Cassian hätte den Garten nach der bestandenen Prüfung verlassen sollen.
Sein Beobachtungsauftrag endete am zweiten Tor. Doch das Wortzeichen auf Maras Schlüssel wies zurück zum Brunnen, und Yara genehmigte eine zehnminütige Sichtprüfung mit denselben Sicherheitsregeln. Cassian schloss sich als vierter Zeuge an. Keine Bewertung, keine Anweisung.
Am Brunnen waren die wechselnden Namen verschwunden. Unter dem Rand lagen nun drei Kerben, feucht und dunkel.
„Wie im Echo“, sagte Mara.
Cassian trug Zeit und Position ein. Dann hörte er eine Geige.
Die Melodie kam aus dem linken Gang. Vier Töne, ein abgebrochener fünfter, wieder vier. Sein Körper kannte die Fortsetzung, bevor sein Verstand den Klang einordnete.
Zwischen den Hecken stand Elias.
Nicht der Junge vom Foto. Ein Jugendlicher von vielleicht siebzehn Jahren, die Geige unter dem Kinn. Er verdrehte die Augen und begann die Tonfolge erneut.
„Du setzt zu spät ein, Cassi.“
Cassian blieb auf dem markierten Bereich. „Ich sehe Elias Dorn.“
Mara fragte: „Echo oder induzierte Stimme?“
„Unklar.“
Er nannte die sichtbaren Einzelheiten. Die Geige hatte eine helle Reparatur am Hals. Elias trug eine Jacke mit einem fehlenden Knopf. Beides konnte aus dem Foto nicht stammen.
„Er reagiert auf Sie“, sagte Elin.
„Dann wahrscheinlich Induktion.“
Elias senkte den Bogen. „Du erinnerst dich nicht einmal an die Küche.“
Etwas riss in Cassians Kopf.
Er wusste, dass die Familie Dorn in einem grauen Haus gewohnt hatte. Er wusste, wo sein Zimmer lag. Aber die Küche war fort. Nicht unscharf. Es gab keine Tür, keinen Tisch, keinen Geruch.
„Abbruch“, sagte Cassian selbst.
Sie verließen den Brunnenbereich. Das Bild des Jugendlichen blieb zwischen den Hecken und spielte die fünf Töne jetzt vollständig.
Außerhalb des Gartens setzte Cassian sich an den ersten freien Tisch. „Erinnerungsverlust. Familienküche, Umfang unbekannt.“
Die Heilerin prüfte seine Orientierung. Cassian kannte Datum, Amt und Auftrag. Er erkannte Mara, Elin, Joris und Yara. Bei der Frage nach dem letzten gemeinsamen Essen seiner Kindheit fand er nur einen gedeckten Tisch ohne Raum.
„Keine weitere Exposition heute“, sagte die Heilerin.
„Einverstanden.“
Er unterschrieb die Einschränkung. Der königliche Beobachtungsauftrag gab ihm kein Recht, den medizinischen Abbruch zu übergehen.
Yara fragte keine Details vor. Sie gab ihm Papier.
Cassian zeichnete den Grundriss seines Elternhauses. Eingang, Treppe, Arbeitszimmer, Schlafräume. An der Rückseite blieb ein Rechteck leer. Er wusste, dass dort ein Raum sein musste. Er konnte ihn nicht betreten, nicht einmal in Gedanken.
„Neue Erinnerung an Elias?“, fragte Mara.
„Geige, fehlender Knopf, Satz über die Küche. Unabhängig nicht bestätigt.“
Er schrieb alles auf. Dann öffnete er das private Journal, das er nach Severins Spiegelauftrag begonnen hatte.
Erste Lücke: eine Minute im Prüfungsraum.
Zweite Lücke: Person auf dem Familienfoto.
Dritte Lücke: Küche des Elternhauses.
Daneben vermerkte er, was noch vorhanden war. Sein Name. Sein Alter. Eltern. Beruf. Elias als älterer Bruder, durch drei Zeugen und den Wortschlüssel gestützt.
„Das schützt Sie nicht vollständig“, sagte Yara.
„Nein. Aber die nächste Version von mir sieht, was fehlt.“
Er nummerierte jede Lücke. Nicht nach vermuteter Ursache, sondern nach Zeitpunkt. Daneben ließ er Platz für Zeugen, körperliche Symptome und mögliche Wiederkehr. Wenn Erinnerung sich verändern konnte, musste das Journal auch frühere Gewissheiten als zeitgebundene Angaben behandeln.
„Sie schreiben wie ein Ermittler über sich selbst“, sagte Elin.
„Ich bin der einzige Fall, dessen Akte ich ohne Antrag vollständig einsehen darf.“
Der trockene Satz täuschte niemanden über seine Anspannung hinweg. Cassian bemerkte es selbst und notierte auch die zitternde Hand.
Mara legte ihre eigene Karte daneben. Darauf standen Sumpfminze, Dauer des Geruchsverlusts und Rückkehr.
„Wir führen getrennte Bücher“, sagte sie. „Aber wir können gegenseitig bestätigen, wann ein Eintrag geschrieben wurde.“
Cassian sah auf ihre Handschrift. Kein Schwur. Eine überprüfbare Handlung.
„Einverstanden.“
Sie versiegelten Datum und Seitenzahl. Den Inhalt behielt jeder selbst.
Später kam die Antwort seiner Mutter auf eine enge Frage. Ja, im alten Haus hatte es eine Küche an der Rückseite gegeben. Nein, sie erinnerte sich nicht, wer dort meist gekocht hatte. Der Brief enthielt am Ende einen Satz, den sie offenbar selbst nicht verstand:
Bitte kauf keinen Kaffee. Elias hasst ihn.
Cassian las ihn dreimal.
Er rief seine Mutter nicht sofort über den Spiegel an. Eine überraschte Frage konnte ihre Erinnerung in eine gewünschte Form drücken. Stattdessen sandte er drei neutrale Bitten: Beschreibe den Küchentisch. Wer trank morgens was? Welche Instrumente waren im Haus?
Die Antworten kamen getrennt. Ein langer Tisch mit Brandfleck. Vater Tee, Mutter Malzkaffee, Cassian Milch. Im oberen Zimmer eine Geige, deren Besitzer sie nicht nannte.
Er legte die Angaben neben sein Journal. Sie bewiesen Elias nicht allein. Gemeinsam mit Foto, Schlüssel und Glockeninitialen hielten sie jedoch die zurückkehrenden Details fest.
Dann trug er auch diese Lücke ein.
Nicht nur seine Erinnerungen wurden verändert.
Das System hatte eine ganze Familie um einen fehlenden Sohn herum neu geordnet.
