Kapitel 21: Wer entscheidet

Die erste Antwort kam vom Wohnamt.

Freiwillige Austritte, schrieb die Sachbearbeiterin, würden ausschließlich auf schriftlichen Antrag der betreffenden Person eingetragen. Vorher gebe es ein Gespräch, danach eine vierundzwanzigstündige Widerrufsfrist. Ohne persönliche Bestätigung könne kein Zimmer endgültig freigegeben werden.

Mara las die Nachricht zweimal. Dann legte sie die fehlenden Schlüsselquittungen daneben.

Die zweite Antwort kam aus der Gesundheitsverwaltung.

Die jährliche Herbstprüfung diene dem Schutz von Studenten, deren Siegel sich nicht sicher an die Akademie anpassten. Eine ärztliche Kommission könne einen Langzeitdienst empfehlen. Die endgültige Zuweisung erfolge nach gesundheitlicher Notwendigkeit.

„Empfehlen“, sagte Joris. „Nicht entscheiden.“

Die dritte Antwort traf ein, bevor Mara fragen konnte, wer entschied. Das Disziplinarbüro erklärte, besondere Abgänge würden von einem aus drei Stellen bestehenden Ausschuss bestätigt. Freiwilligkeit sei eine mögliche, aber nicht zwingende Grundlage.

Elin legte alle Schreiben nebeneinander. „Ausschließlich freiwillig. Gesundheitlich notwendig. Nicht zwingend freiwillig.“

„Drei Ämter, drei Verfahren“, sagte Mara.

Cassian hatte ihnen einen Besprechungsraum mit Glaswänden reservieren lassen. Er saß am Ende des Tisches und führte nur Protokoll. Als Ermittlungszeuge durfte er Fragen stellen, aber weder Maras Antrag übernehmen noch eine Antwort für sie erzwingen.

„Laden wir die drei Stellen zu einem gemeinsamen Termin“, sagte Mara.

„Die Gesundheitsakten bleiben geschützt“, warnte Cassian.

„Ich will keine Namen. Ich will wissen, wer einen Statuswechsel auslöst.“

Yara half, die Frage eng zu formulieren. Nicht: Wer wurde entfernt? Sondern: Welche Stelle traf in den zwanzig Herbstfällen die verfahrensleitende Entscheidung, und auf welcher dokumentierten Grundlage?

Am Nachmittag saßen drei Vertreter im selben Raum. Herr Veit vom Wohnamt trug ein blaues Amtssiegel. Doktor Selka von der Gesundheitsverwaltung brachte eine Mappe, die sie geschlossen hielt. Frau Renn vom Disziplinarbüro hatte jedes Jahr der fraglichen Zeitspanne als nummerierte Registerkarte vorbereitet.

Mara begann mit dem ältesten Fall.

„Wer hat entschieden?“

„Die Person selbst“, sagte Veit.

„Die medizinische Kommission“, sagte Selka fast gleichzeitig.

Renn blätterte. „Ein Kronenzeuge bestätigte den Abschluss.“

Stille breitete sich über den Tisch aus.

„Das sind verschiedene Schritte“, sagte Selka.

„Dann nennen Sie die Reihenfolge“, bat Mara.

Veit erklärte, zuerst müsse der persönliche Antrag vorliegen. Selka widersprach: Eine Person könne den Dienst erst nach der Adaptationsprüfung wählen. Renn verwies auf eine alte Ordnung, nach der das Kronenzeichen den Vorgang öffnete, bevor die anderen Stellen ihre Einträge erhielten.

„Also zuerst Krone“, sagte Elin.

Renn zog die Karte näher an sich. „In der technischen Reihenfolge.“

„Und in der rechtlichen?“

Keine der drei Personen antwortete.

Cassian stellte seine erste Frage. „Existiert eine Ordnung, die technische und rechtliche Reihenfolge trennt?“

Renn nannte eine Archivsignatur. Yara prüfte den öffentlichen Katalog. Die Signatur gehörte zu einer aufgehobenen Bestimmung über Katastrophendienste, nicht zu Studienabgängen.

„Das kann eine Verweisung sein“, sagte Renn.

„Dann muss sie lesbar sein“, sagte Cassian.

Mara sah, wie Veit seine Finger auf dem Tisch faltete. „Bekommen Sie im Wohnamt einen Antrag mit Unterschrift?“

„Wir bekommen eine bestätigte Statusmeldung.“

„Nicht den Antrag?“

„Normalerweise beides.“

„In den Herbstfällen?“

Veit senkte den Blick auf seine Unterlagen. „Nur die Statusmeldung.“

Selka räusperte sich. Ihre Kommission untersuche Eignung, sagte sie, aber keine einzelne Person könne gegen ihren erklärten Willen zugewiesen werden.

„Wo wird dieser Wille festgehalten?“

„In der Abschlussbestätigung.“

„Die laut Frau Renn den Vorgang eröffnet“, sagte Elin. „Nicht abschließt.“

Renns Wangen wurden fleckig. „Ich kann nur das Register erklären.“

Mara zwang sich, nicht lauter zu werden. Jeder im Raum konnte ein kleines Stück korrekt beschreiben und trotzdem die ganze Entscheidung unsichtbar lassen. Vielleicht war genau das der Zweck.

Sie wandte sich an Selka. „Ist die besondere Adaptationsliste eine medizinische Auswahl?“

„Sie ist eine Beobachtungsliste.“

„Wer setzt Personen darauf?“

„Die sieben Fachhäuser melden auffällige Resonanzen.“

„Wer wählt aus den Meldungen sieben aus?“

„Das System bildet eine Rangfolge.“

„Nach welchen Kriterien?“

Selka öffnete ihre Mappe nicht. „Die Gewichtung ist versiegelt.“

Joris lehnte sich vor. „Ein System entscheidet nicht von selbst, welche Werte zählen.“

Veit schob seinen Stuhl zurück. „Das Wohnamt entscheidet jedenfalls nicht.“

„Die Gesundheitsverwaltung weist niemanden gegen den Willen zu“, sagte Selka.

Renn hob die Hände. „Das Disziplinarbüro bestätigt nur die Ordnung.“

Mara schrieb die drei Sätze untereinander.

Niemand entscheidet.

Niemand zwingt.

Niemand kennt das ganze Verfahren.

Cassian ließ jeden Vertreter das Protokoll prüfen und Einwände ergänzen. Veit änderte ausschließlich zu im Regelfall ausschließlich. Selka ersetzte entscheidet durch empfiehlt. Renn bestand darauf, dass Kronenzeuge eine Funktion und nicht zwingend eine Person bezeichne.

Nach dem Termin blieb auf dem Tisch ein einzelnes Blatt liegen. Es war aus Renns Karten gerutscht. Mara berührte es nicht. Sie rief die Frau zurück und zeigte darauf.

Renn hob es auf. Für einen Moment war die Vorderseite sichtbar.

Herbstverfahren – Entscheidungsstelle.

Hinter dem Doppelpunkt stand kein Amt.

Nur ein silbernes Kronenzeichen, unter dem das Papier sauber ausgeschnitten worden war.

„Wer erhält dieses Feld?“, fragte Mara.

Renn steckte das Blatt ein. „Das weiß ich nicht.“

Mara bat sie, auch das ausgeschnittene Feld als Befund aufzunehmen. Renn zögerte, doch Cassian erinnerte daran, dass ein fehlender Teil des Formulars keine geschützte Personendatei war. Schließlich unterschrieb sie den Zusatz. Zum ersten Mal stand damit amtlich fest, dass im Entscheidungsweg nicht nur eine Antwort fehlte, sondern der Platz für die Antwort selbst entfernt worden war.

Am Abend kam die Antwort auf ihren Antrag zur vorläufigen Sperre der aktuellen Leerzeile. Die Akademieleitung hatte weitere Prüfung angeordnet. Die königliche Stelle hatte nicht abgelehnt.

Sie hatte erklärt, für die Entscheidung nicht zuständig zu sein.

Mara sah auf das Kronenzeichen in ihrer Skizze.

Alle behaupteten, nicht zu entscheiden.

Trotzdem wurde jedes Jahr genau eine Person gewählt.