Kapitel 7: Sein halber Kleiderschrank

Am Dienstagmorgen roch Daniels Seite des Kleiderschranks noch nach seinem Rasierwasser.

Eva hatte in der Nacht kaum geschlafen. Um fünf stand sie auf, kochte Kaffee und öffnete den Schrank ein zweites Mal. Nicht als Ehefrau, die nach einem vermissten Mann suchte. Als Lohnbuchhalterin, die eine Abweichung prüfen musste.

Sie nahm jedes Kleidungsstück heraus und legte es aufs Bett.

Sieben weiße Hemden. Daniel besaß normalerweise zehn.

Drei blaue. Normalerweise vier.

Zwei Anzüge, der dritte fehlte.

Der dunkelblaue Pullover, die Laufschuhe und der graue Rucksack waren weg. Das hatte sie bereits notiert. Jetzt sah sie, was beim ersten Mal unsichtbar geblieben war: Von fast jeder Kategorie fehlte nur genug für wenige Tage.

Nicht mehr.

Nicht nichts.

Daniel hatte zwei Häuser benutzt, um eine Abreise zu verteilen. Aus jedem hatte er so wenig genommen, dass beide Frauen zunächst an eine Geschäftsreise glauben konnten.

Eva fotografierte die leeren Stellen. Danach räumte sie alles zurück. Ordnung bedeutete nicht, dass sie ihm verzieh. Ordnung verhinderte nur, dass der nächste Fund in ihrem eigenen Chaos verschwand.

Im unteren Schrankfach stand der kleine schwarze Reisekoffer, den Daniel für kurze Termine benutzte. Er war leer, bis auf eine Mappe mit alten Hotelkarten und einen transparenten Beutel für Flüssigkeiten.

Eva zog den Beutel heraus.

Darunter lag ein Schlüssel.

Er war kleiner als ein Haustürschlüssel, mit einem runden Messingkopf und einer Kerbe am Rand. Am Ring hing eine schmale Metallplatte.

M.B.

Eva setzte sich auf die Bettkante. Die Buchstaben mussten für Marlene Brandt stehen. Noch war das nur eine Vermutung, keine Antwort.

Sie berührte nur den Ring und legte den Schlüssel auf ein weißes Blatt Papier. Foto von vorn, von hinten, neben einem Lineal. Dann rief sie Nora an.

„Kennen Sie einen kleinen Messingschlüssel mit den Initialen M.B.?“

Nora brauchte keine Zeit zum Nachdenken. „Meine Mutter hieß Marlene Brandt.“

„Hatte sie ein Schließfach? Einen Schrank? Eine Kassette?“

„Sie ist gestorben, als ich zwölf war.“

„Das weiß ich.“

„Nein, Sie wissen, dass sie tot ist. Sie wissen nicht, dass mein Vater fast alles weggegeben hat, weil er ihre Sachen nicht ertragen konnte.“

Eva ließ die Schärfe stehen. „Was blieb?“

„Fotos. Ein paar Briefe. Ein Holzkoffer mit Bauplänen.“

„Hat der ein Schloss?“

Am anderen Ende wurde es still.

„Ja.“

„Ist der Schlüssel bei Ihnen?“

„Ich dachte, er wäre verloren.“

Eva sah auf das Metallplättchen. „Vielleicht war er das nicht.“

„Daniel hat den Koffer vor zwei Jahren reparieren lassen.“

„Warum?“

„Der Stoff innen löste sich. Er sagte, ein Restaurator aus einem seiner Projekte könne das machen.“

„Wo ist der Koffer jetzt?“

„Auf dem Dachboden.“

Eva stand auf. „Gehen Sie nicht allein hinauf.“

„Es ist mein Dachboden.“

„Und jemand war in Ihrem Arbeitszimmer, bevor wir dort ankamen. Wir wissen nicht, wann Daniel das Telefon vorbereitet hat.“

„Sie glauben, er sitzt auf meinem Dachboden?“

„Nein. Ich glaube, wir sollten aufhören, uns gegenseitig zu beweisen, wie wenig Angst wir haben.“

Nora sagte nichts.

„Ich komme nach der Arbeit“, fuhr Eva fort. „Oder Sie warten, bis die Polizei das Telefon dokumentiert hat und bitten Frau Mertens—“

„Nach der Arbeit“, sagte Nora. „Sechs Uhr.“

Eva steckte den Schlüssel nicht in ihre Handtasche. Sie legte ihn in einen kleinen Briefumschlag, schrieb Fundort und Uhrzeit darauf und bewahrte ihn in ihrer abschließbaren Schreibtischschublade zu Hause auf.

Bei HanseKontor verbrachte sie den Vormittag mit Abrechnungen für Schichtzulagen. Zahlen verhielten sich, wie Menschen es selten taten. Wenn eine Summe falsch war, lag der Fehler irgendwo. Er konnte versteckt, verschoben oder absichtlich erzeugt worden sein, aber er hatte einen Ort.

Um 11:20 Uhr erhielt sie eine E-Mail der Nordbank.

Wir bestätigen den Eingang Ihres Widerspruchs. Die Prüfung der Unterlagen wurde eingeleitet.

Darunter stand, dass die Bank keine aufschiebende Wirkung garantiere.

Eva druckte die Bestätigung nicht im Büro aus. Sie leitete sie an ihre private Adresse weiter, nachdem sie geprüft hatte, dass keine vertraulichen HanseKontor-Daten enthalten waren.

Kurz vor Mittag rief Jana an.

„Wir haben die Bahnhofsbilder noch nicht“, sagte sie. „Aber Herr Kellers Arbeitgeber hat bestätigt, dass er am Freitag um 16:08 Uhr das Büro verlassen hat.“

„Allein?“

„Laut Empfang ja. Seine Firmenzugangskarte wurde danach nicht mehr benutzt.“

„Hat Helene Keller gesagt, wohin er wollte?“

„Sie sagt Hamburg.“

„Das hat er uns auch erzählt.“

„Frau Keller, noch etwas. Die Firma gibt an, Herr Keller habe in den vergangenen Monaten private Familienunterlagen digitalisieren lassen. Wissen Sie, welche?“

Eva blickte auf den leeren Stuhl gegenüber ihrem Schreibtisch.

„Nein.“

„Seine Assistentin erinnert sich an alte Baupläne und einen beschädigten Dokumentenkoffer.“

Eva schloss die Augen.

„Der Koffer gehörte Marlene Brandt.“

„Wo befindet er sich?“

„Bei Nora. Noch.“

Jana reagierte sofort. „Öffnen Sie nichts, was versiegelt oder erkennbar nicht für Sie bestimmt ist. Fotografieren Sie den äußeren Zustand. Wenn Sie Manipulationen sehen, rufen Sie an.“

Eva versprach es.

Nach Feierabend fuhr sie nach Bad Oldesloe. Nora wartete bereits unter der ausgeklappten Dachbodentreppe. Der Messingschlüssel passte in das kleine Schloss des Holzkoffers.

Er ließ sich drehen.

Der Deckel sprang einen Fingerbreit auf.

Innen lag kein Bauplan.

Nur frischer, heller Stoff, sauber über einen leeren Boden gespannt.