Kapitel 141: Der blaue Ordner

Lukas brachte den Ordner in einer neuen Beweishülle.

Das Leinen war dunkelblau, an den Kanten grau gerieben. Auf dem Rücken stand kein Titel. Innen befanden sich handgezogene Tabellen, Durchschläge und schmale Kontenblätter. Die ersten Seiten trugen Rolf Kellers Initialen.

Eva hatte den Ordner nie zuvor gesehen.

Lukas legte ihn nicht selbst auf den Tisch. Sein Anwalt übergab die versiegelte Hülle an Jana und erklärte den bisherigen Besitzweg. Nach Rolfs Tod waren mehrere private Geschäftsunterlagen in Lukas’ Büro gelangt. Der blaue Ordner hatte fünf Jahre lang in einem abgeschlossenen Aktenschrank gelegen. Am Morgen hatte Lukas ihn ungeöffnet aus dem Schrank genommen, gemeinsam mit seinem Anwalt verpackt und direkt hergebracht.

„Ungeöffnet heute“, sagte Nora. „Nicht ungeöffnet seit fünf Jahren.“

Lukas sah sie an. „Nein.“

Er hatte den Ordner damals gefunden und Teile gelesen. Er wusste seitdem, dass die Zahlen des früheren Mitarbeiterfonds nicht vollständig zu den Berichten passten, die Helene den Gesellschaftern vorgelegt hatte.

Eva dachte an die als Altersvorsorge bezeichneten Projektzahlungen, die sie bereits in den laufenden Unterlagen verfolgt hatten. Lukas hatte Unterschiede eingeräumt, aber bisher nur von verdichteten Cashflow-Darstellungen gesprochen.

„Wie groß war die Abweichung?“, fragte sie.

„Ich konnte sie nicht vollständig berechnen.“

„Was konnten Sie erkennen?“

Lukas erklärte, dass Rolf Überträge mit Projektkürzeln eingetragen hatte. Neben jedem Betrag standen ein Ausgangskonto, ein Zielprojekt und eine Freigabespalte. Mehrere Mittel, die in offiziellen Übersichten als Reserve oder Versorgung geführt wurden, waren vorübergehend in Bauprojekte verschoben worden.

In der Freigabespalte stand wiederholt „H.K. genehmigt“.

Diesmal war das Kürzel nicht allein. Auf zwei späteren Seiten hatte Rolf den Namen „Helene“ ausgeschrieben. Eine Unterschrift gab es nicht bei jedem Eintrag. Der Ordner musste mit Bankdaten und Projektakten abgeglichen werden.

„Warum jetzt?“, fragte Jana.

Der unabhängige Aktuar hatte am Vortag nach drei alten Projektcodes gefragt. Lukas erkannte sie aus dem blauen Ordner. Er wusste, dass eine weitere mündliche Erklärung nicht reichen würde.

„Und das Parkhaus?“, fragte Nora.

Lukas senkte den Blick. „Da habe ich gesehen, was passiert, wenn jeder nur das Stück bringt, mit dem er etwas kaufen will.“

Der Satz machte ihn nicht mutig. Er kam fünf Jahre zu spät.

Jana öffnete die neue Hülle nicht sofort. Zuerst wurden Fotos des Siegels, Lukas’ Schrank und der Transportweg gesichert. Die alte Besitzlücke blieb im Protokoll: Niemand konnte unabhängig bestätigen, was während der fünf Jahre mit dem Ordner geschehen war.

Lukas gab freiwillig die Schlüssel und eine Liste der Personen heraus, die Zugang zu seinem Büro gehabt hatten. Er behauptete nicht, der Ordner sei fälschungssicher. Er sagte nur, er habe keine Seiten entfernt oder ergänzt.

Bei der ersten dokumentierten Sichtung zählte der Sachverständige siebenundachtzig beschriebene Blätter. Einige waren fest eingeheftet, andere mit Laschen befestigt. Zwei Seiten fehlten nach der handschriftlichen Nummerierung. Ob sie absichtlich entfernt oder nie eingeordnet worden waren, blieb offen.

Unter schrägem Licht waren auf mehreren Blättern Druckspuren vorheriger Einträge sichtbar. Das sprach dafür, dass Rolf sie fortlaufend im Ordner beschrieben hatte. Einzelne spätere Seiten waren Ausdrucke aus Keller Wohnbaus Buchhaltung und trugen Erstellungsdaten, die zu den handschriftlichen Jahren passten. Eine umfassende Echtheitsbewertung stand noch aus.

Eva durfte die Tabellen zunächst nur hinter Glas sehen. Sie erkannte keine Namen von Beschäftigten. Rolf hatte Sammelbezeichnungen und Projektnummern benutzt. Ein früher Abschnitt hieß „Mitarbeiterfonds / Zwischenverwendung“. Später änderte sich die Überschrift zu „Rückführung und Ertrag“.

Bei drei Projektcodes erkannte Eva die Nummern aus den fünf wiederkehrenden Zahlungsserien. Sie sagte es nicht als Schlussfolgerung, sondern bat um einen getrennten Abgleich. Der Ordner durfte nicht allein deshalb zum Beweis für jede spätere Zahlung werden, weil einige vertraute Zeichen darin standen.

Lukas erklärte, Rolf habe den Ordner nie in der offiziellen Buchhaltung erwähnt. Nach seinem Tod habe Helene gesagt, private Notizen des Gründers seien nicht berichtspflichtig. Lukas habe diese Erklärung angenommen, obwohl er eine Seite fotografierte. Genau dieser Widerspruch sollte später Gegenstand seiner Aussage werden.

„Das ist ein privates Kontobuch meines Vaters“, sagte Lukas.

„Noch wissen wir nicht, welche Funktion es hatte“, sagte Jana.

Ein privates Buch konnte tatsächliche Vorgänge dokumentieren, Entwürfe enthalten oder Rolf eigene Berechnungen zeigen. Seine Handschrift und das Alter des Papiers würden geprüft. Erst Bankbelege konnten aus einer Zeile eine ausgeführte Übertragung machen.

Lukas unterschrieb eine vorläufige Aussage. Darin bestätigte er, seit fünf Jahren von möglichen Differenzen beim Mitarbeiterfonds gewusst und den Ordner nicht gemeldet zu haben.

Nora las den Satz zweimal.

Der blaue Ordner löste die Lücke noch nicht. Er zeigte aber, dass Lukas sie gesehen hatte, lange bevor Daniel zurückgekommen war.

Und auf seinen Seiten hatte Rolf jede Verschiebung nicht nur mit einem Betrag, sondern mit dem Kürzel der Person versehen, deren Zustimmung er festhalten wollte.