Kapitel 119: Hildes Erinnerung

Hilde Brandt stellte vier Tassen auf den Tisch, obwohl nur drei Besucher gekommen waren.

Nora bemerkte es, sagte aber nichts. Ihre Tante lebte in einer kleinen Wohnung über einer Bäckerei in Eutin. Auf dem Fensterbrett standen Kräutertöpfe, und an der Wand hing ein Foto von Marlene mit kurz geschnittenem Haar. Hilde war Marlenes jüngere Schwester und hatte in den vergangenen Jahren gelegentlich Namen verwechselt. Heute erkannte sie Nora sofort.

Jana erklärte langsam, warum sie da waren. Sie zeigte Hilde keine vollständige Liste aus der Werkbank, sondern fragte zunächst offen nach der Zeit nach Marlenes Beerdigung.

„Rolf war dort“, sagte Hilde. „Nicht beim Kaffee. Später.“

Nora hielt die Hände unter dem Tisch zusammen. Hilde erzählte, Rolf habe ihr vor dem Hintereingang einen braunen Umschlag gegeben. Er sei mit einem roten Faden verschlossen gewesen. Auf der Vorderseite habe Marlenes Name gestanden und darunter ein Satz, den Hilde nicht mehr vollständig wusste.

„Etwas mit achtzehn“, sagte sie. „Bis Nora achtzehn ist. Oder erst, wenn sie achtzehn ist.“

„Hat Herr Keller gesagt, was darin war?“, fragte Jana.

„Er sagte: ihre Wahl.“

Hilde schaute zur vierten Tasse. „Ich wollte seine Wahl nicht.“

Jana fragte nicht, was Rolf gemeint haben könnte. Sie blieb bei den Handlungen. Wo habe Hilde den Umschlag aufbewahrt? Wer habe davon gewusst? Wann habe sie ihn weitergegeben?

Hilde hatte ihn zunächst zwischen Tischdecken in einer Truhe versteckt. Einige Wochen später sei Helene zu ihr gekommen. Nicht mit Polizei, nicht mit einer Drohung, die Hilde wörtlich wiedergeben konnte. Helene habe gesagt, Unternehmenspapiere müssten zum Unternehmen zurück und ein privates Versteck könne Nora später schaden.

„Ich hatte Angst vor ihr“, sagte Hilde. „Das ist nicht dasselbe wie: Sie hat mich bedroht. Schreib das richtig auf.“

Nora sah Jana an. Jana nickte und notierte den Unterschied.

Hilde habe den Umschlag nicht Helene gegeben. Sie habe ihn Noras Vater überreicht und ihm Rolfs Satz wiederholt. Er sollte entscheiden, wann Nora bereit war.

„Warum hat er mir nie etwas gesagt?“ Noras Stimme klang dünner, als sie wollte.

Hilde strich mit einem Finger über den Tassenrand. „Er wollte, dass du frei bist. Dann hatte er Angst, Freiheit könne auch bedeuten, dass sie dich finden.“

Nora dachte an ihren Vater, der jedes Gespräch über Marlene mit derselben müden Formel beendet hatte: Es gibt nichts mehr, was dir helfen kann. Vielleicht hatte er gelogen. Vielleicht hatte er geglaubt, Schweigen sei Hilfe.

„Wo hat er den Umschlag hingelegt?“

„Das weiß ich nicht.“

Hilde erinnerte sich aber an einen Streit Jahre später. Noras Vater hatte ihr vorgeworfen, sie habe ihm „einen Rahmen voller Ärger“ gebracht. Hilde hatte gedacht, er meine die Verantwortung. Jetzt hob sie den Kopf.

„Vielleicht meinte er den Bilderrahmen.“

Noras Vater hatte nach seinem Tod kaum Wertgegenstände hinterlassen. Bücher, Werkzeuge, zwei Kisten Fotos. Und einen billigen gerahmten Architekturdruck, der nie in seine Wohnung gepasst hatte. Nora hatte ihn behalten, weil er das einzige Bild gewesen war, das er trotz aller Umzüge immer mitgenommen hatte.

Er stand seit Jahren im Abstellraum ihres Hauses.

Nora zeigte Hilde auf dem Telefon ein Foto des Drucks. Hilde berührte den Bildschirm nicht. Sie betrachtete erst die graue Fassade, dann den schmalen Holzrahmen.

„Den habe ich bei ihm gesehen“, sagte sie. Gleich danach schüttelte sie den Kopf. „Oder einen ähnlichen. Mach daraus keine Sicherheit.“

Jana schrieb beide Sätze auf. Die Erinnerung bestätigte keinen verborgenen Inhalt. Sie reichte nur aus, um den Rahmen nicht allein in Noras Küche aufzubrechen.

Jana ließ Hilde den Ablauf noch einmal erzählen. Einige Daten blieben unsicher. Hilde meinte zuerst, Helene sei im Winter gekommen, später sprach sie von blühenden Bäumen. Jana kennzeichnete das offen. Sicher blieb für Hilde nur die Reihenfolge: Beerdigung, Rolf, Umschlag, Helene, Übergabe an Noras Vater.

Beim Abschied nahm Hilde die vierte Tasse vom Tisch.

„Die war für Marlene“, sagte sie. „Alte Frauen dürfen manchmal unvernünftig sein.“

Nora küsste sie auf die Stirn. Draußen rief sie nicht Daniel und nicht Eva an. Sie rief zuerst Jana an, obwohl Jana neben ihr stand, damit die Nummer im Protokoll erschien und der nächste Schritt eine festgehaltene Zeit bekam.

Dann bat sie Tobias, die Öffnung des Bilderrahmens rechtlich und technisch zu begleiten.

Die Erinnerung ihrer Tante war kein Beweis für den Inhalt.

Aber sie hatte dem verlorenen Umschlag einen möglichen Ort gegeben.