Kapitel 163: Lukas vor den Beschäftigten

Lukas stellte sich ohne Helene vor die Beschäftigten.

Nora sah die Übertragung aus Tobias’ Kanzlei. Der Betriebsrat hatte einer begrenzten Veröffentlichung zugestimmt, damit auch Mitarbeitende auf Baustellen die Erklärung hören konnten. Nora besaß keinen Zugang zu internen Fragen oder individuellen Beitragsdaten.

Lukas trug keinen Anzug. Das wirkte geplant, aber nicht falsch. Seine Stimme war anfangs zu schnell.

„Vor fünf Jahren habe ich eine Abweichung im Mitarbeiterfonds gesehen“, sagte er. „Ich habe die Erklärung akzeptiert, es handle sich um eine vorübergehende Zuordnung im Rahmen der Projektfinanzierung.“

Niemand klatschte.

„Ich habe nicht geprüft, ob die Nachbuchung vollständig erfolgte. Ich habe auch später nicht verlangt, dass die Abweichung dem Betriebsrat offengelegt wird.“

Eine Frau aus der ersten Reihe fragte: „Wer hat Ihnen die Erklärung gegeben?“

„Meine Mutter und der damalige externe Abrechnungsberater.“

„Und deshalb haben Sie geglaubt?“

Lukas schluckte. „Ich habe geglaubt, weil es für mich einfacher war.“

Nora schrieb den Satz auf.

Er schob die Verantwortung nicht auf Helene. Er behauptete nicht, er habe geschwiegen, um Arbeitsplätze zu retten. Er sagte, dass er die Warnung gesehen, eine bequeme Erklärung angenommen und seine Pflicht nicht erfüllt hatte.

„Wussten Sie von den fünf Schattennamen?“, fragte der Betriebsratsvorsitzende.

„Nicht in dieser Form.“

„Was heißt das?“

„Ich kannte Sammelpositionen in Projektabrechnungen. Ich wusste nicht, dass Namen ohne zugehörige Sozialversicherungsübersichten verwendet wurden.“

Die Antwort blieb begrenzt. Nora konnte nicht beurteilen, ob sie vollständig war. Ermittler und Prüfer mussten sie mit den Unterlagen vergleichen.

Lukas kündigte an, alle ihm zugänglichen Protokolle, privaten Notizen und Genehmigungswege herauszugeben. Der blaue Ordner war bereits gesichert. Seine Aussage würde unter anwaltlicher Beratung fortgesetzt.

Er erklärte außerdem, dass er seine operative Stellung bis zur Entscheidung über die unabhängige Geschäftsführung nur innerhalb der neuen Freigaben ausüben werde. Er trat nicht sofort zurück, weil laufende Baustellen Übergaben brauchten. Der Betriebsrat akzeptierte das nicht als Vertrauensbeweis, sondern nur als überprüfbare Zwischenregel.

„Er will, dass sie ihm vergeben“, sagte Tobias.

„Vielleicht“, sagte Nora. „Aber er fragt noch nicht danach.“

Auf dem Bildschirm stand ein älterer Bauarbeiter auf.

„Sie haben fünf Jahre lang Ihren Namen auf der Tür behalten. Wir haben Mahnungen bekommen, wenn irgendwo etwas zu spät war.“

Lukas sah ihn an. „Ja.“

„Was sollen wir jetzt mit Ihrer Entschuldigung machen?“

„Nichts.“

Der Saal wurde still.

„Sie müssen mir nicht glauben und mir nicht vergeben. Die Prüfung und die Nachzahlungen dürfen nicht davon abhängen.“

Nora legte den Stift hin.

Daniel hatte jede Kooperation mit einer Bitte verbunden. Glaube mir dieses eine Mal. Sag, dass ich euch schützen wollte. Lass meine spätere Angst die frühere Entscheidung erklären.

Lukas sprach vielleicht auch aus Angst. Aber wenigstens versuchte er in diesem Moment nicht, die Beschäftigten zu Zeugen seines guten Charakters zu machen.

Der Betriebsrat stellte Bedingungen.

Lukas durfte an der Aufklärung mitwirken, aber keine Prüfenden auswählen.

Er durfte Unterlagen erklären, aber nicht allein bestimmen, was relevant war.

Seine operative Rolle blieb Gegenstand der anstehenden Neuordnung.

Jede Zusage musste schriftlich und nachprüfbar werden.

Eine Beschäftigte verlangte, dass Lukas seine Erklärung nicht als Werbung auf der Firmenwebsite nutzen durfte. Er stimmte zu. Die Aufzeichnung blieb beim Betriebsrat und wurde nur im angekündigten Umfang veröffentlicht. Verantwortung sollte nicht zur neuen Marke der Familie Keller werden.

Lukas stimmte zu.

Nach der Übertragung rief Nora Eva an.

„Er hat es besser gemacht als Daniel.“

„Heute.“

„Sie misstrauen jedem guten Satz.“

„Nein. Ich trenne ihn nur vom nächsten Verhalten.“

Nora dachte an Bader. Auch er hatte ein richtiges Wort gesagt und trotzdem noch jahrzehntelange Lücken zu erklären.

Am Abend stellte Lukas die angekündigten Protokolle bereit. Die unabhängige Stelle bestätigte den Eingang, nicht ihre Vollständigkeit.

Eine Datei fehlte laut Inhaltsverzeichnis.

Sein Büro erklärte, sie werde gesucht.

Nora lächelte ohne Freude. Ein ehrlicher Auftritt hatte die Arbeit nicht beendet.

Lukas hatte vor den Beschäftigten Verantwortung ausgesprochen.

Ob er sie trug, würde sich nicht daran zeigen, wie lange er auf dem Podium blieb.

Es würde sich daran zeigen, ob auch die fehlende Datei auftauchte, wenn keine Kamera mehr lief.