Kapitel 1: Der Name im Kräuterbuch

Der Name ihrer Schwester verschwand zwischen Wacholder und Wundklee.

Mara bemerkte es, als der Wagen an einer ausgewaschenen Stelle des Bergwegs so heftig schwankte, dass die Messinglampe über ihr gegen die Decke schlug. Sie hielt das Kräuterbuch mit beiden Händen fest. Die Schrift auf der linken Seite war noch dunkel: eine Dosierung gegen Frostfieber, darunter Lenas kantige Bemerkung, dass zu viel Wacholder mehr Schaden anrichtete als die Kälte.

Oben auf der Seite hatte drei Jahre lang ein Name gestanden.

Lena Falk.

Jetzt blieb nur Lena. Das F war ein grauer Schatten, die übrigen Buchstaben lösten sich an den Rändern auf, als tränke das Papier sie langsam aus.

Mara strich nicht darüber. Lena hatte ihr beigebracht, beschädigte Schrift zuerst im Zustand zu belassen, in dem man sie fand. Jede unüberlegte Korrektur konnte eine Spur zerstören.

Sie hob das Buch näher ans Fenster. Draußen zogen nasse Tannen vorbei. Hinter ihnen lag Tannwald, zwei Tage Fahrt und ein Leben entfernt. Vor ihr stieg die Straße nach Veyra an, der steinernen Hauptstadt, in der ihre Schwester angeblich nie studiert hatte.

„Nein“, sagte Mara leise.

Die Frau ihr gegenüber sah von ihrem Korb auf. „Ist Ihnen schlecht?“

„Nur dem Papier.“

Die Frau nahm die Antwort mit einem misstrauischen Nicken hin und wandte sich wieder ihren schlafenden Hühnern zu.

Mara zog ein Tintenfläschchen aus der grünen Ledertasche. Auf dem Deckel klebten getrocknete Flutblätter. Sie hätte den Namen einfach nachschreiben können. Das hatte sie im ersten Jahr versucht. Am Morgen danach war die Seite wieder leer gewesen, und sie hatte zwei Stunden lang nicht gewusst, wem das Buch gehörte.

Seitdem schrieb sie nicht gegen das Vergessen an. Sie gab der Schrift eine Erinnerung, an der sie sich festhalten konnte.

Mara legte den linken Daumen auf den unvollständigen silbernen Ring in ihrer Handfläche. Er war seit dem Namensritus mit achtzehn sichtbar, dünn und offen wie eine nicht ganz geschlossene Mondsichel. Flut, hatte der Prüfer gesagt. Empfindlich, aber gewöhnlich.

Mit der rechten Hand führte sie die Feder über das blasse F.

„Lena Falk“, flüsterte sie. „Du hast mir am Bach gezeigt, wie man Sumpfminze von Wassernessel unterscheidet. Du hast gelogen und behauptet, der Stich täte nicht weh. Danach hast du drei Tage lang meine Hand verbunden.“

Der erste Strich nahm Tinte an.

„Du hast dieses Buch geführt. Du hast jede falsche Zahl zweimal durchgestrichen. Du hast mir geschrieben, dass man eine Heilung nie versprechen darf, bevor man den Preis kennt.“

Das a kehrte zurück. Dann das l und das k.

Nicht das Blut in Maras Adern hielt den Namen allein fest. Es war die bezeugte Erinnerung an eine konkrete Person. Kein Schnitt, kein Opfer, kein heimlicher Ritus. Nur eine Schwester, die wusste, wer die andere gewesen war.

Als Mara die Feder hob, stand der Name wieder vollständig da.

Für den Moment.

Der Wagen verlangsamte sich. Vor ihnen erhob sich Veyra aus dem Nebel. Sieben Brücken spannten sich über tiefe Schluchten, jede aus einem anderen Gestein. Darüber lagen Mauern, Türme und die dunklen Dächer der Akademie der Sieben Siegel.

„Letzter Halt vor dem oberen Tor“, rief der Kutscher. „Wer zur Aufnahme muss, nimmt die Nordtreppe. Das Tor schließt beim dritten Glockenschlag.“

Der erste erklang, noch bevor Mara ausgestiegen war.

Sie warf die grüne Tasche über die Schulter und drückte dem Kutscher die restlichen Münzen in die Hand. Die Nordtreppe begann hinter einem Markt, dessen Händler bereits ihre Planen gegen den Regen spannten. Hundertachtunddreißig Stufen, sagte ein Schild.

Mara zählte nicht. Sie lief.

Am zweiten Absatz versperrte ihr ein Träger mit drei Kisten den Weg. Sie zwängte sich an ihm vorbei, entschuldigte sich und verlor beinahe das Kräuterbuch. Am fünften Absatz brannte ihre Lunge. Über den Dächern bewegte sich ein blauer Lichtstreifen durch die Luft und zog sich wie eine Naht über den Himmel: ein Teil des Kronenwalls.

Der zweite Glockenschlag ließ die Brüstungen vibrieren.

Am oberen Tor stand eine Reihe verspäteter Bewerber. Alle waren erwachsen; der jüngste Mann vor Mara trug bereits den grauen Bart eines Steinmetzen. Ein Schreiber prüfte Einladungen, während zwei Torwächter die schweren Flügel langsam nach innen zogen.

„Mara Falk, Tannwald“, sagte sie, als sie an die Reihe kam.

Der Schreiber hielt die Hand auf. „Einladung.“

Sie gab ihm das gefaltete Blatt. Das Flutzeichen im Siegelrand leuchtete schwach auf.

„Vierundzwanzig“, las er. „Ausgebildete Grenzpharmazeutin. Vorprüfung in Falkenried.“

„Grenzapothekerin“, korrigierte Mara. „Wir nennen es nicht Pharmazeutin.“

„Hier schon.“

Er setzte einen Haken. Hinter Mara fiel der dritte Glockenschlag.

Der rechte Torflügel stoppte eine Handbreit vor ihrer Schulter.

„Sie ist geprüft“, sagte der Schreiber. „Durchlassen.“

Mara trat in einen hohen Vorraum, in dem nasse Mäntel, Tinte und kalter Stein rochen. An der Wand hing ein Familienregister für neu aufgenommene Studenten. Namen erschienen in silbernen Zeilen, sobald die Einladungen bestätigt wurden.

Mara Falk.

Darunter: Alrik Falk, Sanna Falk.

Sie wartete.

Keine weitere Zeile erschien.

„Da fehlt jemand“, sagte sie.

Der Schreiber folgte ihrem Blick. „Bei Grenzregistern fehlen manchmal Berufsangaben. Das wird später ergänzt.“

„Keine Berufsangabe. Meine Schwester.“

Der Mann tippte mit einem kleinen Wortstab gegen die Tafel. Die Zeilen verschoben sich, prüften sich selbst und kehrten unverändert zurück.

„Name?“

Mara öffnete das Kräuterbuch. Die Schrift war noch sichtbar.

„Lena Falk. Sie wurde vor sechs Jahren hier aufgenommen.“

Der Schreiber suchte erst im Register, dann in einem gebundenen Aufnahmeverzeichnis. Sein Gesicht blieb höflich und leer.

„Frau Falk“, sagte er, „Ihre Eltern haben laut Kronenregister nur ein Kind.“

Mara spürte, wie der Ring in ihrer linken Hand kalt wurde.

Der Schreiber schob ihr die Einladung zurück.

„In Ihrer Familie hat es nie eine Lena Falk gegeben.“