Kapitel 96: Das Treffen unter Bedingungen

Daniels Anwalt rief Tobias an.

Nicht Daniel.

Das war die erste Bedingung, die Eva ernst nahm. Kein privater Satz, keine Erinnerung auf einer Postkarte, kein Treffpunkt, den nur sie erraten sollte.

Der Vorschlag lautete: ein Gespräch in einem öffentlichen Besprechungsraum eines Hamburger Hotels, mit Anwälten und in Kenntnis der Polizei. Daniel wollte zunächst nicht, dass Helene vorab informiert wurde.

„Warum?“, fragte Eva.

„Er befürchtet, dass Unterlagen verändert oder vernichtet werden“, sagte Tobias.

„Welche Unterlagen?“

„Das will er beim Treffen erklären.“

Eva sagte nicht sofort zu.

Sie stellte Bedingungen:

Jana wusste Ort und Zeit.

Daniel durfte den Ort nicht kurzfristig ändern.

Nora erhielt dieselben Informationen.

Keine Originale wurden gegen Zusagen getauscht.

Eva und Nora versprachen weder Straffreiheit noch eine Aussage zu seinen Motiven.

Das Gespräch konnte dokumentiert werden, soweit alle Beteiligten zustimmten; andernfalls führten die Anwälte ein Protokoll.

Daniels Anwalt akzeptierte alles bis auf eine Tonaufnahme. Sein Mandant sei zu einem protokollierten Gespräch bereit, bevor er eine formale Aussage mit den Ermittlern abstimme.

„Dann ist es noch kein Geständnis“, sagte Eva.

„Richtig“, sagte Tobias.

Jana erklärte, sie werde nicht im Raum sitzen, solange Daniel nur ein anwaltliches Vorgespräch führte. Sie kannte den Ort und traf eigene Maßnahmen. Niemand sollte Eva oder Nora glauben lassen, ihre Anwesenheit ersetze ein förmliches Verhör.

Sie vereinbarte feste Kontaktzeiten vor und nach dem Gespräch. Falls Daniel einen anderen Ausgang, ein Fahrzeug oder einen zweiten Ort verlangte, sollten Eva und Nora nicht folgen. Die Polizei entschied selbst, ob seine aktuelle rechtliche Stellung weitere Maßnahmen erlaubte. Keine der Frauen bekam den Auftrag, ihn festzuhalten oder zu verfolgen.

Nora stimmte ebenfalls zu. Ihre Nachricht im gemeinsamen Ordner kam sofort:

Keine Einzelverhandlung. Keine Erklärung für mich oder Eva.

Eva bestätigte.

Am Morgen des Treffens erhielt sie eine weitere Forderung von Daniels Anwalt. Daniel wollte, dass Helene bis zum Ende des Gesprächs nicht über seine Anwesenheit informiert wurde.

Eva antwortete über Tobias:

Sie werde Helene nicht privat benachrichtigen. Sie könne nicht kontrollieren, welche rechtmäßigen Schritte Polizei, Hotel oder andere Stellen unternahmen.

Daniel bekam keine Geheimhaltungsgarantie.

Im Zug nach Hamburg saßen Eva und Nora nebeneinander. Keine sprach darüber, wie Daniel aussehen könnte. Eva wollte nicht wieder eine Szene vorbereiten, in der sein Gesicht den Wert der Beweise bestimmte.

„Wenn er sagt, er habe uns geschützt?“, fragte Nora.

„Dann fragen wir, was er getan hat.“

„Wenn er weint?“

„Dann weint er.“

„Sie haben wirklich für alles eine langweilige Antwort.“

Eva sah aus dem Fenster. „Nicht für alles.“

Der Hotelraum lag neben der offenen Lobby. Eine Glaswand machte sichtbar, wer hinein- und hinausging. Tobias und Daniels Anwalt prüften die Sitzordnung. Auf dem Tisch lagen nur leere Blöcke, Wasser und zwei nummerierte Mappen, die Daniels Anwalt mitgebracht hatte.

Nora und Eva betraten den Raum gemeinsam und konnten ihn unabhängig verlassen. Keine saß zwischen Daniel und der Tür. Auch diese kleine Anordnung verhinderte, dass ein angeblich freiwilliges Gespräch später anders beschrieben wurde.

Eva fasste keine Mappe an.

„Was ist darin?“

„Kopien von Zahlungs- und Archivhinweisen“, sagte der Anwalt. „Die Herkunft wird im Gespräch erklärt.“

„Keine Übergabe ohne Liste“, sagte Tobias.

Eine Inhaltsübersicht wurde erstellt, bevor der Raum geöffnet wurde.

Daniel war noch nicht da.

Fünf Minuten vergingen.

Nora sah zur Tür, nicht zu Eva.

Nach zehn Minuten rief Daniels Anwalt ihn an. Keine Antwort.

Eva spürte den alten Mechanismus. Warten, zweifeln, den eigenen Plan verändern. Sie stand auf.

„Wir gehen zur vereinbarten Zeit plus fünfzehn Minuten.“

In der vierzehnten Minute erschien Daniel in der Lobby.

Kein Mantel über dem Gesicht. Kein sichtbarer Begleiter. Er blieb am Empfang stehen, zeigte ein Dokument und folgte dann seinem Anwalt zum Raum.

Eva erkannte seinen Gang, bevor sie sein Gesicht vollständig sah.

Achtzehn Jahre verschwanden nicht aus dem Körpergedächtnis.

Sie blieben trotzdem keine Vollmacht.

Daniel setzte sich ihnen gegenüber.

„Danke, dass ihr gekommen seid“, sagte er.

Eva öffnete ihren Block.

„Wir sind nicht für dich gekommen“, sagte sie. „Wir sind wegen der überprüfbaren Fakten hier.“

Der Anwalt begann das Protokoll.

Daniel war zurück.

Unter Bedingungen, die diesmal nicht er festgelegt hatte.