Kapitel 98: Was er getan hat

Eva verlangte am zweiten Tag eine Liste von Verben.

Nicht „es geschah“.

Nicht „die Finanzierung wurde vorbereitet“.

Wer kopierte, änderte, übermittelte und freigab?

Daniel saß wieder im Hotelraum, diesmal mit Jana und einem weiteren Ermittler. Das Gespräch war nun eine formale protokollierte Aussage im freigegebenen Umfang. Seine Rechte wurden erklärt. Eva und Nora waren für einen begrenzten Teil als Betroffene anwesend; später sollten sie getrennt ergänzend befragt werden.

Daniel begann mit der E-Mail.

Er hatte das gemeinsame Vertragskonto geöffnet, den Text vorbereitet und aus dem Heimnetz gesendet. Er hatte Evas alte Signaturzeile kopiert und den Berufstitel erweitert.

„Wer gab die Projektkennung vor?“, fragte Jana.

„Meine Mutter.“

„Wie?“

Daniel nannte eine Besprechung und eine Notiz. Die Ermittler würden beides prüfen. Er behauptete nicht, eine schriftliche Anweisung zur Nutzung von Evas Namen zu besitzen.

Dann Nora.

Daniel hatte ihr den Versicherungsanhang in einer achtseitigen Fassung geschickt. Nach der Unterschrift ließ er eine Kopie der Signaturseite in die Garantieanlage übernehmen. Ein externer Dokumentendienst stellte die Finanzierungsmappe zusammen.

Der Text blieb bei Verantwortungen und Stationen. Niemand fragte nach einer Anleitung, wie Seiten technisch verändert wurden.

„Wusste der Dienst, dass ich nur eine Versicherung unterschrieben hatte?“, fragte Nora.

„Ich habe gesagt, die Signatur sei für die Immobilienunterlagen freigegeben.“

„Also haben Sie gelogen.“

„Ja.“

Daniel bestätigte auch die fünf Zahlungen. Zwei gingen an Gesellschaften, drei an Konten, die in den Projektunterlagen wie Beschäftigtenkonten dargestellt wurden. Er hatte die Cashflow-Tabelle gepflegt. Helene genehmigte nach seiner Aussage die Finanzierungspakete; Lukas kannte einzelne Verrechnungen, aber nicht jede Empfängerklassifizierung.

„Warum fünf?“, fragte Eva.

„Weil die Projektkalkulation sonst die vereinbarte Personalkostenquote nicht erreicht hätte.“

Jana stoppte, als Daniel zu genau auf interne Bearbeitungsschritte eingehen wollte. Für die Verantwortung reichten Zweck, Entscheidung, Beteiligte und Dokumente. Der Vorgang sollte nicht zur Gebrauchsanweisung werden.

Die Vorsorgezeile war nach Daniels Aussage eine Umbuchung, um eine Lieferantenforderung zu bedienen. Eine spätere Nachzahlung sei geplant gewesen.

„Geplant ist nicht gezahlt“, sagte Eva.

„Ich weiß.“

„Sie wussten es damals.“

Daniel antwortete nicht.

Er erklärte, er habe zehn Tage vor seiner Flucht erfahren, dass Helene den Ordner E. als vollständige Verantwortungsakte benutzen wollte. Daraufhin habe er begonnen, Kopien zu sichern.

„Zehn Tage“, sagte Eva. „Der Ordner existierte bereits.“

„Ja.“

„Sie haben ihn angelegt.“

„Ja.“

„Und erst als Sie selbst mitbelastet werden sollten, wurde das ein Problem.“

Daniels Anwalt protestierte gegen die Wertung. Jana hielt im Protokoll fest, dass Eva die zeitliche Reihenfolge ansprach. Daniel durfte antworten.

„Ich hatte vorher geglaubt, wir könnten alles zurückzahlen, bevor jemand Schaden hat.“

„Wir hatten bereits Schaden“, sagte Eva. „Wir wussten es nur noch nicht.“

Die Aussage wurde unterbrochen, damit Eva und Nora den Raum verlassen konnten. Jana würde Daniels Angaben unabhängig prüfen. Eine Aussage gegen Helene war kein Freispruch für ihn.

Im Flur lehnte Nora an der Wand. „Er sagt immer wir, wenn er Helene meint, und ich, wenn er Beweise kopiert.“

Eva hatte dasselbe bemerkt.

Nach der Pause übergab Daniels Anwalt ein Verzeichnis der mitgebrachten Kopien. Keine Originale wurden Eva oder Nora ausgehändigt. Die Ermittler sicherten die Dokumente und protokollierten Herkunftsangaben, die noch bestätigt werden mussten.

Jana erklärte ausdrücklich, dass Daniels Benennung weiterer Beteiligter erst mit Konten, Nachrichten, Freigaben und unabhängigen Aussagen verbunden werden müsse. Seine Kooperation konnte als spätes Verhalten dokumentiert werden. Sie machte seine eigene Darstellung weder automatisch vollständig noch wahr.

Am Ende des Tages unterschrieb Daniel nicht die Wahrheit als Ganzes. Er bestätigte das Protokoll der heutigen Aussage nach den vorgesehenen Korrekturen.

Eva las nur den Teil, der ihre Fragen betraf.

Er hatte ihre Kontonachricht benutzt.

Er hatte ihren Beruf größer geschrieben.

Er hatte Noras echte Signatur für einen anderen Zusammenhang freigegeben.

Er hatte die fünf Zahlungen als Lohn dargestellt.

Er hatte den Belastungsordner vorbereitet.

Später hatte er Beweise kopiert, zuerst aus Angst vor der eigenen Rolle.

Was er getan hatte, war keine Nebenwirkung von Helenes Macht.

Es war eine Folge eigener Entscheidungen innerhalb dieser Macht.

Seine Aussage konnte helfen, die Kette zu beweisen.

Sie konnte nicht aus einem Beteiligten den heimlichen Beschützer machen.