Kapitel 120: Der Umschlag im Bilderrahmen

Der Druck zeigte ein Verwaltungsgebäude, das nie gebaut worden war.

Nora hatte das Bild als Kind hässlich gefunden. Graue Linien, rechte Winkel, kleine gezeichnete Bäume vor einer Fassade ohne Menschen. Ihr Vater hatte es in jeder neuen Wohnung über den Schreibtisch gehängt. Als er starb, hatte sie es aus Pflicht mitgenommen und später im Abstellraum hinter Winterdecken gestellt.

Nun lag der Rahmen auf einem weißen Tisch in Tobias’ Kanzlei.

Eine Restauratorin dokumentierte Kratzer, Nägel und die vergilbte Rückwand. Jana war anwesend, ebenso Noras eigener Anwalt. Eva saß etwas abseits. Helene und Daniel waren nicht eingeladen worden, weil der Rahmen zu Noras Nachlassbesitz gehörte. Tobias hatte ihre Vertreter jedoch über die gesicherte Öffnung informiert.

Die Restauratorin löste die alten Nägel einzeln. Hinter der Rückwand lag zunächst nur Karton. Dann hob sie eine zweite, dünnere Pappe ab.

Der braune Umschlag war flacher, als Nora ihn sich vorgestellt hatte.

Ein verblichener roter Faden führte durch zwei Papierösen. Auf der Vorderseite stand in schwarzer Tinte: „Marlene Brandt – für Nora nach Volljährigkeit“. Darunter befand sich ein kaum sichtbarer Bleistiftvermerk: „von R.K. an H.B.“

Nora durfte ihn nicht berühren.

Die Restauratorin öffnete den Faden, ohne ihn zu durchtrennen. Im Umschlag lagen drei getrennte Papierbündel: ein handgeschriebener Brief, ein Deckblatt mit der Kennzeichnung A-3 und eine Seite mit Beglaubigungsvermerk und Anlagenliste.

Keine mittleren Vertragsseiten.

Nora hörte Eva langsam ausatmen.

Jana ließ jede Seite einzeln erfassen. Der Brief begann mit Noras Namen. Die Schrift ähnelte Marlenes bekannten Karten, doch niemand erklärte sie sofort für echt. Eine Sachverständige würde Papier, Tinte und Vergleichsschrift prüfen müssen.

Nora las nur die Stellen, die Jana ihr freigab.

Marlene schrieb, dass die Beteiligung nicht als Belohnung und nicht als Last gedacht sei. Sie solle Nora später die Wahl geben, unabhängig zu arbeiten, zu verkaufen oder mitzureden. Kein Satz ernannte Nora zur Eigentümerin einer Firma. Kein Satz bezifferte Geld. Der Brief verwies auf „die beigefügte Regelung“ und bat Noras Vater, sie erst nach dem achtzehnten Geburtstag offenzulegen.

Das Deckblatt von A-3 trug die Bezeichnung „Ergänzende Begünstigten- und Fortführungsregelung“. Darunter standen Marlenes Name, das Datum 12. Oktober 1999 und die Kennzeichnung einer Beteiligungsquote von 35 Prozent. Eine Zeile nannte die minderjährige Begünstigte nur mit Initialen.

Auf der letzten Seite befanden sich Unterschriftsfelder für Marlene, Rolf Keller und einen damaligen Notariatsvertreter. Die sichtbaren Unterschriften waren vorhanden. Der Beglaubigungsvermerk bestätigte jedoch nur, dass diese letzte Seite zu einer Urkunde mit insgesamt vier Blättern gehört hatte.

Im Umschlag lagen zwei.

Die Anlagenliste nannte unter anderem Bedingungen zur Ausübung, eine Treuhandphase bis zur Volljährigkeit, Schutzregeln bei Verkauf und eine gesonderte Ertragsabrechnung. Die Dokumente beschrieben also den Rand eines Rechts, nicht seinen vollständigen Inhalt.

Auch die Heftlöcher halfen nur begrenzt. Sie passten in Abstand und Form zu der Deckkarte aus dem Firmenarchiv und zu Baders Verwahrvermerk. An den inneren Rändern waren jedoch keine fortlaufenden Seitenzahlen sichtbar. Die Restauratorin konnte deshalb nicht ausschließen, dass die beiden Blätter schon vor ihrer Ablage getrennt worden waren. Sie konnte ebenso wenig sagen, wer die beiden mittleren Seiten entfernt hatte.

„Reicht das für meinen Antrag?“, fragte Nora ihren Anwalt.

„Es reicht, um die Existenz der Regelung wesentlich besser zu belegen“, sagte er. „Nicht, um jede Rechtsfolge zu bestimmen.“

„Und die fünfunddreißig Prozent?“

„Sie stehen auf dem Deckblatt. Wir wissen noch nicht, ob sie einen unmittelbaren Anteil, ein bedingtes Bezugsrecht oder eine wirtschaftliche Begünstigung bezeichneten. Das steht vermutlich auf den fehlenden Seiten.“

Nora sah wieder auf Marlenes Brief. Sie hatte sich vorgestellt, ein Fund würde die Vergangenheit öffnen. Stattdessen zeigte er genauer, welche Tür weiterhin verschlossen war.

Eva trat neben sie. „Sie haben jetzt eine Stimme von ihr.“

„Wenn der Brief echt ist.“

„Wenn er echt ist“, bestätigte Eva.

Nora war dankbar für die Bedingung. Sie machte den Brief nicht kleiner. Sie ließ ihn nur außerhalb der Wünsche bestehen, die sich sofort an ihn heften wollten.

Am Abend wurden alle Seiten in getrennten Hüllen versiegelt. Der Rahmen und die Rückwände blieben ebenfalls gesichert. Tobias verschickte keine Kopien, bevor die erste technische Dokumentation abgeschlossen war.

Nora fuhr nach Hause, ohne den Brief mitzunehmen.

Sie hatte Marlenes Worte gefunden. Sie hatte den Anfang und das Ende von A-3 gefunden.

Aber zwischen der versprochenen Wahl und ihrer rechtlichen Bedeutung fehlten noch zwei Seiten.