Der wirtschaftlich Berechtigte der Elbtor Projektwerte GmbH war kein Unbekannter.
Joachim Seifert hatte dreißig Jahre lang mit Ernst Bader in derselben Hamburger Steuer- und Beratungsgesellschaft gearbeitet. Vor zwölf Jahren war er ausgeschieden. Danach hatte er Beteiligungen an kleineren Projektfirmen übernommen, oft kurz vor Umstrukturierungen.
Eva kannte den Namen nicht.
Nora auch nicht.
Bader kannte ihn sofort.
Er erschien mit eigener Rechtsberatung zu einer protokollierten Befragung. Sein bisheriges Schweigen hatte er stets mit beruflicher Verschwiegenheit erklärt. Nun lag eine begrenzte Entbindung für die alten Treuhandvorgänge und die Beziehung zu Seifert vor.
Nora saß hinter Tobias und versuchte, den Mann nicht schon vor seiner ersten Antwort zum Mitwisser zu erklären.
„Herr Seifert war mein Partner“, sagte Bader. „Er betreute Keller Wohnbau in Steuerfragen. Ich betreute die treuhänderischen Unterlagen.“
„War er mit A-3 befasst?“, fragte Tobias.
„Nicht als Treuhänder.“
„Wusste er von der Begünstigten?“
Bader nahm die Brille ab. „Er wusste, dass nach Marlene Brandts Tod gesellschaftsrechtliche Fragen offen waren.“
„Noras Name?“
„Daran erinnere ich mich nicht sicher.“
Nora schrieb die Einschränkung auf. Keine sichere Kenntnis ihres Namens.
Bader erklärte, Helene habe nach Rolfs Tod mehrfach gefragt, welche Unterlagen aus der alten Treuhand noch herausgegeben werden könnten. Er habe auf die fehlende Entbindung und die unklare Aktenlage verwiesen. Gleichzeitig habe seine frühere Kanzlei Keller Wohnbau weiter beraten.
„Sie sahen keinen Konflikt?“, fragte Nora.
Tobias berührte kurz den Rand ihres Notizblocks. Kein Verbot. Nur die Erinnerung, dass dies eine formale Befragung war.
Bader antwortete trotzdem.
„Ich sah einen Konflikt. Ich glaubte, ihn durch Trennung der Mandate zu beherrschen.“
„Und als das Original fehlte?“
„Habe ich mich auf die Schweigepflicht zurückgezogen.“
„Sie haben siebenundzwanzig Jahre geschwiegen.“
„Ja.“
Er verlangte keine Entschuldigung für seine Vorsicht. Er sagte auch nicht, er habe Nora geschützt. Sein Schweigen hatte vor allem ihn und seine Kanzlei geschützt.
Die Unterlagen zur Elbtor-Gründung zeigten, dass Seifert kurz zuvor mit Helenes persönlicher Beteiligungsgesellschaft verhandelt hatte. Eine direkte Eigentumsverbindung war noch nicht vollständig belegt. Es gab jedoch einen Optionsvertrag: Helenes Gesellschaft durfte nach zwei Jahren einen Teil der Elbtor-Anteile zu einer vorher festgelegten Formel erwerben.
Die Option war der Offenlegung beigefügt worden, nachdem das Gericht die tatsächlichen Kontroll- und Nebenabreden verlangt hatte. Bader hatte sie nicht beschafft. Seine Aussage erklärte nur, warum Seiferts Name bei den alten und neuen Vorgängen wiederkehrte.
Damit war die Käuferin nicht unabhängig.
Sie gehörte nicht Helene. Aber Helene konnte bei erfolgreichem Verkauf später an ihr beteiligt werden.
Bader kannte den Optionsvertrag nicht. Er bestätigte nur, dass Seifert in früheren Restrukturierungen ähnliche Modelle genutzt hatte.
„Warum kommen Sie jetzt?“, fragte Nora.
„Weil ich verstanden habe, dass meine Verschwiegenheit nicht mehr nur Mandantendaten schützt. Sie verdeckt möglicherweise, wer aus einer Treuhandentscheidung ausgeschlossen wurde.“
„Das hätten Sie früher verstehen können.“
„Ja.“
Das einfache Wort nahm Nora die Möglichkeit, gegen eine Ausrede zu kämpfen. Es gab ihr keine verlorenen Jahre zurück.
Bader übergab keine geheime Originalurkunde. Er konnte A-3 nicht aus einer Tasche ziehen und alles lösen. Seine Aussage verband Seifert mit der alten Beratung und bestätigte, dass offene Rechte bekannt gewesen waren. Der Optionsvertrag kam aus der gerichtlich verlangten Offenlegung, nicht aus seinem Gedächtnis.
Tobias beantragte, die befristete Verkaufssperre aufrechtzuerhalten.
Der unabhängige Beobachter verlangte zusätzlich, alle weiteren Geschäfte mit Seifert, Elbtor und früheren Kanzleipartnern offenzulegen.
Helene ließ erklären, die Kaufoption sei marktüblich und habe mit Noras Anspruch nichts zu tun.
Vielleicht war die Form üblich.
Der verschwiegene Interessenkonflikt blieb.
Nach der Befragung stand Bader im Flur. „Frau Brandt“, sagte er.
Nora blieb stehen.
„Ich habe Vertraulichkeit für Neutralität gehalten.“
„Und war sie das?“
„Nein.“
Nora nickte einmal. Sie vergab ihm nichts. Sie verlangte auch keine öffentliche Buße.
Seine nächste Pflicht war nicht, ihr zu beweisen, dass er ein guter Mensch war.
Er musste vollständig aussagen, welche Verantwortung seine Kanzlei übernommen und nicht erfüllt hatte.
Der Mann hinter der Käuferfirma war gefunden.
Nun musste offengelegt werden, wie lange Helene geplant hatte, nach dem Verkauf wieder neben ihm zu stehen.
