Der Siegelspiegel erwachte um Mitternacht.
Cassian hatte ihn in der verschlossenen Schublade gelassen. Trotzdem fiel ein dünner goldener Strich über den Schreibtisch seines Gästezimmers. Das königliche Zeichen verlangte keine Antwort; es stellte fest, dass er erreichbar war.
Er öffnete die Schublade und legte den Spiegel auf eine freie Unterlage. Daneben stellte er seine Uhr und ein leeres Protokollblatt. Seit der verlorenen Minute begann er jedes vertrauliche Gespräch mit drei Feststellungen.
Ort: Gästehaus der Akademie.
Zeit: vier Minuten nach Mitternacht.
Name: Cassian Dorn.
Er aktivierte nur die Empfangsfunktion.
Kanzler Severin Rauk erschien im dunklen Glas. Hinter ihm war keine Umgebung zu erkennen, nur das schmale Weiß seines Amtskragens. „Ihr Zwischenbericht ist unzureichend.“
„Er entspricht dem festgestellten Umfang.“
„Eine Studentin zeigt ein unklassifiziertes Zeichen. Danach erscheinen Markierungen, Archivnotizen und Erinnerungseffekte. Sie nennen das unklassifiziert.“
„Weil die anerkannte Siegelordnung sieben Zeichen enthält.“
Severins Mund verzog sich. „Sie sind nicht an der Akademie, um Grundlagen zu wiederholen.“
Cassian schrieb den Wortlaut mit. „Dann präzisieren Sie den Auftrag.“
„Stellen Sie fest, ob Mara Falk den achten Ring aktiv hervorrufen kann.“
Der Stift hielt einen Herzschlag lang inne.
Nicht ein mögliches achtes Zeichen. Nicht die von der Studentin gemeldete Erscheinung. Den achten Ring.
„Auf welcher Rechtsgrundlage wird er benannt?“
„Auf meiner Weisungsbefugnis.“
„Das ist eine Grundlage für den Auftrag, nicht für die Klassifikation.“
„Prüfen Sie ihre Kontrolle. Reagiert der Ring nur auf Gegenstände? Kann sie ihn willentlich einsetzen? Kann sie damit Einträge lösen, übertragen oder wiederherstellen?“
Die Fragen kamen zu genau. Cassian kannte Untersuchungsaufträge, die aus Vermutungen entstanden. Sie enthielten Alternativen und Unsicherheiten. Severin sprach, als läge ihm eine technische Beschreibung vor.
„Welche Sicherheitsgrenzen gelten?“
„Beobachtung genügt zunächst.“
„Ich werde keine nicht genehmigte Aktivierung veranlassen.“
„Das habe ich nicht verlangt.“
Noch nicht, dachte Cassian. Er schrieb stattdessen: Keine Anordnung zur aktiven Auslösung.
Severin beugte sich näher zum Spiegel. „Die Dekanin wird nicht informiert.“
„Seraphine Vael verantwortet die Sicherheit auf Akademiegelände.“
„Und sie würde jede Abweichung als akademische Angelegenheit behandeln, bis Beweise verschwunden sind.“
„Gibt es einen konkreten Verdacht gegen sie?“
„Es gibt königliche Interessen.“
„Interessen ersetzen keinen Verdacht.“
Im Spiegel wurde es still. Cassian kannte diese Stille aus den Sitzungen des Siegelamts. Severin ließ andere Menschen gern die Härte seiner unausgesprochenen Folgerung ergänzen. Cassian tat ihm den Gefallen nicht.
„Sie werden Frau Falk weiter beobachten“, sagte der Kanzler. „Sie werden den Ring weder in Ihren öffentlichen Bericht aufnehmen noch gegenüber der Dekanin benennen. Wenn sie ihn aktiv benutzt, sichern Sie den ausgelösten Gegenstand.“
„Sichern unter welcher Gefahrendefinition?“
„Siegelrichter Dorn.“
„Ein persönlicher Gegenstand kann nicht ohne Grund entzogen werden.“
„Dann finden Sie einen.“
Cassian legte den Stift ab. „Ich erfinde keine Rechtsgrundlage.“
Severins Gesicht blieb unbewegt. „Ihre Familie hat der Krone lange gedient.“
Das Bild der zwei Jungen am Bach trat mit unerwünschter Schärfe vor Cassians inneres Auge. Einer trug sein Gesicht. Der andere hielt den Geigenkasten. Unter dem Bild standen zwei Initialen, von denen er eines nicht erklären konnte.
„Meine Familie ist nicht Gegenstand dieses Auftrags.“
„Nein“, sagte Severin. „Das ist sie nicht.“
Die Antwort war zu schnell.
Cassian berührte den Spiegelrand nicht. „Bestätigen Sie den Auftrag schriftlich, einschließlich der Geheimhaltung gegenüber der Dekanin und der Bezeichnung achter Ring.“
„Die Spiegelaufzeichnung ist ausreichend.“
„Für eine Weisung dieser Art nicht.“
„Sie zweifeln an meiner Autorität?“
„Ich dokumentiere sie.“
Severin beendete die Verbindung.
Der goldene Strich verschwand, doch Cassian blieb sitzen. Er prüfte die Uhr. Elf Minuten waren vergangen. Das Protokoll enthielt keine Lücke. Seine Handschrift war durchgehend dieselbe.
Er las die eigenen Zeilen rückwärts, dann vorwärts. Der Kanzler wusste vom achten Ring. Er kannte mögliche Wirkungen. Er erwartete auslösbare Gegenstände. Und er wollte Seraphine nicht alarmieren, obwohl er offiziell behauptete, das Zeichen gar nicht zu kennen.
Cassian fertigte zwei Abschriften an. Eine versiegelte er für sein persönliches Verfahrensjournal. Die zweite erhielt nur Zeit, Weisungsgeber und die Anforderung einer schriftlichen Bestätigung. Den inhaltlichen Wortlaut durfte er noch nicht an Mara weitergeben, ohne eine Grenze seines Amts zu verletzen.
Ihre Vereinbarung verlangte jedoch die Offenlegung abweichender Meldungen und gemeinsamer Erinnerungslücken. Severins Auftrag war beides nicht. Er war etwas Gefährlicheres: ein geheimer Wissensvorsprung.
Cassian nahm das Foto aus der Mappe. Im matten Licht war der zweite Junge wieder nur ein unscharfer Rand. Cassi, hatte die Stimme ihn genannt. Mara hatte Elias geraten oder gewusst. Severin hatte auf die Erwähnung seiner Familie reagiert, als kenne er eine Verbindung.
Er schrieb eine neue Frage in sein privates Journal:
Welche Akten über die Familie Dorn unterliegen dem Kanzleramt?
Dann stellte er über das unabhängige Ratsregister eine Herkunftsanfrage. Keine Namen, keine Offenlegung privater Inhalte. Nur die Zahl der versiegelten Vorgänge, die in den vergangenen fünfzehn Jahren aus seinem Familienregister abgeleitet worden waren.
Die Antwort hätte am Morgen kommen sollen.
Sie kam sofort.
Zugriff verweigert. Schutzstufe: Kronenwall.
Cassian kannte die Schutzstufe. Sie galt für laufende Grenzverteidigung, nicht für Familienfotos.
Auf dem Siegelspiegel erschien erneut ein goldener Punkt. Keine Verbindung, nur eine nachträgliche Textweisung.
Beobachten Sie Falk. Alarmieren Sie Vael nicht.
Wieder stand dort kein Wort über Sicherheit.
Cassian versiegelte die Nachricht und trug sie in sein Journal ein. Danach verfasste er eine enge Mitteilung an Mara: Neue königliche Weisung eingegangen. Kein unmittelbarer Handlungsauftrag an Sie. Gespräch morgen unter den vereinbarten Bedingungen.
Er konnte ihr nicht alles sagen.
Aber er würde Severin auch nicht erlauben, sein Schweigen unsichtbar zu machen.
