Kapitel 24: Das gelöschte Porträt

Die Akademie hing ihre Geschichte dort auf, wo täglich die meisten Menschen vorbeigingen.

Zwischen Speisesaal und Namenhalle bedeckten Jahrgangsbilder die Wände. Erwachsene Studenten standen nach Fachhäusern geordnet auf den breiten Treppen, Professoren dahinter, die sieben Siegelzeichen über ihnen. Unter jedem Bild waren Namen und Abschlussjahre eingraviert.

Mara suchte den Jahrgang ihrer Schwester.

Sie war schon am ersten Tag hier vorbeigegangen, ohne zu wissen, wonach sie suchen musste. Jetzt trug sie Lenas Kräuterbuch in einer Stoffhülle und Cassians schriftliche Erlaubnis, die öffentlichen Bilder zerstörungsfrei prüfen zu lassen. Joris und Elin waren als Zeugen dabei. Yara hatte eine Archivarin geschickt.

„Keine direkte Siegelaktivierung“, sagte die Archivarin. „Keine Berührung mit ungeschütztem Material.“

Mara nickte. Das Kräuterbuch blieb zunächst geschlossen.

Das Bild von vor drei Jahren zeigte siebenundachtzig Studenten. Mara zählte die Reihen. Im Worthaus standen zwölf Personen, aber die Namensplatte führte dreizehn auf.

Lena Falk war nicht darunter.

Zwischen einer großen Frau mit rasiertem Kopf und einem Mann mit runder Brille klaffte zu viel Raum. Kein sauberer Abstand, sondern eine menschliche Form aus Hintergrund: Schulter, Arm, eine schmale Stelle an der Taille. Die Stufen hinter der Lücke liefen nicht gerade. Sie bogen sich um etwas Unsichtbares.

„Dort“, sagte Mara.

Joris stellte einen Rahmenmaßstab vor das Glas. „Die Perspektive setzt sich falsch fort.“

Elin verglich das Vorjahr. „Auch hier.“

Im Bild von vor vier Jahren befand sich dieselbe Leerstelle eine Reihe tiefer. Andere Studenten, andere Anordnung, aber dieselben schmalen Schultern und die leichte Neigung des Kopfes.

Sie gingen weiter zurück.

Fünf Jahre. Sechs. Zehn.

Nicht immer im Worthaus. Manchmal Stein, einmal Flut, zweimal Krone. In jedem Jahrgangsbild erschien eine ähnliche menschliche Lücke. Die Größe wechselte, doch die Art der Verzerrung blieb gleich. Es war nicht eine Person, die durch Jahrzehnte wanderte. Es war derselbe fehlende Platz, jedes Jahr neu besetzt.

„Das Archiv verzeichnet keine Beschädigungen“, sagte die Archivarin. Ihre Stimme war leiser geworden. „Die Originalplatten wurden nie ausgetauscht.“

„Dann zeigen die Bilder etwas, das die Namensplatten nicht zeigen“, sagte Mara.

Sie kehrten zu Lenas Jahrgang zurück. Mara erinnerte sich an ihre Schwester mit dreiundzwanzig: dunkles Haar, das sie beim Lesen mit einem Band zurückband, ein schiefer Mund, wenn sie eine Regel für schlecht begründet hielt. Erinnerung allein konnte jede Kontur in die Lücke setzen.

„Wir brauchen einen Vergleich“, sagte Elin.

Mara legte eine Familienzeichnung neben das Glas. Ihr Vater hatte Lena am Kräutertisch skizziert, Jahre vor der Akademie. Die Schultern konnten passen. Die Größe auch. Mehr bewies es nicht.

„Das Buch“, sagte Joris.

Die Archivarin schob eine durchsichtige Schutzplatte auf den Tisch vor dem Bild. Mara durfte das Kräuterbuch darauflegen, ohne dass es das Porträt berührte. Sie öffnete es bei Lenas letztem Rezept.

Nichts geschah.

Mara wartete. Sie rief den äußeren Ring nicht. Professorin Lenne hatte ihr weitere Flutarbeit erst nach vollständiger Rückkehr des Geruchs erlaubt, und selbst dann galt Cassians Bitte: keine unbekannten Berührungen allein.

„Vielleicht näher“, sagte Joris.

Die Archivarin bewegte die Schutzplatte um eine Handbreit. Das Buch lag nun direkt unter der leeren Gestalt.

Der Name Lena Falk auf der Rezeptseite wurde blasser.

„Stopp“, sagte Mara.

Niemand bewegte etwas. Sie prüfte den Geruch der Sumpfminze, die sie in einem verschlossenen Beutel trug. Scharf, grün, vollständig. Orientierung und Namen blieben da.

Im Glas erschien eine dunkle Linie.

Erst ein Ärmel. Dann die Kante eines Kinns. Die Lücke füllte sich nicht wie ein gemaltes Bild; sie sammelte Schatten aus den verbogenen Treppenlinien. Eine junge Frau stand zwischen den Wortstudenten. Ihr Haar war mit einem dunklen Band gebunden.

Mara griff nach dem Tischrand.

„Beschreibung“, sagte Elin.

Es war keine Kälte. Es war die Erinnerung an eine vereinbarte Regel: Erst festhalten, dann deuten.

„Weibliche Gestalt“, sagte Mara. „Ungefähr Lenas Größe. Dunkles Haar. Wortzeichen am Kragen.“

„Ich sehe dasselbe“, sagte Joris.

Elin nannte die Position. Die Archivarin schrieb mit zitternder Feder.

Das Gesicht blieb undeutlich. Mara erkannte die kleine Narbe am Kinn nicht, die Lena nach einem Sturz am Fluss getragen hatte. Sie erkannte überhaupt keine Einzelheit, die nur Lena gehören konnte.

Die Archivarin legte eine Datierungsskala an den unteren Bildrand. Die Uniform, das Haarband und die Stellung der abgebildeten Studenten gehörten zum Aufnahmetag vor drei Jahren. Nichts in der sichtbaren Gestalt stammte aus Maras Familienzeichnung.

„Das Buch ergänzt nicht einfach deine Vorlage“, sagte Elin.

„Es könnte meine Erinnerung ergänzen.“

„Dann prüfen wir eine Einzelheit, die du nicht kennst.“

Joris deutete auf Lenas linke Hand. Am kleinen Finger trug sie einen dunklen Schutzring mit einer hellen Kerbe. Mara hatte ihn nie gesehen. Die Archivarin suchte im damaligen Ausgaberegister. Dort stand, dass Wortstudenten während der ersten Archivübung genau solche Ringe erhalten hatten. Lena hatte die Ausgabe mit einem Kürzel bestätigt, das auf der öffentlichen Liste noch vorhanden war, obwohl ihr Name fehlte.

„Unabhängige Stütze“, sagte Mara.

Der Ring bewies nicht, dass ihre Schwester vor ihr stand. Aber er bewies, dass die Erscheinung ein Detail trug, das nicht aus Maras Wunsch stammen musste.

Dann hob die Gestalt eine Hand.

Nicht im ursprünglichen Gruppenbild. Sie bewegte sich hinter dem Glas.

Die Archivarin wich zurück. Joris stellte sich nicht vor Mara, sondern neben die Schutzplatte, bereit, sie wegzuziehen.

„Beenden?“, fragte er.

Mara sah auf den Namen im Kräuterbuch. Er war noch lesbar. „Noch nicht. Zehn Sekunden.“

Elin zählte laut.

Bei vier drehte die Gestalt den Kopf. Bei sechs wurde das Gesicht schärfer. Der schiefe Mund, die schmale Nase, die Narbe am Kinn.

Lena.

Mara sagte den Namen nicht. Sie hatte Angst, das Bild könne ihn nehmen.

Bei acht glitt ein silberner Schatten über die Augenlider der Gestalt.

Bei neun öffnete Lena im Porträt die Augen.

Sie sah nicht in die Kamera.

Sie sah direkt auf Mara.