Nora wollte die Nachricht sofort öffnen.
Eva hielt sie nicht zurück. Sie sagte nur: „Bevor Sie etwas löschen, machen wir Fotos.“
Dieser Satz ärgerte Nora mehr, als er sollte.
Nicht weil er falsch war. Weil Eva ihn in demselben ruhigen Ton sagte, in dem jemand einer Kollegin erklärte, wie ein Formular auszufüllen war. Als könnte Ordnung das hier kleiner machen.
Nora legte das schwarze Telefon auf den Schreibtisch.
„Ich lösche nichts.“
„Das habe ich nicht behauptet.“
„Sie haben es so gesagt.“
Eva hob ihr eigenes Telefon und fotografierte den Bildschirm. „Die Nachricht ist noch nicht geöffnet.“
Nora atmete durch die Nase ein. Sie kannte diesen Reflex aus ihrem Beruf. Menschen, deren Haus gebrannt hatte, hörten in jeder Frage einen Vorwurf. Wann hatten Sie den Raum zuletzt betreten? Wer besaß einen Schlüssel? Warum war das Fenster geöffnet? Fragen waren keine Anschuldigungen. Trotzdem fühlten sie sich so an, wenn das eigene Leben in beschädigten Teilen vor einem lag.
Sie tippte auf die Nachricht.
Kein Text erschien.
Nur ein Kalendereintrag.
FREITAG, 18:40 – SENDEN.
Darunter standen zwei Empfänger: N und E.
„Das ist jetzt“, sagte Nora.
Im selben Moment wechselte die Anzeige. Ein kleines Uhrensymbol verschwand. Das Telefon meldete: Nachricht versendet.
Nora öffnete den Postausgang.
Wenn ihr das lest, bin ich bereits weg.
Mehr nicht.
„Weg wohin?“ Sie wählte Daniels normale Nummer. Mailbox.
Eva las den Satz ein zweites Mal. Ihr Gesicht veränderte sich kaum, aber sie drückte die Lippen fest zusammen.
„Er hat die Nachricht vorbereitet.“
„Oder jemand zwingt ihn dazu.“
„Dann hätte dieser jemand gewusst, wann wir das Telefon finden.“
„Vielleicht sollten wir die Polizei rufen.“
„Vielleicht sollten wir zuerst sichern, was hier ist.“
Da war er wieder, dieser sachliche Ton. Nora wollte widersprechen, doch Eva hatte recht. Wenn Daniel tatsächlich in Gefahr war, konnten Details wichtig sein. Wenn er nicht in Gefahr war, waren sie es erst recht.
Das Telefon war nicht gesperrt. Es enthielt kaum Fotos, keine Banking-App und nur vier gespeicherte Kontakte. Nora. Eva. Helene. Büro.
„Helene ist seine Mutter“, sagte Eva.
„Ich weiß.“
Eva sah sie an.
„Natürlich weiß ich das“, fügte Nora hinzu. „Ich habe sie kennengelernt.“
„Wann?“
„Zweimal. Auf Geschäftsveranstaltungen.“
„Hat sie gewusst, wer Sie sind?“
Nora dachte an Helenes kühlen Händedruck. An den prüfenden Blick auf ihren Ring. Daniel hatte Nora als externe Versicherungsexpertin vorgestellt, die ein Bauprojekt betreute.
„Er hat mich nicht als seine Frau vorgestellt.“
„Das beantwortet meine Frage nicht.“
„Ich weiß es nicht.“
Nora öffnete die Anrufliste. Fast alle Einträge waren gelöscht. Nur die letzten beiden verpassten Anrufe standen noch da: Eva und sie selbst. Die Nachrichten-App enthielt den einen geplanten Satz. Daniel hatte das Gerät sauberer hinterlassen als eine leer geräumte Wohnung.
Im Kalender gab es mehr.
Farbige Blöcke zogen sich über Monate. Blau, grün und grau. Keine ausführlichen Notizen, nur Orte und einzelne Buchstaben.
Nora tippte auf einen blauen Eintrag im Juni.
SCHWERIN – E.
„Da waren wir am See“, sagte sie. „Daniel und ich.“
Eva nahm ihr das Telefon nicht aus der Hand. „Mir hat er gesagt, er sei in Schwerin.“
Nora öffnete das Datum. Unter dem sichtbaren Eintrag lag ein zweiter, grün markierter Termin:
SEEHAUS – N.
Zwei Kalender für denselben Tag.
Sie scrollte rückwärts. Weihnachten. Geburtstage. Wochenenden. Jeder Termin hatte eine Oberfläche und eine zweite Ebene. Lübeck und Bad Oldesloe. Geschäftsreise und Familienbesuch. E und N.
Nora spürte, wie sich die letzten sechs Jahre neu sortierten.
Daniel hatte nie improvisiert.
Er hatte geplant.
Sie öffnete den 14. Februar des vergangenen Jahres. Daniel hatte ihr Rosen geschickt und am Abend behauptet, wegen eines Notartermins erst nach neun Uhr kommen zu können. Im blauen Kalender stand:
ABENDESSEN E. 18:30.
Im grünen:
N. NACH 21:00.
„Er war bei Ihnen.“
Eva schwieg einen Moment. „Ja.“
„Und danach bei mir.“
„Offenbar.“
Nora legte das Telefon hin. Ihr Magen zog sich zusammen. Die Erinnerung an diesen Abend war nicht verschwunden. Daniel, der kurz vor zehn hereingekommen war, kalt vom Februarwind. Sein Lächeln. Seine Entschuldigung. Der Kuss, bei dem sie Wein an seinem Atem geschmeckt hatte.
Rotwein.
Er hatte bei Eva getrunken.
„Ich muss mich setzen.“
Der Schreibtischstuhl knarrte unter ihr. Eva blieb stehen.
„Sie können mich ruhig hassen“, sagte Nora.
„Ich kenne Sie nicht.“
„Das macht es leichter.“
„Nein.“
Nora sah zu ihr auf.
Zum ersten Mal wirkte Eva nicht kontrolliert. Nur müde. Sehr müde.
„Es macht gar nichts leichter“, sagte sie.
Auf dem Schreibtisch lag ein Notizbuch. Nora kannte es. Daniel schrieb darin Telefonnummern auf, wenn er beim Arbeiten telefonierte. Sie schlug die erste Seite auf.
Leer.
Auch die zweite und dritte.
Erst auf der letzten Seite stand eine Zahlenfolge, darunter ein Wort:
Montag.
„Was ist das?“
Eva beugte sich über die Seite. „Sieht aus wie ein Akten- oder Darlehenszeichen.“
„Woher wissen Sie das?“
„Ich weiß es nicht. Die Gruppierung ist nur ähnlich.“
Nora fotografierte die Seite. Dann öffnete sie die Schubladen. Büroklammern. Batterien. Briefumschläge. Im untersten Fach lag ein brauner Ordner.
Er war leer bis auf eine Klarsichthülle.
Darin steckten zwei Kopien von Personalausweisen.
Evas.
Und Noras.
Unter beiden Kopien stand dieselbe handschriftliche Nummer wie im Notizbuch.
Nora hörte Eva hinter sich langsam ausatmen.
Das schwarze Telefon vibrierte erneut.
Diesmal erhielten sie beide dieselbe Nachricht auf ihren eigenen Geräten.
Wenn ihr das lest, bin ich bereits weg.
