Betreff: die bereits erfüllte öffentliche Pflicht der Namenlosen.
