Kapitel 176: Ohne Handel

Daniel wollte vor seiner ergänzenden Aussage wissen, was sie ihm brachte.

Die Frage stand nicht in einer geheimen Nachricht. Sein Anwalt stellte sie in einer formellen Vorbesprechung mit Jana und der zuständigen Verfahrensvertretung.

Würde vollständige Kooperation bei späteren Entscheidungen berücksichtigt?

Konnte Daniel mit weniger strengen Auflagen rechnen?

Würden Eva und Nora bestätigen, dass seine Unterlagen zur Aufklärung beigetragen hatten?

Eva saß mit eigener Rechtsberatung am anderen Ende des Tisches. Nora nahm über Tobias teil. Keine von beiden vertrat die Anklagebehörde.

Jana antwortete zuerst.

„Kooperation wird dokumentiert. Wir versprechen kein Ergebnis. Die Betroffenen handeln keine strafrechtlichen Folgen für Sie aus.“

Die Verfahrensvertretung ergänzte, dass Eva und Nora später zu ihren Schäden und zu möglichen Schutzbedürfnissen angehört werden konnten. Das war kein Vetorecht über eine Entscheidung der Behörden. Es war auch keine Pflicht, Daniel eine günstige Einschätzung zu geben, nur weil einzelne Unterlagen nützlich waren.

Daniels Anwalt nickte. „Mein Mandant verlangt keinen Freispruch.“

„Er verlangt eine Information“, sagte Daniel.

Eva hörte die alte Konstruktion. Eine vernünftige Frage, deren Antwort später als Bedingung benutzt werden konnte.

„Sie erhalten Informationen über das Verfahren, soweit Sie Ihnen zustehen“, sagte Jana. „Sie erhalten keine private Zusage von Frau Keller oder Frau Brandt.“

Daniel sah zu Eva.

„Ich habe die Datei gefunden.“

„Der Dienstleister hat sie gesichert“, sagte Eva.

„Weil ich sie damals hochgeladen habe.“

„Das kann Teil Ihrer Aussage sein.“

Er wandte sich an Nora. „Ohne mich hättet ihr A-3 vielleicht nie—“

„Sie hatten A-3 sechs Jahre lang“, sagte Nora. „Sie haben nicht das Recht, den Fund jetzt als Geschenk zu beschreiben.“

Tobias hob nicht die Hand. Nora durfte als Betroffene diese Grenze aussprechen. Danach stellte er klar, dass weitere Fragen über die formelle Befragung laufen sollten.

Daniels Anwalt beantragte eine Pause.

Im Flur fragte Eva Jana, ob ihre Anwesenheit notwendig war.

„Nur für die Teile, zu denen Sie unmittelbar betroffen sind. Sie können jederzeit entscheiden, nicht im Raum zu bleiben.“

Eva blieb.

Nicht um Daniel zu stützen.

Nicht um zu sehen, ob er endlich die richtige Entschuldigung fand.

Sie wollte hören, wann ihr Name in den Plan eingetreten war.

Nach der Pause erklärte Daniel, er werde ohne vorherige Vereinbarung ergänzend aussagen. Sein Anwalt behielt das Recht, zu einzelnen Fragen rechtliche Einwände zu erheben. Das war kein dramatischer Verzicht auf Verteidigung.

Jana begann mit einer Zeitlinie.

Sieben Jahre zuvor: erste Suche nach A-3.

Sechs Jahre zuvor: Kontakt zu Nora.

Monate vor dem Verschwinden: Vorbereitung der Finanzierung.

Zehn Tage davor: erste Kopien zur eigenen Absicherung.

Daniel sollte zu jeder Phase Handlungen, Beteiligte und vorhandene Belege nennen. Motive wurden getrennt erfasst.

„Wenn ich vollständig aussage, schreiben Sie dann auf, dass ich versucht habe, den größeren Schaden zu verhindern?“, fragte er.

„Wir schreiben auf, was Sie getan haben und was Sie dazu sagen“, antwortete Jana.

„Das ist nicht dasselbe.“

„Nein.“

Eva sah, wie er den Blick senkte.

Sein Wunsch war nicht ungewöhnlich. Jeder Mensch wollte, dass spätere richtige Entscheidungen die früheren falschen neu beleuchteten. Daniel hatte aber nicht nur zu spät gehandelt. Er hatte während dieser späten Phase erneut Beweise als Tauschmittel benutzt und ein Laufwerk an Helenes Vertreter gegeben.

Jana legte ihm eine Liste der bisherigen Kooperation vor. Daneben stand jeweils, ob die Information schon unabhängig bekannt, später bestätigt oder noch ungesichert war. Daniel hatte wichtige Lücken gefüllt. Er hatte andere Informationen erst nach Konfrontation eingeräumt. Beides sollte in der Akte bleiben.

Seine Kooperation konnte relevant sein.

Sie durfte nicht zur Liebesgeschichte umgeschrieben werden.

Nora verließ die Sitzung nach dem Abschnitt über A-3. Sie musste Daniels Beschreibung ihrer Beziehung nicht hören, wenn sie für die Beweisfragen nichts beitrug.

Eva blieb bis zur ersten konkreten Antwort.

Daniel bestätigte, dass Helene ihn gebeten hatte, die fehlende Anlage zu finden. Er hatte zugestimmt.

„Freiwillig?“, fragte Jana.

„Ja.“

Ein Wort ohne Handel.

Keine Drohung, die seine erste Entscheidung ersetzte.

Die Befragung wurde für den nächsten Morgen fortgesetzt. Daniel erhielt kein Versprechen. Eva und Nora unterschrieben keine Erklärung zu seinen Gunsten.

Sein Anwalt erhielt ein Protokoll der Belehrung. Darin stand, dass keine Äußerung im Raum als feste Zusage über Anklage, Auflagen oder Sanktionen verstanden werden durfte. Daniel bestätigte den Erhalt, bevor er die Aussage fortsetzte.

Seine vollständige Aussage war keine Leistung, die sie kaufen mussten.

Sie war eine Verantwortung, die ihm seit sieben Jahren gehörte.